In Nahost sind Christen auf der Verliererstraße

24. Oktober 2010, 17:40
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In Rom ging am Wochenende eine Bischofssynode zur Situation der Christen im Nahen Osten zu Ende

Rom/Wien - Die Schlussbotschaft der zweiwöchigen Bischofssynode zur Situation der Christen im Nahen Osten lässt sich auch als Abgesang auf eine sterbende Welt lesen. Statistiken widersprechen den Behauptungen der muslimischen nahöstlichen Mehrheitsbevölkerung - beziehungsweise deren Regimen -, dass Christen in der Region verwurzelt und sicher sind. Der Exodus ist im Gange.

Es stimmt, dass die Existenz der vielen alten christlichen Gemeinden nicht offiziell hinterfragt wird, im Gegenteil, die Regierungen der Nahostländer brüsten sich gerne mit ihnen. Tatsächlich, die Kirchenskyline etwa in Khartum, der Hauptstadt des streng islamischen (Nord-)Sudan, möchte man gerne den heimischen Minarett-Phobikern zeigen. Aber selbstverständlich wurde und wird das Christentum vor allem in jenen Ländern, in denen die christlichen Gemeinden nicht präislamisch sind, sondern von Missionaren aus dem Westen gegründet wurden, auch als - wenngleich längst abgebrochene - Speerspitze des Kolonialismus gesehen. Als ob der Islam keine koloniale Religion gewesen wäre.

Bauernopfer der Regime

Der fortschreitende radikale Islamismus, der ihre Existenzberechtigung auf "islamischer Erde" , was immer das in einer globalisierten Welt ist, infrage stellt, macht den Christen wohl am meisten zu schaffen. Den undemokratischen Regimen in der Region gefällt das nicht, aber sie stehen selbst unter Druck - und haben ja nicht einmal den Mumm, zum Schutz der von Islamisten verfolgten Muslime aufzustehen (das klassische Beispiel dafür ist Ägypten mit seinen islamistischen Umtrieben gegen "vom Islam abgefallene" Intellektuelle). Wer tritt in einer solchen Atmosphäre für die Kopten ein, die eine wachsende Zahl von gewalttätigen Übergriffen beklagen?

Der schlimmste Fall ist jedoch zweifellos der Irak, wo sich der Auszug der Christen während der 1990er-Jahre, damals aus materiellen Gründen, nach 2003 in eine Flucht wandelte. Etwa 900 wurden umgebracht (darunter zwei Erzbischöfe), eine halbe Million verließ das Land, berichtete der Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako, in Rom. Der alte chaldäische Erzbischofssitz in Basra ist geräumt. Saddam Hussein hatte die Christen kooptiert, und nach dem Untergang des Regimes mussten sie dafür bezahlen - wobei sie absurderweise gleichzeitig auch den Eroberern zugerechnet werden, als deren "fünfte Kolonne" .

In einer ähnlich brisanten Konstellation befinden sich die Christen auch in Syrien, immer wieder zu Recht als Musterbeispiel guten Zusammenlebens genannt. Auch dort sind sie in die Machtbasis der herrschenden Aleviten eingebunden - und ziehen damit politischen und religiösen Hass des islamistischen Untergrunds auf sich. Ihr Schicksal ist mit dem des Regimes eng verbunden.

Demografie der Kriege

Ein Sonderfall ist der Libanon, Zukunft ebenfalls ungewiss. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die starke politische Repräsentation den demografischen Realitäten längst nicht mehr entspricht: Von etwa 60 Prozent der Bevölkerung vor dem Bürgerkrieg sind sie auf unter 40 Prozent gesunken.

Auch die Christen in den Palästinensergebieten geben auf: Ihnen wurde in der Erklärung der Synode besondere Aufmerksamkeit gewidmet, mit einem Appell an Israel, dass das Land, auch Ostjerusalem, allen Einwohnern gehört. Der Vatikan forderte die Christen auf, auszuhalten und ihr Land nicht zu verkaufen. Aber der Nahostkonflikt wird im Westen ja gerne als ein "kultureller" - zwischen Westen und Osten - angesehen: In dieser Darstellung haben Christen keinen Platz, sie gehen.

In den Golfländern sind die christlichen Gemeinden identisch mit "Ausländern" . Ihre Religionsausübung ist nur zum Teil gewährleistet, wobei das jedoch nur eines der fehlenden Rechte ist. Gerade das Beispiel des islamistischen Staats Saudi-Arabien wird immer wieder bemüht, wenn es darum geht, im Westen Reziprozität einzufordern: gleiche Rechte für Christen dort wie für Muslime hier. Die darin enthaltene Infragestellung von Rechten nichtchristlicher Bürger hierzulande scheint kaum jemanden zu stören. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2010)

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    Kinder einer christlichen Gemeinde im pakistanischen Lahore. In Pakistan machen Nichtmuslime weniger als fünf Prozent der Bevölkerung aus. Sie sind besonders durch die Blasphemiegesetze gefährdet. Der Blasphemievorwurf ist denunziatorische Praxis.

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