"Gegen Rechtsruck hilft keine Integrationsseite"

26. Oktober 2010, 20:18
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Tabubruch nach der Wien-Wahl und Chancen für den Journalismus durch Migranten: Clara Akinyosoye, Chefredakteurin von M-Media, spricht über das "Entwicklungsland Österreich"

STANDARD: Laut Simon Inou, dem Gründer von M-Media, ist Österreich bei "Migranten und Medien" ein "Entwicklungsland". Sind wir mittlerweile wenigstens ein Schwellenland?

Akinyosoye: (lacht) Nein, noch nicht. Es gab in den letzten Jahren viele Integrationsseiten oder Schwerpunkte. Aber Migranten sind immer noch kaum als Redakteure oder Moderatoren aktiv.

STANDARD: Wie hat sich die Berichterstattung über Migranten in den Medien verändert? Ist es besser geworden?

Akinyosoye: Nach der Wien-Wahl sind Dinge zu lesen, die man sich früher nicht getraut hätte. Jetzt wählen fast 30 Prozent die FPÖ, in der ÖVP und in der SPÖ gibt es Kräfte, die diese Ideologie teilen. Es kommen Meinungen zu Tage, die für mich untragbar sind. Gegen diesen Rechtsruck hilft auch keine Integrationsseite.

STANDARD: Ist dieser Rechtsruck auch in den Medien und der Berichterstattung erkennbar?

Akinyosoye: Wenn es um Türken geht, wird zum Beispiel oft von "Integrationsunwilligkeit" gesprochen. Man suggeriert unhinterfragt, dass sich Leute auf keinen Fall integrieren wollen. Ich finde das vor allem bei Qualitätszeitungen unfassbar und unerträglich. Hier sollte man im Gegensatz zum Boulevard differenzierte Berichterstattung erwarten können. Umso enttäuschender ist es, wenn Klischees verbreitet oder Sager aus der Politik kommentar- und kritiklos übernommen werden.

STANDARD: In Österreich gibt es insgesamt 71 Migrantenmedien. Ist es nicht eine Ghettoisierung, wenn man so unter sich bleibt? Steht das nicht im Widerspruch zum Integrationsgedanken?

Akinyosoye: Auf der einen Seite ist es ein Ghetto, man hat seine eigenen Nischen und Themen, und das verändert nicht unbedingt die Umgebung. Allerdings haben Frauen auch in Frauenzeitschriften angefangen, konnten sich dort beweisen, um dann in andere Redaktionen einzusteigen. Niemand sagt, dass dieStandard.at ein Ghetto ist: Auch das ist auf bestimmte Themen reduziert, und nur Frauen schreiben dort. Da wird mit zweierlei Maß gemessen.

STANDARD: Es gibt kaum Zahlen, wie viele Journalisten mit Migrationshintergrund es in Österreich gibt. Ein Projekt kommt auf die "vorsichtige Schätzung" von 0,5 Prozent. Dabei haben wir fast 18 Prozent Migranten. Wie gibt es das? Das ist doch ein klares Missverhältnis.

Akinyosoye: Man hört vonseiten der Medienmacher, es gebe Sprachdefizite, aber daran liegt es sicher nicht. Ich kenne viele, die sehr gut Deutsch sprechen, und trotzdem den Sprung nicht schaffen. Manche wagen es auch nicht. Im Medienbereich sind Netzwerke wichtig, und die haben Migranten oft nicht. Eine Lösung wäre im Rahmen eines Praktikums, einer Lehrredaktion, eine Quote einzuführen.

STANDARD: Wie kann der Journalismus von Journalisten mit Migrationshintergrund profitieren?

Akinyosoye: Wenn Migranten journalistisch tätig sind, kommen eben andere Aspekte und Geschichten zu Tage. Immer mehr Migranten leben hier, die man ansprechen kann und auch muss. Man darf sich nicht wundern, dass es so viele Migrantenmedien gibt, denn die österreichische Medienlandschaft deckt kaum etwas davon ab, was in der Realität tatsächlich passiert. (Bettina Figl, DER STANDARD; Printausgabe, 27.10.2010)

CLARA AKINYOSOYE (22) ist Chefredakteurin bei M-Media. Der Verein organisiert die Messe.Medien.Migration und gestaltet wöchentlich eine Integrationsseite in der "Presse". Akinyosoye studiert Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

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m-media.or.at

  • Akinyosoye lässt sich nicht reduzieren.
    foto: martinez-flener

    Akinyosoye lässt sich nicht reduzieren.

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