11'09''01: Eine Frage der Perspektive

27. März 2005, 00:23
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Elf internationale Filmemacher haben mit kurzen Filmen auf 09/11 reagiert: Wegen der Vielfalt der Standpunkte - sehenswert

Wien – Exakt elf Regisseure nach 09/11 mit jeweils einem Kurzfilm à elf Minuten und neun Sekunden zu beauftragen: Dazu gehört ein gewisses Maß an Prätention. Was soll es bedeuten, wenn im Vorspann vom französischen Produzenten Alain Brigand "völlige Freiheit im Ausdruck" versprochen wird? Soll das heißen, dass nach 09/11 die Freiheit des Ausdrucks (gesetzt, dass der oder die sich Ausdrückende nicht unter Schock steht) eingeschränkt sein könnte?

Egal: Brigands Unternehmen 11'09''01 war, als es im Vorjahr erstmals bei den Filmfestspielen in Venedig präsentiert wurde, jede Menge PR sicher. Und ja, einige Filmemacher haben tatsächlich wenn schon nicht immer unbedingt handwerklich interessante Arbeiten, so doch zumindest (aus westlicher Sicht) ungewöhnliche Perspektiven eingenommen. Der mit Abstand beste Beitrag kommt aus Burkina Faso von Idrissa Ouedraogo: Fünf Kinder in Ouagadougou lesen vom Lösegeld, das die USA auf Osama Bin Laden ausgesetzt haben. In der Tat: Auf dem Marktplatz meinen sie den Oberterroristen zu erkennen und nehmen die Verfolgung auf ...

Das klingt absurder, als es in der realen Armut, in der diese Kinder aufwachsen, ist. Dagegen: die Summe von 25 Millionen Dollar. Kein Wunder, dass die Buben am Ende einem abfliegenden Jet hinterherflehen: "Bin Laden, wir brauchen dich. Komm zu uns zurück!"

Wenn 11'09''01 so etwas wie Sinn macht, dann in jenen Momenten, in denen sich Relationen verschieben. In denen das Beben, das der Einsturz der Twin Towers ausgelöst hat, nur noch peripher wahrnehmbar ist: Etwas zu kunstvoll zeigt dies in einer Plansequenz etwa der israelische Regisseur Amos Gitai, wenn ein Selbstmordanschlag in Tel Aviv plötzlich nicht auf Sendung geht, weil in New York gerade "Schlimmeres" (?!) passiert.

Oder wenn im Beitrag von Samira Makhmalbaf eine Lehrerin afghanischen Schülern im Iran nur schwer vermitteln kann, was sich in Manhattan ereignet hat. Die Kleinen sind mehr damit beschäftigt, dass zwei Menschen in der Nähe in einen Brunnen gefallen sind. Was sind Türme? Und was heißt: "Mit Ziegelsteinen werdet ihr Atombomben nicht aufhalten?" Wenn so viele Fragen im Raum stehen, ist es schwer, Schweigeminuten ab-und einzuhalten.

So wird denn auch in anderen Arbeiten in 11'09''01 immer wieder der Zwang zum Statement, zur sprachlichen Artikulation spürbar: Der ägyptische Regisseur Youssef Chahine flieht in Traumgespräche mit einem amerikanischen GI, der in Beirut gefallen ist. Die indische Filmemacherin Mira Nair verdichtet die Geschichte einer pakistanischen Familie in New York, die ins Netz der Terrorfahndung geriet. Und der Brite Ken Loach greift auf das Stilmittel eines Briefes und eines politischen Bekenntnisses zurück: Ein Chilene im Londoner Exil erinnert da an den 11. September 1973, als die amerikanische Einflussnahme auf seine Heimat im Sturz Salvador Allendes und faschistischen Terror gipfelte.

Daneben: Bemühte Poesie von Claude Lelouch, ein Altherren-Porträt von Sean Penn, über das man besser den Mantel gnädigen Schweigens breitet, oder Wahrnehmungen von 09/11 in Bosnien, etwas betulich inszeniert von Denis Tanovic. Nur wenige Beiträge künden letztlich von dem, was der japanische Regisseur Shohei Imamura für sich formulierte: "Ich dachte weniger an die Ereignisse selbst als daran, was einen richtigen Kurzfilm ausmachen würde."

Imamura antwortet auf die Bilder aus Manhattan denn auch mit einer Sage: Ein Soldat kehrt als Schlange in sein Dorf zurück, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, schon ist die US-Atombombe ein Thema. Man sieht, wie die "Schlange" aus dem Dorf getrieben wird. Aber der Fluch, der über allen zu lasten scheint, er bleibt. Ein schönes Rätsel am Ende einer Reihe von Ansagen, bei denen vielen vieles viel zu klar erscheint. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.5.2003)

  • Was ist ein Turm? Samira Makhmalbaf schickt in ihrem Beitrag zu "11’09’’01" afghanische
Flüchtlingskinder im Iran mit ihrer Lehrerin auf Exkursion
    foto: polyfilm

    Was ist ein Turm?
    Samira Makhmalbaf schickt in ihrem Beitrag zu "11’09’’01" afghanische Flüchtlingskinder im Iran mit ihrer Lehrerin auf Exkursion

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