"Mir geht es nicht um Kunst, sondern ums Leben"

27. Oktober 2010, 17:22
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Die Viennale würdigt den österreichischen Experimentalfilmemacher Siegfried A. Fruhauf mit einem Spezial

Dominik Kamalzadeh sprach mit ihm über Zwänge, Festivalräusche und die Kraft des Kinos.

STANDARD: "Tranquility", Ihr neuester Film entstand über einen längeren Zeitraum hinweg – wie kann man sich diesen Arbeitsprozess vorstellen?

Fruhauf: Es gibt kein Rezept, sondern nur den Umgang mit Material – eine reduzierte, fast trashige Arbeitsweise, bei der sich verschiedene Techniken verschränken. Bei Tranquility sind die ersten Kontaktkopien – von 16-mm-Material – vor mittlerweile zehn Jahren entstanden. Man findet Bilder – es ist ja ein Found-Footage-Film – und weiß, da steckt etwas drinnen. Manchmal geht's schnell, dass ich sie zu einem Inhalt verdichte. Das Material liegt dann mal ab, ich schaue es wieder und wieder an, andere Bilder kommen hinzu, und schließlich folgt die digitale Bearbeitung. Am Ende ist es dann eine rastlose, intensive Zeit.

STANDARD: Der Film durchläuft verschiedene Stadien – es beginnt mit einer Frau am Strand, es folgen ein Flugzeug, Assoziationen zur Raumfahrt. Geht es um einen Zustand des Schwebens, um eine Entkoppelung von der Schwerkraft?

Fruhauf: Ja, mich beschäftigen die Zwänge, die uns dieser Planet auferlegt. Zwänge, die im filmischen Raum aber nicht existieren müssen. Ich will keine Illusion erzeugen, sondern sie eher zerstören – im Sinne von: zeigen, was mit dem Medium alles möglich ist. Der Film ist ziemlich vielschichtig, und es fällt mir inzwischen wesentlich leichter, assoziativ zu arbeiten. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, erklärbar zu sein. Dadurch wird es künstlerischer.

STANDARD: "Tranquility" weist einige Brüche auf, die durch den Ton noch verstärkt werden. Wie verhalten sich Bild- und Tonebenen zueinander? Einmal herrscht sogar vollkommene Stille.

Fruhauf: Bei den letzten Arbeiten, bei Palmes d'or und Tranquility, habe ich den Ton selbst gemacht, was ich auch gerne tue. Die früheren Arbeiten waren viel repetitiver angelegt, der Sound konnte dadurch flächiger sein – da ist es leichter, sich den von jemand anderem fertigen zu lassen. Diesmal musste er von mir kommen, weil ich die Arbeit auch niemandem hätte erklären können. Der Vorteil am digitalen Schneiden ist ja, dass man lange herumprobieren kann. Die "Tranquility Base" war übrigens auch der Ort der Mondlandung – ich habe Bücher darüber gelesen, in denen die Stille dort beschrieben wird. Diese Ruhe finde ich total faszinierend.

STANDARD: Die Avantgarde hat immer einen Gegner: den Realismus, oder das industrielle Kino. Bei Ihnen klingt es ein wenig so, als ginge es nicht mehr um eine bildliche, sondern um die reale Welt.

Fruhauf: Ich kann durchaus sagen, mir geht es nicht um die Kunst, sondern ums Leben. Es gibt zwar viele Aspekte, die mit dem Raum des Kinos spielen: Das Kino hat als Medium das größte philosophische Potenzial. Von dem, was die Welt bedeutet, enthält es am meisten. Und heute ist es ja auch nicht mehr notwendig, dass man die Formen des Kinos aufbricht. Das begegnet uns ja in allen Bereichen.

STANDARD: Umgekehrt arbeitet sich "Palmes d'or" am symbolischen Ort des Kinos ab. Gab es die Intention, sich an Cannes ...

Fruhauf: ... zu rächen? Es war ein starkes Erlebnis, dort zu sein – das beeindruckt. Und dann denkt man sich: Ganz so ernst nehmen muss man das alles auch nicht. Wenn man etwa sieht, dass die Treppe unter dem Red Carpet aus Pressspannplatten besteht: Das ist die Art von Kontrast, den auch Palmes d'or sucht. Andererseits geht es darum, diese Eindrucksflut zu visualisieren. Darum, die Erinnerung an einen Rausch auf die Leinwand zu bringen.

STANDARD: Sie haben über 800 Fotos übereinandergeschichtet.

Fruhauf: Ja, die Foto sind im Halbformat aufgenommen, was genau dem Kinoformat entspricht. Ich wollte in jenem Format aufnehmen, das seit Edison das gleiche ist. Dann kommt eine digitale Postproduktion hinzu. Die Abfolge der Bilder wird geschichtet, bis sich die Erinnerung zersetzt. Man kennt das ja von Festivals, dieses Nachrauschen, das Loch danach. Fast ein wenig depressiv. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Palme als Motiv erkennbar bleibt.

STANDARD: "Structural Filmwaste 1" ist wiederum ein Film, der vom Analogen ins Digitale führt und damit eine Ablöse beschreibt. Wo verorten Sie sich innerhalb dieser Ablöse?

Fruhauf: Sie ist klar in meinem Bewusstsein – sonst würde die Arbeit ja auch nicht so aussehen. Ich sehe mich fast als ein wenig retro, weil die Ablöse ja schon zu einem anderen Zeitpunkt begonnen hat. Die ersten digitalen Schnittplätze sind 1995 gekommen, da bin ich ein wenig zu spät dran. Meine ersten Arbeiten sind auf 16 mm, richtig altmodisch am Schneidetisch entstanden. Das Wichtige war das Medium, das Haptische daran.

STANDARD: Klingt da auch noch die avantgardistische Tradition in Österreich nach?

Fruhauf: Darauf berufe ich mich definitiv. Man hat alles aufgelöst, bis es bei Peter Kubelka nur noch Schwarz und Weiß gab. Das betrifft die filmische Materialität, die digitale Ebene kommt dann noch hinzu. Nun kann man nicht nur die Abfolge der Bilder strukturieren, ich kann das Bild selbst strukturieren, weil ich Pixels habe, die einer Ordnung unterzogen werden können. Der Verlust betrifft allein das Materielle. Wir können ja alle schwer damit umgehen, dass digitale Träger nicht haltbar sind. Als Mensch will man die Dinge immer bewahren. Wir müssen aber akzeptieren, dass die Dinge verschwinden.

STANDARD: Fühlen Sie sich eigentlich mehr dem Kino oder der Kunst zugehörig?

Fruhauf: Ich kann klar sagen, dass das Kino mein bevorzugte Ort ist, weil ich so denke. Mein Gehirn funktioniert immer noch analog.

STANDARD: Im Kino kommt natürlich eine ganz andere Betrachterposition zum Tragen.

Fruhauf: Ja, man ist den Bildern viel stärker ausgesetzt. Im Film kann man sich auch als Künstler mehr zurücknehmen. Man verschwindet im dunklen Kinosaal. Die bildende Kunst lebt viel stärker von der Person des Künstlers – das hat ja schon Duchamps gesagt. Natürlich mache ich auch Arbeiten für Ausstellungen. Ein bisschen zwischen den Fronten zu sitzen ist oft gar nicht so schlecht. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD – Printausgabe, 28. Oktober 2010)

29. 10., Künstlerhaus, 18.30; Carte-Blanche-Auswahl: 31. 10., 16.00

Siegfried A. Fruhauf (34), geboren in Grieskirchen, studierte experimentelle visuelle Gestaltung in Linz. 2002 Förderpreis für Filmkunst des BKA.

  • Filmfestival-impressionen im Rausch der Zersetzung: Siegfried A. 
Fruhaufs furioser Kurzfilm "Palmes d'or".
    foto: sixpack

    Filmfestival-impressionen im Rausch der Zersetzung: Siegfried A. Fruhaufs furioser Kurzfilm "Palmes d'or".

  • Zwischen den Fronten: Fruhauf.
    foto: sixpack

    Zwischen den Fronten: Fruhauf.

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