Wo die Weinlese Frauensache ist

25. Oktober 2010, 16:42
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An Italiens Stiefelabsatz, auf Salento, geben die Frauen auch bei der Weinernte den Ton an

Im Weinberg Jaddico, nahe der süditalienischen Hafenstadt Brindisi, ist die Rebenernte ausschließlich Frauensache. "Sie können viel besser mit den empfindlichen Trauben umgehen. Sie hegen und pflegen die Reben wie ihre Kinder", beschreibt Luigi Rubino, Weinbauer und Inhaber der Weinkellerei Rubino die Fähigkeiten seines Frauenteams.

Der 38-jährige Weinfan wird hier allgemein als Pionier des Qualitätsweines aus Salento angesehen. "Bislang war der Wein aus der Provinz Salento vor allem als Massen- oder Schnittwein bekannt, seit einigen Jahren versuchen wir zu beweisen, dass unsere Weine auch in der Spitzenklasse mithalten können."

Auf 500 Hektar Fläche baut die Familie Rubino auf der Halbinsel Salento in der unmittelbaren Nähe von Brindisi landwirtschaftliche Produkte an. 200 Hektar wurden nun dem Weinbau gewidmet. Das wollte Sohn Luigi. Seine Eltern wären lieber bei ihren traditionell angebauten Melanzani, Artischocken, Tomaten und Oliven geblieben. "Bislang machten wir mit Melanzani und Tomaten mehr Gewinn als mit unserem Wein" bestätigte der promovierte Nationalökonom. Das soll sich aber in naher Zukunft ändern.

Denn Signor Luigi hat Visionen: wie etwa innovative Rot- und Weißweine, seit kurzem auch Rosé, aus Salento als Spitzenweine zu vermarkten. Mit dem Marmoelle Bianco und dem Visellio ist es ihm bereits gelungen. Der Weinumsatz von fünf Millionen Euro im Vorjahr soll 2010 zweistellig zunehmen.

Sicher haben auch die Weingärtnerinnen von Rubino zum Erfolg des akademischen Winzers beigetragen. Sie verfügen nicht nur über das richtige Know-how für die Reben, bei der Ernte geht es auch lustig zu. Da wird gesungen und getanzt. Stornelli heißen die frei erfundenen Dialektreime, die in etwa unseren Gstanzln entsprechen. Sie erzählen vom exzellenten Wein, von tragischen Liebesgeschichten und den verführerischen Schönheiten der Provinz Salento. "Wir singen, damit wir nicht zu viel von den Trauben naschen", begründet Vorsängerin Grazia Elia die Begeisterung für den Gesang. Grazia ist auch gleichzeitig "capa", das bedeutet Anführerin, der munteren Lesetruppe und inspiriert ihre Kolleginnen nicht nur zur Arbeit sondern auch zum Tanz. Die "pizzica", der Volkstanz aus dem Süden, wird von melancholischer Musik flankiert. Diese vermischte sich inzwischen mit Rock, mit Jazz bis hin zur Symphonik.

Aber das Frauenteam ist nicht das einzige Geheimrezept von Rubino. Massive Investitionen in Innovation, drei nigelnagelneue Weinkellereien, ein solides Verhältnis zu den Angestellten (die Weingärtnerinnen haben keine befristeten Zeitverträge, sondern sind von der Weinkellerei festangestellt) und ein hervorragendes Marketing unterstützen den Winzer.

Romina Leopardi heißt die attraktive Marketing-Expertin. Sie hat die Exportquote in wenigen Jahren auf 70 Prozent des Umsatzes gebracht. Vermarktung und Weinlese seien Frauensache, meinte die in Australien geborene Romina, Signora Rubino in spe. Heuer hat auch noch das Wetter dazu beigetragen, dass eine der "besten Qualitäten" der vergangenen Jahre erwartet wird.

Italiens Winzerverband rechnet für 2010 mit einer Produktion von rund 47 Millionen Hektoliter. Damit soll Italien zur "numero uno" im europäischen Weinszenario aufsteigen und den ewigen Konkurrenten Frankreich auf Platz zwei verweisen. In Süditalien hat bislang erst Sizilien den Weg zum Qualitätswein mit den Firmen wie Firriato, Donnafugato oder Planeta eingeschlagen. "Wir wollen es den Sizilianern gleichtun und uns ebenfalls auf hochwertige Qualitäten spezialisieren", meinte Winzer Luigi. Er spricht dabei für ein Dutzend junger Weinunternehmer auf Salento, die ebenfalls auf hochwertige Qualität setzen.

Salento ist jene Provinz der süditalienischen Region Apulien, die von zwei Meeren umgeben ist und wo ein Mikroklima den Weinbau besonders fördert. Aber nicht nur das Klima, der Dialekt, die Lebensgewohnheiten und die Arbeitsmoral sind hier anders als im sonstigen Mezzogiorno. Typische autochthone Rebsorten wie Negroamaro, Primitivo oder Malvasia nera bilden mit dem "Nischenwein" Susumaniello die Basis für die neue Qualitätsstrategie.

Das Frauenerntefest im Weinberg Jaddico hat sich inzwischen zu einem beliebten Anziehungspunkt für Insider entwickelt. Weintouristen, Feinschmecker und Italienliebhaber pilgern inzwischen zur Frauenweinlese. Attraktiv wird die Reise auch durch die zahlreichen "masserie", die kleinen Bauernhöfe auf Salento, wo man preisgünstig übernachten kann. Wer mehr Geld ausgeben will, kann sich einen "trullo" mieten. In den zahlreichen "trattorie", den Gasthöfen, gibt es Cacciocavallo, Käse der ähnlich wie Kuhmilchmozzarella zubereitet wird, und den Schafskäse Canestrato. Dazu wird natürlich Rotwein, ein Negroamaro oder primitivo (Punto Aquila), getrunken. Zum rohen Fisch mit Meeresfrüchten ist der Vermentino aus dem Salento zu empfehlen. Geheimtipp für Feinschmecker ist das Restaurant L'Araba Fenice in Brindisi (Corsa Romana 31, Tel.: 0039/0831/59 00 09). (Thesy Kness-Bastaroli/DER STANDARD/Printausgabe/23.10.2010)

Info: Für die Anreise in die Provinz Salento bieten sich die Airports Bari und Brindisi an. Die Fluggesellschaft Alitalia fliegt mit Zwischenstopp in Rom täglich von Wien nach Brindisi. Hin- und Rückflug um rund 280 Euro. Billigflieger Ryan Air fliegt Bratislava-Bari. Hin- und Rückflug circa 80 Euro. In den kommenden Monaten ist auch ein Direktflug Bratislava-Brindisi geplant. Die Weingärten mit Frauenernte erreicht man von Brindisi aus auf der Straße Strada statale 379, Ausfahrt Contrada Jaddico. Informationen: Tel.: 0039/0831/ 57 19 55.

  • Grazia Elia ist die Chefin der Frauentruppe, die bei der Familie Rubino im Weingarten arbeitet. Die Lese ist inzwischen ein Fest, das auch Touristen in den Weinberg Jadicco nahe Brindisi lockt.
    foto: kness-bastaroli

    Grazia Elia ist die Chefin der Frauentruppe, die bei der Familie Rubino im Weingarten arbeitet. Die Lese ist inzwischen ein Fest, das auch Touristen in den Weinberg Jadicco nahe Brindisi lockt.

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