Erweckte Kohlesäcke, stürzende Ölfässer

24. Oktober 2010, 18:51
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Tanzquartier Wien: Amanda Piña und Daniel Zimmermann zersetzen in ihrem Stück "IT" Ordnungen

Wien - Aufrecht steht ein brauner Papiersack im Licht eines einzigen Scheinwerfers. Er raschelt unruhig, in seinem Bauch öffnet sich langsam ein Riss. Daraus kollert Holzhohle auf die Bühne. Und schließlich, im Zustand größter Aufgerissenheit, knickt der Sack ein, klappt nach vorn, verbeugt sich vor dem Publikum. Dieses hatte, um bei der Uraufführung von Amanda Piñas und Daniel Zimmermanns jüngstem Stück IT Einlass zu erhalten, bereits allerlei Latten, Rollen und Säcke in die Tanzquartier-Halle G getragen. Sechs Tänzer übernahmen die "Ware" auf der Bühne, und die Zuschauer setzten sich anschließend auf ihre Tribünenplätze, um von dort ein ordentlich sortiertes Materiallager zu betrachten.

Darin halb verborgen, betätigten sich die Performer erst als Marionettenspieler. Nach dem Kohlesack erweckten sie mit dünnen Fäden auch eine Rolle aus Verpackungsmaterial zum Leben. Wie von Zauberhand bewegt, erhob sich eine Holzlatte, fiel ein Ölfass um. Nach und nach ließen die Spieler ihre Fäden fallen und stürzten sich mit leidenschaftlichem Stöhnen in die Materialien.

Hingebungsvoll richteten sie eine Unordnung an, rissen Verpackungen auf, und Erde, Styropor, Hülsenfrüchte, Öl, Plastikfolien, Federn, Weichspüler vermischten sich miteinander. Wer sich dabei an die Materialaktionen der Wiener Aktionisten erinnert fühlte, konnte beobachten, wie aus dem aggressiven Gestus der 60er-Jahre eine subversive Lust am Entformen des Ordentlichen geworden ist. So, als käme IT direkt aus den zersetzenden Unordnungen der Welt des französischen Schriftstellers Georges Bataille.

Das Stück ist, so steht es im Abendzettel, Teil eines künstlerischen Projekts mit dem Titel socialmovement. Konsequent führen die Tänzer ihre "Choreografie der Intensitäten" (wie es in einem Buch von Georges Didi-Huberman heißt) in diese Richtung. Dabei wird die Kritik an den Ordnungen des Konsums nicht durch eine platte Manifestation vorgeführt, sondern durch ein symbolisches Durcheinanderbringen der neoliberalen Waren-Wahnwelt.

Da diese heute den Tanz genauso mundgerecht verhökert wie andere Kunst auch, zersetzen Piña & Zimmermann in dieser großartigen Arbeit auch die virtuosen Ordnungen des neoliberalen Tanzens. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2010)

 

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