"Die Politik will Sexarbeit unsichtbar machen"

2. November 2010, 14:33
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Tabuisierte Arbeitsbereiche sind Nährboden für Gewalt und Diskriminierung - Politikwissenschafterin Birgit Sauer zu Doppelmoral im Umgang mit Sexarbeit

In den vergangenen Jahren wurden einige Bücher veröffentlicht, die sich dem Thema Sexarbeit widmen. In Publikationen wie "Pufferzone" oder "Die nackte Elite" werden Bordelle zu "Saunaclubs", Zuhälter zu "Unternehmern" und Freier zu gestressten Managern, die "Entspannung" suchen. Eine Branche legt ihr schmuddeliges Image ab? Nur auf einer Seite, denn Sexarbeit ist in Österreich nach wie vor sittenwidrig. Das bedeutet vor allem Nachteile für die DienstleisterInnen. derStandard.at sprach mit Politikwissenschafterin Birgit Sauer über fehlende Arbeitsrechte und strenge Pflichten für SexarbeiterInnen und die Doppelmoral in der Gesellschaft, die damit einhergeht. Es müsse vor allem auch geklärt werden, wie man mit Prostituierten ohne Aufenthaltstitel umgeht, betonte Sauer: Bis zu 80 Prozent kommen aus dem Ausland.

derStandard.at: In neueren Publikationen, wie etwa dem Buch "Pufferzone – Wie betreibt man ein Bordell" des Betreibers des Saunaclubs Golden Time, werden Prostituierte beschrieben, die selbständig arbeiten. Ist es realistisch, von "freien UnternehmerInnen" zu sprechen, solange Sexarbeit als sittenwidrig gilt?

Birgit Sauer: In Österreich ist es unrealistisch, weil Verträge zwischen SexarbeiterIn und Freier noch immer als sittenwidrig gelten. Das bedeutet, dass sexuelle Dienstleistungen als "sittenwidrig" angefochten werden können – sprich, der Freier kann sich um das Bezahlen drücken. Da kann noch so oft von UnternehmerInnen oder Angestellten geredet werden: Solange SexarbeiterInnen nicht volle Arbeits- und Vertragsrechte haben, können sie weder Angestellte noch UnternehmerInnen sein.

derStandard.at: Es ist vermutlich auch aus dem Aspekt unrealistisch, da 70 bis 80 Prozent der SexarbeiterInnen Migrationshintergrund haben. Da müsste wohl vor allem auch beim Fremdenrecht angesetzt werden?

Sauer: Genau, so ist es. Die Mehrzahl der in Wien Sexarbeitenden sind MigrantInnen und viele sind illegalisiert. Deshalb können sie auch gar keiner legalen Beschäftigung nachgehen. Wenn man also den/die SexarbeiterIn als UnternehmerIn sieht, geht das an den realen Bedingungen vorbei. Neben spezifischen Rechten müsste man auch diskutieren, wie man mit den SexarbeiterInnen ohne Aufenthaltstitel umgeht.

Da hat es in Österreich schon – wenn auch prekäre – Regelungen gegeben. Zum Beispiel wurde versucht über das so genannte Tänzerinnen-Visum, das ähnlich wie Saisonarbeit funktioniert, migrantische Sexarbeiterinnen zu legalisieren. Auch Asylwerberinnen haben die Möglichkeit legal in der Sexarbeit zu arbeiten, wenn sie sich registrieren. Aber die Voraussetzung ist eben die Registrierung, damit man in Wien legal in der Prostitution arbeiten kann. Und registrieren kann man sich nur, wenn man einen Aufenthalt hat.

derStandard.at: Der Unterschied zwischen vielen Pflichten – wöchentliche Gesundheitsuntersuchung, hohe Steuern, willkürliche Kontrollen und verhältnismäßig hohe Verwaltungsstrafen – und den Rechten ist groß.

Sauer: Daran zeigt sich die Doppelmoral im Umgang mit Sexarbeit. Obwohl es eine Nachfrage nach Sexarbeit gibt, geht es in der Stadtpolitik immer wieder darum, Sexarbeit unsichtbar zu machen. Es gab zum Beispiel die absurde Idee, den Straßenstrich hinter das Technische Museum zu verbannen – in eine "dunkle Gegend". Die Rationalität dieser Politik ist: Prostitution dorthin zu verlagern, wo sie keinen stört und vor allem, wo sie keiner sieht.

Die Morde an Sexarbeiterinnen in diesem Jahr zeigen aber, wie unsicher derzeit der Arbeitsplatz Straße ist. Deshalb gibt es das Engagement von Frauenorganisationen, diese Situation und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

derStandard.at: Wie sieht es im Ländervergleich aus? Wäre es eine Idee, eine gesamtheitliche Richtline durch die EU zu verfassen?

Sauer: Im Prinzip sieht man am Fehlen einer EU-Regelung sehr gut, dass Prostitution nicht als Arbeit angesehen wird. Sonst könnte ja die Europäische Union sagen, dass hier ein Fall von unregulierter Arbeit vorliegt und dass die Nationalstaaten aktiv etwas für die Regulierung dieses Arbeitsbereiches und mithin für ArbeitnehmerInnenschutz tun müssten.

Es hat wohl Bestrebungen gegeben, dass die EU initiativ in Bezug auf Sexarbeit wird. Aber ich denke, das Thema ist viel zu kontrovers, als dass sich da etwas in Richtung einer einheitlichen Regelung entwickeln würde. So gibt es national ganz unterschiedliche Regelungen. Österreich reglementiert zwar Sexarbeit in bestimmter Hinsicht, z.B. die polizeiliche Registrierung, aber Rechte werden den SexarbeiterInnen vorenthalten.

Deutschland hat die Sittenwidrigkeit abgeschafft und damit SexarbeiterInnen die Möglichkeit gegeben, entweder als Selbständige oder als Angestellte zu arbeiten. In den Niederlanden gibt es ein ähnliches Modell. Aber sowohl die Erfahrungen in Deutschland, als auch in den Niederlanden zeigen, dass man mit dieser Art von Legalisierung alleine die Probleme in diesem Arbeitsfeld nicht beseitigen kann. Es gibt dort nach wie vor die illegalen MigrantInnen, die nicht als UnternehmerInnen oder Angestellte arbeiten können. Das Problem der Gewalt im Arbeitsfeld konnte nicht beseitigt werden.

Schweden ist ein Beispiel für einen prohibitiven Ansatz: Hier werden nicht SexarbeiterInnen bestraft, sondern die Klienten, also die Freier. Das schafft selbstverständlich auch Probleme: Damit werden sexuelle Dienstleistungen in die Illegalität abgedrängt. Und illegalisierte Bereiche sind immer Strukturen von Ausbeutung und Gewalt.

derStandard.at: Um auf die Bücher zurückzukommen: Unter dem Etikett "Saunaclub" wird der Gang in das Bordell fast als so etwas wie Wellness für gestresste Manager beschrieben. Vergangenes Jahr erschien "Die nackte Elite". Darin wird zum Beispiel berichtet, dass Ehefrauen den Seitensprung ihrer Ehemänner mit einer Prostituierten einfacher verkraften, als mit einer "Freundin". Freier werden immer mehr gesellschaftlich toleriert, bei SexarbeiterInnen ist das nicht der Fall. Wie sehen Sie das?

Sauer: Da muss man zunächst zwischen Formen der Prostitution unterscheiden. Es gibt hochpreisige Escortservices mit einigermaßen geschützten Räumen. Aber eben nur einigermaßen: Denn in Österreich gilt für alle Prostituierten dasselbe Problem: Sie sind ungeschützt und rechtlos, da sie wegen des Sittenwidrigkeitsvorbehalts keine Möglichkeit haben, ihr Geld einzuklagen.

Daneben gibt es den Straßenstrich. Der einzige Schutz dort sind Zuhälter. Aber das ist natürlich ein sehr prekärer Schutz, da sie gleichzeitig auch Ausbeuter sind. Wie in jedem ausbeuterischen Gewerbe, in dem man recht- und damit schutzlos ist, sind die Arbeitsbedingungen zudem brutal. Dazu kommt oft die Abhängigkeit von Drogen, weil der Job sonst nicht auszuhalten ist.

Das Kennzeichen von nicht regulierten, tabuisierten Arbeitsbereichen ist Gewalt. Es war ja eine Errungenschaft des Sozialstaats des 20. Jahrhunderts, dass Arbeitsverhältnisse geregelt wurden und ArbeiterInnen Rechte erhielten. Aber für Sexarbeit ist das eben nicht passiert.

Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Eigentlich muss man es begrüßen, dass zunehmend auch über Freier gesprochen wird und nicht nur über SexarbeiterInnen als Ursache der Probleme. Freier machen Lärm, wenn sie mit ihren Autos kreisen, oder sie wollen nicht zahlen oder Regeln nicht einhalten. Dies zu thematisieren, ist etwas Positives, was sich vor allem durch die Arbeit von Frauengruppen veränderte.

derStandard.at: Was wären die wichtigsten Schritte, um die Situation von SexarbeiterInnen zu verbessern?

Sauer: Vor allem muss die Sittenwidrigkeit – dabei handelt es sich ja nicht um eine Rechtsnorm, sondern um ein Gerichtsurteil – fallen. In Wien muss derzeit die wöchentliche Gesundheitsuntersuchung beim Gesundheitsamt durchgeführt werden. In anderen Bundesländern ist es bereits möglich, zu GynäkologInnen der eigenen Wahl zu gehen.

Die Regulierung des Arbeitsbereichs kann außerdem nicht der Polizei obliegen, sondern müsste bei der Wirtschaftskammer angesiedelt werden. Wie bei anderen Gewerben sollten SexarbeiterInnen sich als selbstständig anmelden oder angestellt werden können und dann Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten aushandeln können.

Dann müsste es die Möglichkeit der Organisierung von SexarbeiterInnen geben. In den frühen 80ern gab es den Versuch, eine Prostituiertengewerkschaft zu gründen und Mitglied im ÖGB zu werden. Es wurden alle möglichen Gewerkschaften, die in Frage gekommen wären, angefragt, aber alle haben abgewunken. Doch Selbstorganisation wäre eine Möglichkeit der Stärkung von SexarbeiterInnen.

Und man müsste insbesondere für die Illegalisierten Lösungen finden. Wenn sie länger hier sind, sollten sie einen Aufenthalt bekommen und damit auch die Möglichkeit, legal arbeiten zu können. Auch das Angebot von Beratungsstellen für SexarbeiterInnen sollte ausgebaut werden. Nicht zuletzt muss auch bei der Aufklärung von Freiern angesetzt werden. (Julia Schilly, derStandard.at, 2. November 2010)

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    Ware SexarbeiterIn – Bei der arbeitsrechtlichen Regelung gibt es aber immer noch große Defizite. "Solange SexarbeiterInnen nicht volle Arbeits- und Vertragsrechte haben, können sie weder Angestellte noch UnternehmerInnen sein", sagt Politikwissenschafterin Birgit Sauer im derStandard.at-Interview.

    Bild: 'The Hoerengracht' ('Whore's Canal'): Kunstinstallation von den US-amerikanischen KünstlerInnen Ed Kienholz und Nancy Reddin Kienholz, ausgestellt 2009 in London.

  • Zur Person
Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der 
Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf 
Governance und Geschlecht, Politik der Geschlechterverhältnisse, Staats-
 und Institutionentheorien.
    foto: o. penz

    Zur Person

    Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf Governance und Geschlecht, Politik der Geschlechterverhältnisse, Staats- und Institutionentheorien.

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