Große Wut, schwerreiche Financiers

26. Oktober 2010, 16:48
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Tea Party als Phänomen einer Mittelschicht, die Eliten verdammt und Reagan verehrt

Philadelphia - Die Anhänger der Tea Party sind in der Regel weiß (zu 89 Prozent), männlich (59 Prozent) und nicht mehr jung (75 Prozent älter als 45). Zudem sind sie besser gebildet als der Durchschnittsamerikaner: 37 Prozent haben einen College-Abschluss, während es im Schnitt der Bevölkerung nur ein Viertel ist. Viele verdienen gut, 56 Prozent über 50.000 Dollar im Jahr (US-Schnitt 45 Prozent). Dass es sich um Verlierer der Wirtschaftskrise handelt und ihre Parolen auf mangelnder Bildung und niedrigem Einkommen beruhen, haben die New York Times und der Sender CBS bereits im April in einer detaillierten Studie widerlegt.

Ihr Zorn richtet sich gegen die Eliten, gegen die Institutionen, weniger gegen eine bestimmte Partei. Das Weiße Haus und der Kongress, Rechtsanwälte und Wall-Street-Broker, die großen Zeitungen und Fernsehsender, die sie mit Ausnahme des Kanals Fox News für zu links halten: Sie alle steuern die USA nach Meinung der Tea-Party-Rebellen in den Ruin. Viele haben Republikaner gewählt und werden es wohl auch in Zukunft tun. Nostalgisch verklären sie Ronald Reagan, der als Präsident Steuern senkte, die Sowjetunion in die Knie zwang und die Größe der USA beschwor.

Gott und Kirche spielen nur eine Nebenrolle, das unterscheidet die konservativen Rebellen von der religiösen Rechten, die George W. Bush zu seinen Wahlsiegen verhalf. In der Hauptsache geht es um Wirtschaftsthemen, vor allem um das ausufernde Haushaltsdefizit. Die roten Zahlen, warnt die Tea Party, treiben die USA in die Abhängigkeit von China, das für Exportüberschüsse US-Staatsanleihen kauft. Es ist ein Punkt, in dem sie die Stimmung der politischen Mitte genau trifft.

Während sich die vielfach verzweigte Bewegung gern als Graswurzel-Phänomen darstellt, spontan gegründet im Zuge der Finanzkrise und der Konjunkturpakete Barack Obamas, wird sie von ihren Gegnern als "Kunstrasen" verspottet. So urwüchsig sei das alles gar nicht, sagen Kritiker, vielmehr akribisch organisiert von konservativen Strategen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

Geldgeber der Tea Party sind Großindustrielle, allen voran die Brüder Charles und David Koch. Die beiden betreiben Ölpipelines und Raffinerien, Teppich- und Papierfabriken. Mit einem geschätzten Vermögen von 35 Mrd. Dollar rangieren sie in der Liste der reichsten Amerikaner hinter Bill Gates und Warren Buffett auf Platz drei. Sie finanzieren etliche Kampagnen gegen Projekte Obamas, etwa gegen Gesundheitsreform oder strenge Umweltgesetze. (fh/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2010))

  • Konservative Sponsoren: Charles und David Koch.
    foto: koch industries

    Konservative Sponsoren: Charles und David Koch.

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