Eine Opernstudie des Missbrauchs

24. Oktober 2010, 18:27
48 Postings

Premiere von Dvoráks "Rusalka" an der Bayerischen Staatsoper: Regisseur Martin Kusej interpretiert das Märchen als inzestuöse Gewaltgeschichte.

Mit Kristine Opolais war eine tolle Darstellerin zu entdecken.

Was hat man sich in München gefreut, als das tote Rehlein "am Leben" blieb! Unter Jubelschlagzeilen des Boulevards ("Bambi überlebt die Oper!") hatte ja Regisseur Martin Kusej (er wird in München ab 2011 das Bayerische Staatsschauspiel leiten) davon Abstand genommen, ein echtes totes Tier vom Jäger ausweiden wie ihm die Haut abziehen zu lassen, und mit einem Tierchen aus Kunststoff vorliebgenommen. Selbst die Fischchen im Opernaquarium waren - als Zugabe für die allseitige Erleichterung - unecht.

Dabei ist der auch tierschützenden Erregung jedoch entgangen, dass in Kus ejs Rusalka-Konzept (zum Märchen von der Nixe, die sich nach Menschenexistenz und -zuneigung sehnt) eine nicht nur kurze, vielmehr den ganzen Abend prägende drastische Deutungsungemütlichkeit schlummert, die den Premierenbesuchern der Bayerischen Staatsoper kitschiges Mitträumen durch albtraumhafte Bilder vergällt.

Es dauert dann allerdings nicht lange bis zur Erkenntnis: Kaum ist die Ouvertüre absolviert, geht das spießige Wohnzimmer mit der idyllischen Alpen/See-Tapete hoch (Bühnenbild: Martin Zehetgruber) und zum Vorschein kommt von unten ein feuchter Keller voller Heizungs- und sonstiger Rohre. In ihm zittern einige verschüchterte Mädchen (Rusalka zusammengekrümmt auf dem Sofa) der Ankunft des Wassermannes/Vaters (sehr kompakt Günther Groissböck) entgegen.

Und der Hausherr kommt bald zur Sache: Er versorgt die Kleinen mit Leckereien und vergreift sich dann gleich an einem Opfer. Der Keller ist also ein Missbrauchsraum, über dem die Hexe/Gattin im Wohnzimmer sitzt; ein Ort des Grauens, an dem Rusalka ihr Lied an den Mond an eine Lampe richtet.

Kusej hat das ohnedies nicht sehr harmlose Märchen radikal psychologisch gedeutet, und offensichtlich spielen die seinerzeitigen Amstettner Inzestverbrechen eine ideengebende Rolle. Das Ganze wäre allerdings nichts ohne eine sinnvolle theatrale Ausformung der Opferpsyche.

Und hier ist Kusej Tolles gelungen. Anhand von Rusalkas Versuch, auszubrechen, zeigt er die Folgen das Missbrauchstraumas als Mix aus der Unfähigkeit, Beziehungen zu knüpfen, Zwangshandlungen (den Missbrauch quasi abwaschen) und der Identifikation mit dem Aggressor, wenn Rusalka an den Leidensort zurückkehrt.

Man möchte es bezüglich der Rollenumsetzung zudem als Glück bezeichnen, dass Nina Stemme aus der Produktion ausstieg und die junge Lettin Kristine Opolais einsprang. Ihre Stimme ist zwar zu herb für die lyrischen Passagen der Partie. Aber der Durchsetzungscharme ihre Dramatik packt. Und wie sie die wahngeplagte Rusalka in einem Akt regelrechter Selbstentäußerung mit Intensität und Facettenreichtum ausstattet, gehört zum Eindringlichsten, was man seit langem auf einer Opernbühne sehen konnte.

Gutes Gesamtensemble

Da muss der Prinz (klangschön Klaus Florian Vogt), der mit der Fürstin (glänzend Nadia Krasteva) an der Wand stehend Liebe machen muss und sich schließlich selbst ersticht, lange Zeit quasi als Antischauspieler wirken. Der Rest des Ensembles jedoch trägt durchaus zum runden Gesamteindruck bei - sei es die Hexe/Gattin (fast tadellos Janine Baechle), sei es der Förster (Ulrich Reß), der sich - eine unnötige Fleißaufgabe Kusejs - am Küchenjungen (Tata Erraught) vergreifen muss.

Dirigent Tomas Hanus lässt es im ersten Akt ein paar Mal zu deftig krachen. Mit Fortdauer des Abends jedoch zeigt sich, dass er die Partitur bei aller Straffheit der Zugangs glühen lassen kann und im Dialog mit der Bühne zu packenden orchestralen Akzenten fähig ist. Ihm und dem Ensemble war Zuspruch sicher; das Gegenteil natürlich Kusej. Als Routinier des Ausgebuhtwerdens stachelte er die Zuschauer jedoch dirigentisch zu noch mehr Zornesausbrüchen an. Kurzum: ein interessanter, sehr gelungener Abend. (Ljubisa Tosic aus München/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2010)

 

26., 28., 31. 10., 4. 11., Karten: 0049/(0)89/21 85 19 20.

  • Die Hexe Jezibaba (Janina Baechle) als eiskalte Gattin eines Täters. Sie manipuliert das Missbrauchsopfer Rusalka (Kristine Opolais) und kleidet es als Sexobjekt.
    foto: staatsoper

    Die Hexe Jezibaba (Janina Baechle) als eiskalte Gattin eines Täters. Sie manipuliert das Missbrauchsopfer Rusalka (Kristine Opolais) und kleidet es als Sexobjekt.

Share if you care.