Der Sprache gehorchen oder sie selbst machen

25. Oktober 2010, 17:30
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Über die Umsetzung der sprachlichen Berücksichtigung von Frauen wurde letzte Woche in Innsbruck diskutiert - Die Eröffnungsstatements zum Nachlesen

Innsbruck - Die Linguistin Claudia Posch und die dieStandard.at-Redakteurin Beate Hausbichler diskutierten beim  "Montagsfrühstück. Forum für strategische Langsamkeit" letzte Woche über die Notwendigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten von geschlechtergerechter Sprache. Der sprachpolitische Zweck für Maßnahmen, die für mehr Gleichheit in der Sprache zwischen Frauen und Männern sorgen sollen, stand sowohl auf dem Podium, als auch beim Publikum außer Frage. Für Diskussion sorgten allerdings Erfahrungsberichte rund um das Thema Akzeptanz von geschlechtergerechtem Sprechen und Schreiben oder die Frage, in wieweit Medien unseren Sprachgebrauch beeinflussen.

Mit den folgenden Statements (gekürzte Fassungen) eröffneten Claudia Posch und Beate Hausbichler die Diskussion, die von der Literaturwissenschaftlerin Julia Prager moderiert wurde.

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Viele Menschen behaupten Sprache sei neutral. Aber was heißt eigentlich neutral? Und was ist die Sprache? Früher wurde in der Sprachwissenschaft geglaubt, dass die Grammatik einer Sprache völlig vom Gebrauch derselben zu trennen sei. Das ging fast so weit, dass es den Anschein hatte die Grammatik habe sich völlig unabhängig vom Sprachgebrauch entwickelt, das heißt irgendwie unabhängig von den Menschen, die die Sprache benutzen. In der jüngeren Linguistik ist der Blick auf den Gebrauch von Sprache viel wichtiger geworden. Heute wird untersucht wie gesprochen wird, in allen Varianten und Variationen. Und eines ist klar: Die Sprache hat sich natürlich nicht unabhängig davon entwickelt, wie wir sie gebrauchen. Menschen machen die Sprache! Wir erzeugen die Laute mit unserem Mund und wir äußern unsere menschlichen Gedanken durch die Sprache. Wir verwenden sie überall und wir verwenden sie in verschiedenen Situationen anders. Wir passen sie immer dafür an wofür wir sie brauchen. Die Sprache ist daher auf mehreren Ebenen nicht so neutral, wie wir gerne glauben.

Erstens, auf inhaltlicher Ebene, wo es darum geht was einzelne Personen sagen, da können Menschen natürlich selbst entscheiden, was sie sagen wollen. Und da finden sich ohne Zweifel noch immer genug offene und angedeutete Sexismen. Aber auf der tieferen Ebene der Grammatik kann es auch keine völlige Neutralität geben, auch die Grammatik wurde schließlich von den Menschen gemacht. Heute kann man davon ausgehen, dass das, was wir unter Grammatik verstehen ein stark konventionalisierter Sprachgebrauch ist. Ein verfestigter, immer wieder wiederholter Sprachgebrauch - Grammatik ist sozusagen das oft Gesagte. Und auf dieser Ebene sind wir es gewöhnt, immer nur die männliche Form zu verwenden. Das Problem dabei ist, dass wir es ebenso gewohnt sind, uns dabei auch immer nur Männer vorzustellen - das haben zahlreiche wissenschaftliche Studien gezeigt.

Die immer gleichen Argumente

Seit drei Jahrzehnten gibt es die immer gleichen Argumente gegen sprachliche Veränderung in Richtung einer geschlechtergerechten Sprache. Da wird eingewandt, dass man in die Sprache nicht eingreifen darf. Das ist vergleichbar mit der "Obersten Direktive" in Star Trek: diese verbietet, dass die Besatzungen der Sternenflotte in die Entwicklung anderer Spezies eingreifen. Natürlich passieren ständig solche Eingriffe. Gegen Sprachveränderungsstrategien wird oft eine ähnliche Direktive als Argument hervorgeholt. Dieser Argumentation liegt zugrunde, dass Sprache ein Organismus ist. Sie wird wahrgenommen als etwas lebendiges, so ähnlich wie ein menschlicher Organismus oder wie die Umwelt. Deshalb dürfe man in die Sprache nicht eingreifen. Die Sprache ist aber vielmehr eine Kulturleistung. Menschen haben sie kultiviert indem sie sie ständig veränderten und weiter verändern. Außerdem hat es immer politische Eingriffe in die Sprache gegeben, so wurde etwa im Englischen die Verwendung des generischen Maskulinums per Gesetz verordnet.

Andere GegnerInnen des künstlichen Sprachwandels berufen sich auf den Duden. Das hassgeliebte Binnen-I sei nicht im Duden. Aber wer oder was ist eigentlich der Duden? Der Duden ist nicht die Bibel der deutschen Sprache. Der Duden ist eine Institution, die nicht nur ganz objektiv die Sprache beschreibt und sagt, so ist sie: der Duden schreibt die Sprache vor, er normiert sie; auch der Duden greift ein. Grammatik- und Rechtschreibregeln sind nicht von selbst gewachsen, Menschen haben sich einfach darauf geeinigt, was als richtig und was als falsch gilt. Heißt es nun "der Butter" oder "die Butter"? Man hat sich geeinigt, dass es im Standarddeutsch "die Butter" heißen soll. Das bedeutet jedoch nicht, dass DialektsprecherInnen die ganze Zeit falsch sprechen. Die Sprache ist etwas, auf das man sich einigt. Auch beim Binnen-I sagt der Duden, man dürfe Buchstaben mitten im Wort nicht großschreiben. Es bleibt die Frage, ob sich der Duden auch gegen iPod und iPhone mit diesem Argument wehrt.

Mit den Mitteln der Sprache

Wenn wir uns also darauf einigen, dass wir nicht mehr länger wollen, dass die Leistungen von Frauen einfach vergessen oder ignoriert werden, dann können wir versuchen dies mit sprachlichen Mitteln zu erreichen. Frauen und Männer wurden und werden sprachlich einfach nicht gleich behandelt. Im Englischen ist der Beruf "LehrerIn" ein weiblicher Beruf. Somit beinhalteten viele Texte automatisch das weibliche Pronomen she. Als nun mehr Männer in diesen Beruf vordrangen, störten diese sich sofort an dem weiblichen Pronomen. Sie wollten nicht mit sie angesprochen werden. Es war den Männern also nicht zuzumuten, mit einem weiblichen Pronomen bezeichnet zu werden. Für Frauen sei es aber eine Auszeichnung mit männlichen Bezeichnungen angesprochen zu werden? Das war auch so, als Österreich eine erste Landeshauptfrau bekam. Sie wollte damals, dass man sie als "Landeshauptmann" bezeichnet. Einerseits wurde gesagt, der Amtstitel sei nun mal so, so als wäre er natürlich gewachsen und man ein Amt nicht einfach anders nennen könnte. Andererseits befürchten viele Frauen, wenn sie explizit genannt werden, würde das zum Beispiel das Amt abwerten. Dass dies auch sexistisch ist, fällt vielen gar nicht auf.

Ein weiteres beliebtes Argument ist auch, die geschlechtergerechte Sprache sei unbequem und hässlich, sie nehme einem Text die Ästhetik. Hier stellt sich nun die Frage: Darf man Menschen diskriminieren, weil es bequemer ist? Sprachästhetik ist ein sehr zweifelhaftes Argument. Warum schaffen wir nicht Deutsch überhaupt ab, weil Italienisch doch viel schöner ist?

Frauen werden gerne belehrt: natürlich seid ihr mitgemeint! Es wird ihnen befohlen sich gefälligst gemeint zu fühlen, wenn von Lehrern, Managern, Politikern und Millionären die Rede ist. Aber wie geht das bei Sätzen wie: "Ein Unfall kann jeden treffen: Bänker, Wissenschaftler, Manger und Hausfrauen." Ein einziges Wort meint ganz klar Frauen, doch wie ist das mit den anderen? Darüber nachzudenken ist ein Problem, das Männer niemals haben, sie sind beiden sogenannten neutralen Formen immer gemeint. Und bei einem Wort wie "Hausfrauen" würden sie sich wohl auch nicht gemeint fühlen wollen. Ein ähnliches Beispiel aus dem Buch "Welt retten für Anfänger" zeigt ebenfalls, dass die angeblich neutrale Form einfach nicht neutral verwendet wird. Natürlich können auch Frauen beim Welt retten Anfängerinnen sein und das Buch ist wohl nicht dafür gedacht, dass es nur Männer kaufen. Dennoch werden Quizfragen gestellt nach dem Muster: Beim nächsten Autokauf achten Sie ... aufs Geld, ... auf den Verbrauch, ... darauf, dass man es leicht einparken kann, damit es Ihnen Ihre Frau nicht zu oft abspenstig macht.

Es genügt also nicht nur, einfach nur stur -in einzufügen. Man muss sich schon von vornherein überlegen, was man schreibt. Denn viele Frauen haben keine Frau. (Claudia Posch)


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"Wir haben ja wirklich andere Probleme!" Das ist eine häufige Reaktion auf das Anliegen, doch bitte auf geschlechtergerechte Sprache zu achten. Keine Frage, andere Probleme haben wir zuhauf und jene, die sich mit Frauenpolitik und Feminismus beschäftigen kennen diese Probleme nur zu gut.

Ich möchte aber bestreiten, dass diese Schwierigkeiten so ganz von dem Problem einer männerzentrierten Sprache zu trennen sind, denn hier wie dort geht es um gesellschaftliche Verhältnisse. Dass wir die Diskriminierungen in der Arbeitswelt oder in der bildlichen Repräsentation von Frauen historisch-gesellschaftlichen Phänomenen verdanken würden nur mehr die wenigsten bestreiten. Vor diesem Hintergrund ergreifen - mehr oder weniger - die Politik und Institutionen gesellschaftspolitische Maßnahmen, um einem Frauen diskriminierenden Umfeld entgegenzutreten.

Wörter und Sätze "pflücken"?

Bei Sexismus innerhalb der Sprache scheint das Handlungsfeld hingegen weniger klar. Sprache wird oftmals als etwas "Natürliches" aufgefasst, so als würden wir Wörter und Sätze von Bäumen pflücken um sie dann - fix und fertig gereift - zu gebrauchen. Eingriffe in diese "Frucht" werden als "Verunstaltung" empfunden, die unnötige Komplikationen verursacht. Andererseits können wir aber den ständigen und schnellen Wandel von Sprache überall beobachten und  dass man diesem Wandel mit einer erstaunlichen Offenheit begegnet. Kommunikation im Netz veränderte zum Beispiel in relativ kurzer Zeit die gesprochene und geschriebene Sprache grundlegend. So haben nicht nur eine Menge neuer Wörter (Apps, twittern, facebooken) Einzug in unseren Sprachgebrauch gefunden, auch auf den Stil nehmen die aktuellen technologischen Entwicklungen widerstandslos und schnell Einfluss. So verändern auf eine bestimmte Zeichenanzahl eingeschränkte Textfelder Formulierungen und verändern so auch den sprachlichen Stil. Der praktische Nutzen lässt Rufe nach "sprachlicher Ästhetik" erst gar nicht aufkommen.

Obwohl es also einen Sprachwandel gibt und dieser auch aktiv mitvollzogen wird, entpuppte sich in den letzten drei Jahrzehnten die Durchsetzung einer konsequenten geschlechtergerechten Sprache bei Personenbezeichnungen als besondere Herausforderung. Geht es um Veränderung der Sprache dahingehend, das Maskulinum als Norm abzuschaffen, steht man sprachlichen Veränderungen mehr als zögerlich gegenüber und selbst ausgebildete "Sprachprofis" wie JournalistInnen scheinen sich damit überfordert zu fühlen.

Alles andere als ein Massenphänomen

Somit ist geschlechtergerechte Sprache noch immer keine Selbstverständlichkeit und alles andere als ein Massenphänomen. In den meisten Feldern gilt nach wie vor: Das Männliche ist die Norm. Wiederholt und vehement wird diese Norm mit dem Argument der Wahrung einer "korrekten" oder "lesbaren" Sprache verteidigt. Gleichzeitig wird aber bei jeglicher feministischen Sprachkritik auf die "Unwichtigkeit" dieses "Pseudoproblems" verwiesen. Wenn es nicht wichtig ist, spräche doch eigentlich auch nichts dagegen, nur mehr von Besucherinnen, Leserinnen, Künstlerinnen usw. zu sprechen. Ganz ohne Binnen-I. 

Da gegenüber solchen Maßnahmen von Feministinnen aber alles andere als Gelassenheit (die allerdings von jenen Frauen gefordert wird, die auf geschlechtergerechte Sprache bestehen) herrscht, könnte man den Schluss ziehen, dass es sich in Sachen geschlechtergerechter Sprache vielmehr um eine Glaubensfrage oder einen ideologischer Streit handelt. In diesem Fall wäre es ein ideologischer Streit, bei dem eine Gruppe markiert wird, und die andere unsichtbar bleibt. Denn jene, die das Binnen-I verwenden oder - ganz kühn - nur die weibliche Form verwenden outen sich als gläubig an die politischen Implikationen von Sprache oder gar als Feministinnen - was in manchen Zusammenhängen durchaus problematisch sein kann. Währenddessen bleiben jene, die auf die ausschließliche Verwendung des Maskulinums beharren, unmarkiert, sie sind die Neutralen. Mehr noch: Sie vermitteln ein entspanntes Verhältnis zu Sprache.

Aber ist der Zusammenhang von Sprache und gesellschaftlicher Wirklichkeit wirklich nur eine Glaubensfrage? 

Die Arbeiten des Sprachphilosophen John L. Austin sind ohne Zweifel frei von jeglichem Verdacht, im Sinne einer feministischen Sprachpolitik zu handeln. Austin hat Anfang der 60er in dem Text "How to Do Things with Words" den Zusammenhang von Sprache/Sprechen und sozialer Wirklichkeit bzw. Handeln aufgezeigt. Bestimmte Handlungen sind nur möglich, wenn die richtigen Worte gesprochen werden. Bei einer Hochzeit beim Standesamt dürfen die zu Trauenden nicht mit falschem Namen, die Braut als Mann angesprochen, oder auf die entscheidende Frage spaßeshalber mit "nein" geantwortet werden - all das würde dem Ritual die Gültigkeit rauben. Auch die Kraft der verletzenden Sprache oder der "Hate Speech" ist Fakt. Eine verbale Beleidigung kann Schmerzen und Leid verursachen. Das direkt-gemeint-sein ist für eine "erfolgreiche" Beleidigung unablässig. Männer fühlen sich nicht mit gemeint, wenn von "Tussis" die Rede ist. Es muss aber nicht gleich ein Schimpfwort sein, sondern einfach die Bezeichnung "Krankenschwester" würde vielen Männern schon für eine Kränkung reichen. Wenn Frauen als Techniker oder Ärzte angesprochen werden, dürfen sie sich nicht nur nicht beleidigt fühlen, sondern sie müssen sich auch noch "mit meinen." 

Die Kraft der Sprache auf unsere Vorstellungen von Berufsgruppen, Attributen für Frauen und Männer oder geschlechtsspezifischen Fähigkeiten zeugt davon: Sprache konstruiert unsere soziale Wirklichkeit, womit auch die Frage, ob feministische Sprachkritik Luxus ist, beantwortet ist. 

Wir sollten uns somit nicht weiter mit Argumenten wie "hässlich" oder "zu umständlich" herumschlagen, denn letztendlich erfordert die Umsetzung einer geschlechtergerechten Sprache in erster Linie einen emanzipatorischen Willen, diesen vorausgesetzt müssen die verschiedensten Möglichkeiten diskutiert und ausprobiert werden. (Beate Hausbichler)

  • Julia Prager (links), Claudia Posch (mitte) und Beate Hausbichler beim 
"Montagsfrühstück. Forum für strategische Langsamkeit".
    foto: verena gollner

    Julia Prager (links), Claudia Posch (mitte) und Beate Hausbichler beim "Montagsfrühstück. Forum für strategische Langsamkeit".

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