Alles nur für die Zwiebelsuppe

26. Oktober 2010, 16:20
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Von "Nouvelle-France" in Nordamerika sind nur ein paar Inseln geblieben. Zum Beispiel Saint-Pierre et Miquelon, die Kanada vorgelagert sind

Alle paar Wochen hat Chantal Neuf im kanadischen Neufundland Heißhunger auf eine echte französische Zwiebelsuppe. Und dann setzt sie sich in ihre fünf Meter kurze Nussschale von Motorboot und fährt schnell einmal rüber nach Frankreich. Eine gute halbe Stunde später ist sie an der Place du General de Gaulle auf französischem Boden und gleichzeitig im kulinarischen Himmel. Schließlich liegt Frankreich direkt vor der kanadischen Ostküste. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen. Das aus sieben Inselchen bestehende und insgesamt nur 242 Quadratkilometer große Stückchen Frankreich heißt amtlich Saint-Pierre et Miquelon. Die Polizisten sind hier französische Flics, Landeswährung ist der Euro, die Autos haben französische Nummernschilder, zwischen zwölf und 15 Uhr machen alle Geschäfte zu, und ab dem 60. Lebensjahr kassieren die gerade einmal 7000 SPM-Franzosen die französische Altersrente. Vive la France.

Mit den in Sichtweite auf Neufundland lebenden kanadischen Nachbarn verstehen sich die Inselbewohner mit französischen Pässen relativ gut. Schwerkranke SPM-Franzosen lassen sich im jenseits des Wassers liegenden Kanada-Krankenhaus von St. Johns behandeln, und die Kanadier liefern die meisten Lebensmittel. In den vergangenen mehr als drei Jahrhunderten haben sich die französisch- und die englischsprachigen Menschen in der Gegend ziemlich oft bekämpft. Im 17. Jahrhundert kamen französische Siedler und Fischer und gründeten im Nordosten des heutigen Kanada einschließlich der vorgelagerten Inseln Nouvelle-France. Die Engländer wollten da ihre eigene Kolonie aufmachen und warfen alle Franzosen raus, was die Franzosen im fernen Frankreich sehr erboste und da- zu führte, dass französische Soldaten unsanft die Engländer vertrieben.

Die ließen sich das auch nicht gefallen und so ging es ein paar Mal hin und her. Bis Frankreich und England 1763 im Frieden von Paris ihre Kriegerei beendeten. Damit war Frankreich seine Kolonien im Nordosten des amerikanischen Kontinents los und durfte nur noch die Inselchen Saint-Pierre und Miquelon behalten: ein Stückchen Frankreich im Nordatlantik. Die Regierung in Paris steckt bis zum heutigen Tag Irrsinnssummen in ihren Außenposten. Nationalstolz hat eben seinen Preis. Den SPM-Franzosen ging es gut, denn sie fischten den Nordatlantik leer. Und als alle Fische weg waren, brach erst recht der Wohlstand aus. Die US-Regierung verfügte 1920 mit der "Prohibition" ein totales Alkoholverbot, woraufhin sich die Leute auf SPM mit Hingabe dem Alkoholschmuggel widmeten. Dabei dem mischte der US-Gangster Al Capone kräftig mit, und noch heute zeigen Fremdenführer Touristen in der Hauptstadt Saint-Pierre stolz drei Häuser, die komplett aus Whiskey-Kisten zusammengezimmert wurden.

Mit dem Ende der US-Prohibition im Jahr 1933 trocknete das lukrative Schmuggelgeschäft mit Schnaps aus der Karibik aus, und SPM hing in finanzieller Hinsicht wieder voll am Pariser Tropf. Und die Heimatregierung ließ und lässt sich nicht lumpen. Sie subventioniert bis auf den heutigen Tag so ziemlich alles. Paris ließ auf SaintPierre sogar einen hypermodernen Transatlantikflughafen bauen, auf dem aber nur kleine Cityhopper landen und starten. Sie verkehren zwischen der Insel und dem nahegelegenen Kanada (Montreal, Halifax, St. John's und Sydney in Nova Scotia).

Ansonsten verdienen die SPM-Franzosen ihr Geld inzwischen hauptsächlich mit dem Fremdenverkehr. Als Urlauber ins Inselfrankreich mit den typisch französischen Kleinstadthäusern an engen Gassen sowie den menschenleeren Stränden reisen hauptsächlich die benachbarten Kanadier sowie Festlandfranzosen jenseits des Atlantiks an, die sich in der blitzsauberen Puppenstubenversion ihrer Heimat einmal umsehen wollen. In letzter Zeit kommen aber auch zunehmend deutschsprachige Touristen, die auf Kanada-Tour einen Abstecher nach Frankreich machen - wie Chantal Neuf aus Neufundland. Aber nicht nur wegen der Zwiebelsuppe. (Victoria Greystone/DER STANDARD/Printausgabe/21.10.2010)

Anreise von Europa aus nach Saint-Pierre (Frankreich) mit Air Canada via Montreal/Quebec oder Halifax / Nova Scotia. Montreal/Kanada wird aus Österreich kommend auch angeflogen, und zwar von den Airlines Lufthansa, British Airways, KLM, Air France, Delta sowie Austrian. Die Insel-Fluglinie Air Saint-Pierre fliegt Halifax, Montreal, St. John's (Neufundland) und Sydney (Nova Scotia) an.

Zwischen Fortune im Süden von Neufundland (Kanada) und Saint-Pierre verkehrt täglich die Personenfähre "Arethusa". Die Fahrtzeit beträgt bei gutem Wetter etwas mehr als eine Stunde.

Hotelbuchung

über www.tourisme-saint-pierre-et-miquelon.com

Leihwagen: Nicht erforderlich, die Inselgruppe ist klein.

Die Gesamtlänge befestigter Straßen beträgt nur 80 Kilometer. Die Inseln sind Teil der EU: Stromspannung: 220 Volt (nicht wie in Nordamerika 110 Volt).

Zahlungsmittel: Euro. US- und Kanada-Dollars werden von Touristen ebenfalls akzeptiert.

Einreise: EU-Bürger benötigen nur einen Reisepass. Aufenthaltserlaubnis in Kanada für EU-Bürger: sechs Monate. Touristische Information: www.tourisme-saint-pierre-et-miquelon.com

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    In ganz Frankreich wird gestreikt? Ganz Frankreich? Nein, auf zwei kleinen Inseln im Nordatlantik herrscht Ruhe. Saint-Pierre und Miquelon bei Neufundland gehören zu Frankreich.

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