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27. Oktober 2010, 16:49
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Das Auto in der Kunst, der Künstler und das Auto: Damit befasst sich diese Serie. Zum Auftakt sprach Andreas Stockinger mit mit dem Künstler und Pionier computergenerierter Bilder Dieter Huber

"Ich mache keinen Führerschein, weil ich nichts von Autos halte. Verbrennungsmotor? Schnee von gestern." Dieter Huber (17). "Ich mache jetzt den Führerschein, denn ohne hab' ich einen Wettbewerbsnachteil." Dieter Huber (22). "Mein erstes eigenes Auto war ein Jaguar XJ 6, Baujahr '68. Ist heute ein Hochzeitsauto in Linz." Dieter Huber (36). "Den Maserati 3200 GT hab' ich immer noch. Steigt auch enorm im Wert." Dieter Huber (48).

Das ist jener Dieter Huber, den wir anlässlich des Auftakts unserer salopp "Künstler & Karren" apostrophierten Serie (in Anlehnung an den Thespiskarren der Theaterleute) in seinem Salzburger Wohnhaus und Atelier treffen. Er hat sich darauf vorbereitet, gründlich, wie es seine Art ist - und war doch "selbst davon überrascht, wie viel ich eigentlich bisher zum Thema Automobil gemacht habe" .

Doch Vorsicht: Wahre Kunst bleibt nicht an der Oberfläche kleben, sie dringt in tiefere Schichten, Metaebenen, arbeitet subtil metaphorisch, assoziativ, "psychogrammisch" . Wo sie augenzwinkernd hinterfotzig wird, wirkt sie besonders sympathisch. Bei Huber: "Das Auto ist ja so vielseitig besetzbar. Als Symbol für den modernen Massenmenschen etwa."

Schon die Titelgebung betont, dass das Auto oft nur als Träger einer anderen Botschaft dient. Einziges Bild, bei dem das gezeigte Objekt zugleich Auslöser war, ist Maserati 3200 GT (2006; 125 x 195 cm). Und doch spielt auch hier die wohlkalkulierte Verfremdung, Manipulation der Wirklichkeit eine Rolle: Solche rauchenden Colts, Pardon, Auspüffe wird man realiter nicht erleben, es sei denn bei Motorschaden. Es qualmen die kurz vor Ausbruch (Abfahrt) stehenden V8-Vulkane.

Kommen die dann zur Eruption, geht's ums Tempo, weil eben Sportwagen. Faszination Geschwindigkeit? Es ist diese allerhöchste Konzentration auf einen Punkt, die Huber fasziniert; da kommen Autofahren und künstlerisches Schaffen einander überraschend nahe.

Ein anderes Bild aus der Serie Airborn 00-59. Computer Aided Paintings wäre Attentat (2005, 165 x 240 cm). Ein Projektil hat eben die Windschutzscheibe durchschlagen, das Opfer sackt durch die aufgesprungene Fahrertür nach unten weg, oben flackert das ewige Licht, profan als Innenbeleuchtung - ein letzter Blick, verewigt. Wie gesagt, Bildmetaphern.

Huber arbeitet gegenständlich. Ästhetik zur Vermittlung der Inhalte ist ausdrücklich erlaubt (selbst, wenn Grauen Thema ist), und "es schadet nichts, wenn ein Künstler was kann" , im Sinn von: sein Handwerk beherrscht (schon aus Respekt vor der Kunsttradition) - im Gegenteil: Huber stellt an sich höchste Qualitätsansprüche, was das Handwerkliche betrifft.

Credo eines Unangepassten: "Kunst muss Inhalt haben. Muss formal und medial relevant sein. Relevanz für den Kunstmarkt spielt hingegen keine Rolle." Wenn sein Œuvre sich einer klaren formalen Schubladisierung entzieht, liegt das auch daran, dass er in Werkzyklen arbeitet. Bei der Wahl für ein Thema läuft das so: Erst beschäftigt ihn ein Inhalt, danach wird der geprüft auf gesellschaftliche Relevanz, dann wird draus ein Werkzyklus.

Schon bei diesem Auswahlkriterium stehen Individuum und Masse in einem Spannungsfeld, das ist zugleich der eigentliche, der durchgehende rote Faden seines Schaffens - und Titelgeber der neuen Serie (seit 2008) Characters & Crowds: Einzelmenschen in der Masse, gegen die Masse. Fast klingt ein wenig Schiller raus ("Mehrheit ist der Unsinn. Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen" ), Goethe ("Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet" ); und, übrigens: Massenmobilität ist natürlich auch eine Facette dieses Themas. Characters & Crowds? Das ist angerichtet in Öl auf Edelstahl. Schemenhaft spiegelt sich der Betrachter im Bild - und wird so zu dessen und der Inszenierung Bestandteil. So mag er das, der Huber.

Wenn es stimmt, dass Künstler - also: wahre Künstler - Seismografen, Frühwarnsystem für gesellschaftliche Entwicklungen sind, dann reiht sich der sympathische Bursche in eine große Ahnengalerie. Künstlerische Auseinandersetzung mit aktuellen Themen: Bereits in den 1980er-Jahren befasste er sich mit Computerkunst, als die noch belächelt wurde; erst mit der Aufwertung der Fotografie war auch ihre Zeit gekommen. Oder mit Gentechnik, noch bevor diese Politik, Medien, Menschen beschäftigte.

Neuerdings, seit 2005, recherchiert er auf den italienischen Inseln südlich Siziliens, Lampedusa und so. Daraus entsteht ein grandioser, grandios erschütternder dokumentarischer Werkzyklus zur Flüchtlingsproblematik. Hubers erster (kritischer) Zyklus ums Auto hieß übrigens Auto Dafé, 1998, Teil eines Projekts des Salzburger Kunstvereins. Auto Dafé? Künstler als Großinquisitor oder was? Es wurden gesucht, im Problembezirk Lehen: 50 Autobesitzer. Die durften wählen: aus 50 Schlagworten.

Und so inszenierten die Teilnehmer sich und ihr Auto als Intervention im öffentlichen Raum. Ein bosniakischer Bekannter beklebte seinen Renault Espace mit Tschuschnkiste (seine Kinder in der Schule waren weniger amused als er). Eine Clio-Besitzerin ihren Renault mit Geiles Fahrgestell, eine andere ihren Suzuki Swift mit Lebensgefährt. Mut bewies auch der Corvette-Fahrer mit Licence to kill, ein 500er Puch kam als Führerhaus daher, ein Mercedes SL durfte öffentlich verkehren. Gesellschaftkritik ja. Aber ein bisserl Spaß: Muss. Schon. Auch. Sein. (Andreas Stockinger/DER STANDARD/rondoMOBIL/Oktober 2010)

Informationen: www.dieter-huber.com

  • Bis die Nadel ansteht - Bentley ("ChilledThrill" aus der Serie „Characters & Crowds", 2009. 90 x 180 cm) jenseits der 300 Sachen, und vollste Konzentration bitte: beim Fahren wie beim künstlerischen Schaffen. 
    foto: dieter huber

    Bis die Nadel ansteht - Bentley ("ChilledThrill" aus der Serie „Characters & Crowds", 2009. 90 x 180 cm) jenseits der 300 Sachen, und vollste Konzentration bitte: beim Fahren wie beim künstlerischen Schaffen. 

  • Jaguar-Motorblock ("Airborn24/JAG", 2004, 140 x 190 cm), fast wie in der
 Wirklichkeit. Wer genau hinsieht, merkt, dass subtil an der 
Wirklichkeit manipuliert wurde - das ist oft im echten Leben auch nicht 
anders.
    foto: dieter huber

    Jaguar-Motorblock ("Airborn24/JAG", 2004, 140 x 190 cm), fast wie in der Wirklichkeit. Wer genau hinsieht, merkt, dass subtil an der Wirklichkeit manipuliert wurde - das ist oft im echten Leben auch nicht anders.

  • Der SL war Bestandteil des Projekts "Auto Dafé" (1998),
 sein Besitzer durfte, ja musste eine Zeitlang öffentlich verkehren.
    foto: dieter huber

    Der SL war Bestandteil des Projekts "Auto Dafé" (1998), sein Besitzer durfte, ja musste eine Zeitlang öffentlich verkehren.

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