Liebender Blick, ruhige Hand

2. Mai 2003, 19:14
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Hommage an das Fotowerk von Henri Cartier-Bresson in Paris

In der französischen Nationalbibliothek in Paris wird bis 27. Juli dem kaum überschaubaren Fotowerk von Henri Cartier-Bresson gehuldigt. Sichtbar werden die Umrisse einer Jahrhundertgestalt.


Paris - Immer am Schnittpunkt der Zeit, im entscheidenden Moment am richtigen Ort: Seit 1931 ist Henri Cartier-Bressons Kamera einsatzbereit. Cartier-Bressons inneres Auge behält selbst in kritischer Lage das Gespür für geometrische Proportionen und stellt eine sensible Verbindung zur Fotosituation her.

Mit seinen 94 Jahren ist der rüstige Fotograf, 1949 Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, die Persönlichkeit dieser Woche in Paris: Er und seine Frau Martine Franck, ebenfalls Fotografin, eröffnen am 2. Mai seine gemeinnützige Stiftung La Fondation Henri Cartier-Bresson, die erste anerkannte Privatstiftung eines Fotografen in Frankreich.

In einem großartig renovierten Art-déco-Stahlglasbau hinter dem Bahnhof Montparnasse stehen zwei Ausstellungsräume von je 80 Quadratmetern zur Verfügung, wo die Eröffnungsausstellung Les choix d'HCB ("Henri Cartier-Bressons Auswahl") zeigt. Des Künstlers Auswahlkriterien, die er mit seiner kalligrafischen Handschrift an eine Stiftungswand schreibt: "Engagierte Fotografen, geometrisch blickende Poeten oder einfach talentierte Beobachter". Also Wahlverwandte: Alfred Stieglitz, Walker Evans, Anton Kertész, Sarah Moon, Inge Morath, Ernst Haas, Weegee, Man Ray und andere.

Das Archiv von Henri Cartier-Bresson - fast tausend Vintage-Fotos, Kontaktabzüge, Zeichnungen, Filme, Bücher in Vorzugsausgaben und Zeitschriften - befindet sich in den Obergeschoßen des Stiftungshauses. Die mit einem Startkapital von einer Million Euro und einem Jahresbudget von 400.000 Euro dotierte Stiftung HCB kümmert sich auch um einen Fotopreis.

Zwischen den Buchtürmen der neuen Nationalbibliothek, (Bibliothèque nationale de France) befindet sich die Cartier-Bresson gewidmete Retrospektive unter dem Titel De qui s'agit-il? ("Um wen handelt es sich?"). In einem Riesensaal wurden kurvenförmige Wände eingezogen, die - neben Vitrinen mit Familienfotos und Buchentwürfen - zusätzliche Hängeflächen bieten und in geografisch-chronologische Einheiten gegliedert sind, denn der Fotograf war einer der Globetrotter des 20. Jahrhunderts.

Von 1931 bis 1974 reiste er ständig, wobei er häufig dasselbe Land in gewissen Abständen zweimal besuchte und dabei Zustände und Menschen verglich. In Bali und Indonesien fotografierte er 1949, in der UdSSR 1954 und 1973, in den USA von 1935 bis Ende der 70er-Jahre. Mit seinen Fotos aus Indien, wo er unmittelbar vor dem Tode Gandhis 1948 ankam, schuf er weit mehr als Dokumentarfotos.

Generell zählen Cartier-Bressons Fotos zum visuellen Kollektivgedächtnis. Was in der Ausstellung mit kleinen, meist von HCB selbst entwickelten Abzügen, die in Vitrinen präsentiert sind, und Großabzügen an Kurvenwänden doppelt verdeutlicht wird. Erwähnt seien auch noch die Porträts Intellektueller: Jean-Paul Sartre, Max Ernst, Arthur Miller, Samuel Beckett, Alberto Giacometti. Eine Skulptur des Letzteren, L'homme qui marche, befindet sich als Metapher im Ausstellungsparcours, der mit Zeichnungen, Lithografien und Malereien des Künstlers endet - der seit 1974 nur noch selten fotografiert, sondern mit dem Zeichenstift "meditiert". (DER STANDARD, Printaugabe vom 3./4.5.2003)

Von
Olga Grimm-Weissert
  • Die Fotos von Henri Cartier- Bresson (im Bild: „Troisième et dernier visuel“) erkunden die Physiognomie von Landschaften und Mentalitäten.
    foto: la fondation henri cartier-bresson

    Die Fotos von Henri Cartier- Bresson (im Bild: „Troisième et dernier visuel“) erkunden die Physiognomie von Landschaften und Mentalitäten.

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