Die Revolution - ein fliegender Zirkus

24. Oktober 2010, 17:23
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Johann Nestroys Posse "Freiheit in Krähwinkel" bleibt am Schauspielhaus Graz - trotz Michael Ostrowskis Entertainerqualität - eine müde Komödie

... die sich an der abgegriffenen Revolutionsästhetik der Sixties orientiert.

Graz - Den Satiriker Nestroy musste das herausfordern: Mitten in den Wirren der Revolution von 1848 ließ Theaterdirektor Carl sein Ensemble in Theateruniformen und -waffen ausrücken - ein Reklamegag. In der Posse "Freiheit in Krähwinkel" nimmt Nestroy auch die Wiener Revolution aufs Korn. Bei der Uraufführung am 1. Juni 1848 schrumpfte er die Ereignisse vom März 1848 auf "ein Revolutionerl" in einem Kaff mit 36 Zeitungsabonnenten zusammen. Krähwinkel ist Wien im ganz Kleinen. Dort werden vorgeführt: eine selbstherrliche Provinzobrigkeit, auf Pfründe bedachte Beamte, pfiffige Handwerker und der dem Dichter verhasste Klerus. Umsturz? Eine Rangelei der Dummheit, Kleinlichkeit und Eitelkeit.

Am Schauspielhaus Graz nahm Regisseurin Christina Rast für "Freiheit in Krähwinkel" kräftige Anleihen bei Monty Pythons Flying Circus. Doch der grelle Bilderbogen, den Franziska Rast mit Sixties-Ästhetik ausstattete, bleibt in seiner Wirkung matt, da helfen auch Michael Ostrowskis Entertainer-Qualitäten nichts. Die Rolle des Journalisten und Selbstdarstellers Eberhard Ultra wurde auf Ostrowski zugeschnitten, sie passt zum Strizzi-Image, das er kultiviert, passt zu Ostrowskis komischen Qualitäten, passt zu seiner irrlichternden Wendigkeit.

Die meisten Mitglieder des Ensembles sind jedoch zu ermüdenden Slapstick-Scherzen verurteilt, derer nur Franz Solar als eitler Bürgermeister mit einiger Souveränität Herr wird. Die Komödie hebt nicht ab, der Witz kommt beim Publikum nicht an, denn Nestroys Hauptfigur, der leichtfüßigen, von Anspielungen funkelnden Sprache, wird die Bühne genommen. Stattdessen wurde viel Text dazugegeben, werden Phrasen strapaziert, wird das Ganze schwerfällig.

Rast hat Figuren zusammengelegt, was nicht immer stimmig endet. Der Versuch, die Revolution von 1848 in der Kamouflage von 1968 auf 2010 umzulegen, hätte einer wirklichen Aktualisierung bedurft. Das Provinzielle, Kleinkarierte und Engstirnige in einer Revolution ist nun wirklich ein alter Hut. Was 1968 - auch ästhetisch - tabu war, ist längst verwirtschaftet und Teil der konservativen Kultur, hat keine Komödienqualität mehr.

1848 wurde die Botschaft verstanden. Die erste "Abteilung" endet mit der Verkündung der Rede- und Pressefreiheit, im zweiten Teil sehen wir die Bürger auf den Barrikaden, die jungen Frauen als Studenten verkleidet, da Krähwinkel keine Studenten hat.

Nestroy spielte den Ultra, der sich als die personifizierte Revolution ausgibt, wenn er auf die Frage nach dem Alter "viereinhalb Monate" antwortet. Weitere vier Monate später hatte die Restauration die Zügel bereits wieder in der Hand, am 4. Oktober war Nestroys erfolgreiche Posse bereits vom Spielplan verschwunden, im November wurde die Zensur wieder eingeführt. (Beate Frakele-Baron/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2010)

 

  • Aufstand in der Provinz: Michael Ostrowski (li. mit Claudius Körber) als Journalist und Selbstdarsteller Ultra - die Nestroy-Rolle.
    foto: peter manninger / schauspielhaus graz

    Aufstand in der Provinz: Michael Ostrowski (li. mit Claudius Körber) als Journalist und Selbstdarsteller Ultra - die Nestroy-Rolle.

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