"Das System arbeitet gegen jede Kreativität"

24. Oktober 2010, 17:27
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Harmony Korine war einst "Kids"-Autor und Filmwunderkind, für seine jüngste Regiearbeit "Trash Humpers" hat er sich eine Greisenmaske übergestülpt

Weshalb - das erklärt er Isabella Reicher im Interview.

In Nashville, Tennessee, treibt nachts ein Anarcho-Performance-Grüppchen sein Unwesen: Faltige Greise reiben sich an Mülltonnen, machen spontane Hausbesuche, gebärden sich albern, anzüglich, ungehörig, destruktiv - und bewegen sich dabei auf jenem schmalen Grat des urwüchsig Karnevalesken, das ebenso befreiende wie nachhaltig verstörende Effekte zeitigt. Nicht nur die versehrten Bildoberflächen geben dem Ganzen eine zunehmend melancholischere Note.

Standard: "Trash Humpers" sieht aus, als wäre er mit einer dieser klobigen VHS-Kameras aus den 1980ern gedreht.

Korine: Ja, wir haben gleich mehrere solcher Kameras benutzt, weil die meisten Geräte schon in so beschissenem Zustand waren, vor allem die Akkus, die dauernd eingehen. Wir haben auch auf VHS-Rekordern geschnitten, wir hatten ganze Stapel davon. Der Film sollte Fehler haben, Bildstörungen. Wir waren wie besessen, haben die Rekorder zerlegt, mit Kugelschreibern reingestochert, während das Band zurückspulte, es absichtlich "geglitcht" - fast wie beim Scratchen.

Standard: Das klingt nach Experimentalfilmproduktion.

Korine: Es war auch ein Experiment, weil ich das noch nie gemacht hatte. Es sollte am Ende aussehen, als hätte man eine schon ziemlich abgenutzte, bespielte Videocassette buchstäblich irgendwo ausgegraben.

Standard: Nun wissen wir aber, dass es kein Fundstück ist - wie sind die Figuren entstanden, die da ihr Unwesen treiben?

Korine: Ich wohne jetzt wieder in Nashville. Nachts gehe ich immer mit dem Hund raus, durch Hinterhöfe und Seitenstraßen. Dort fällt das Licht der Straßenlaternen hauptsächlich auf Mülleimer, es bringt sie zum Strahlen - das sieht oft richtig schön und theatralisch aus: Manche Container sind ramponiert, andere überwuchert. Oder sie sehen aus, als wären sie zusammengeschlagen, geschändet worden. Irgendwann habe ich mich an eine unheimliche Geschichte aus meiner Kindheit erinnert, über ältere Männer, die nachts rumschlichen und durch Fenster von Teenagermädchen spähten. Aus all dem sind die "Trash Humpers" entstanden, denen einer abgeht, wenn sie sich an Mülleimern vergehen.

Standard: Sie selbst verkörpern mit Greisenmaske eine dieser Figuren - warum haben Sie nicht einfach alte Darsteller engagiert?

Korine: Ich habe es in Erwägung gezogen. Aber die Idee von alten Leuten mit jungen Körpern, von Gestaltwandlern, hat mir auch sehr gefallen. Das gibt dem ganzen eine interessante Dynamik, macht es unheimlich, furchterregend.

Standard: "Trash Humpers" ist auch ein Homemovie, Freunde und Familie wirken mit. War es nach "Mister Lonely", Ihrem vorigen Film, wichtig, so zu arbeiten?

Korine: Das eigentliche Drehen macht mir immer Spaß, "Mister Lonely" war schwierig wegen der Bürokratie, der Größe des Projekts. Es dauert heute Jahre, einen Film auf die Beine zu stellen. Diese viele Zeit - was man da alles machen könnte! Aber das gegenwärtige System arbeitet gegen dich, gegen jede Kreativität. Es tötet die Begeisterung. Ich habe immer davon geträumt, meine Ideen unmittelbar filmisch umsetzen zu können, wie ein Maler. Mich so schnell zu bewegen wie meine Gedankengänge. Mit diesem Konzept ging das.

Standard: Bei allen Unterschieden gibt es Kontinuitäten in Ihren Filmen, die Vorliebe für Slapstick, für Outsider zum Beispiel.

Korine: (lacht) Ich kann einfach keinen Film schreiben, der einen normalen Plot hat, eine einfache Romanze oder so was. Ich habe mich schon immer zu sehr speziellen Figuren und Formen von Humor hingezogen gefühlt.

Standard: Aber der pessimistische Unterton ist jetzt stärker, oder?

Korine: Schon 1997 bei "Gummo" haben viele Leute ein Problem damit gehabt, dass darin schreckliche, grausame Dinge passieren, die zugleich komisch sind, und dass man das nicht fein säuberlich getrennt halten kann. Mich hingegen hat seit jeher angezogen, was auf einem dualen emotionalen Level liegt - das ist wie im Leben.

Standard: Die 1990er waren die Ära der Political Correctness - das hat sich wohl nicht gut vertragen.

Korine: Ich war 23, als ich "Gummo" gemacht habe. Ich war sicher, dass mir etwas Bedeutungsvolles gelungen war - und ich war noch sehr naiv und deshalb überzeugt, dass selbst Leute, die manches im Film beunruhigend und ärgerlich fanden, doch seine Größe erkennen würden. Stattdessen gab es harte Kritik - man sah nur das Schreckliche und keine Spur von Größe. Das war ziemlich heftig. Ich wollte einen Film über Leute machen, die ich kannte und mit denen ich aufgewachsen war, und plötzlich war das ein Politikum.

Standard: Gab es zu "Trash Humpers" ähnliche Reaktionen?

Korine: Nein - manche Leute regen sich auf. Aber ich habe mir den Titel sehr genau überlegt: Der Film heißt "Trash Humpers", und ja, es gibt darin Leute, die manchmal Müll bumsen. Man kann sich vorher entscheiden, ob man das sehen will - also bitte beschwert euch nicht nachher. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2010)

25. 10., Stadtkino, 20.30
27. 10., Gartenbau, 23.00

  • Unheimlich unwürdige Greise: Die "Trash Humpers" gehen in und um Nashville ihren eigenwilligen Hobbys nach.
 
    foto: viennale


    Unheimlich unwürdige Greise: Die "Trash Humpers" gehen in und um Nashville ihren eigenwilligen Hobbys nach.

     

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    "Beschwert euch nicht nachher": Harmony Korine, 34.  1995 verfilmt Larry Clark sein Drehbuch "Kids". Regiedebüt mit dem kontrovers aufgenommenen "Gummo" 1997; "Trash Humpers" ist sein vierter Langfilm.

     

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