"Ich hatte eine Menge Vorurteile"

24. Oktober 2010, 17:27
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"Winter's Bone", der zweite Spielfilm von Debra Granik, beschreibt den packenden Kampf einer jungen Frau im reaktionären Milieu der Ozark Mountains

Frank Arnold traf die US-Regisseurin.

Für ihr Langfilmdebüt "Down to the Bone" wurde sie auf der Viennale 2004 mit dem Fipresci-Preis ausgezeichnet, in diesem Jahr ist die US-Filmemacherin Debra Granik auf der Viennale mit ihrem zweiten Film vertreten. "Winter's Bone" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Woodrell. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Ree, die sich auf die Suche nach ihrem Vater begibt, dessen Verschwinden die ganze Familie in Gefahr bringt: Erscheint er nicht vor Gericht, muss das Haus verkauft werden. Doch in den Ozark Mountains von Missouri herrscht das Gesetz des Schweigens.

Standard: Inwiefern bedeutete dieser Film eine größere Herausforderung für Sie als Ihr Debüt "Down to the Bone"?

Granik: Ich versuche immer mit einer sehr kleinen Crew an realen Schauplätzen zu arbeiten. Doch diesmal war es eine erheblich aufwändigere Produktion. Bei "Down to the Bone" machten mein Produktionspartner und ich noch alles selber. Diesmal hatten wir einen Verbindungsmann aus Missouri, der zu organisieren half. Wenn man nicht aus der Gegend kommt, in der man dreht, ist man darauf wirklich angewiesen. Ich habe nie außerhalb von Boston, New York und Washington gelebt. Dieser Mann hat sich also erklären lassen, was wir wollten, hat uns Orte gezeigt und ist dann zu den Locals hingegangen und hat gesagt: "Die Leute, die sich hier gerade umgeschaut haben, wollen hier einen Film drehen." Dann sind wir noch mal zu ihnen gekommen, haben unser Anliegen erläutert und ihnen das Drehbuch gegeben. Nachdem sie das gelesen hatten, haben wir sie gefragt, was sie davon hielten - das kann man wirklich nicht alleine bewältigen.

Standard: Wie viel wussten Sie vorher über diese Kultur?

Granik: Nichts. Als ich den Roman von Daniel Woodrell las, habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Ist das ein gegenwärtiges Leben in den Ozarks? Es ist eine Gegend, die zum Bible Belt gehört. Ich hatte eine Menge Vorurteile, die aus meiner liberalen Erziehung an der Ostküste entspringen. Ich musste mich geradezu zwingen, mich dafür zu öffnen, denn natürlich bin ich ein Produkt meiner eigenen Kultur. Dieses Öffnen habe ich als "unbuckling the belt" bezeichnet. Wenn man sich geöffnet hat, ist man bereit, Neues aufzunehmen. Ich suche immer nach Gelegenheiten, in meinem eigenen Land eine Verbindung herzustellen zu spezifischen regionalen Kulturen - das, was etwa Werner Herzog in Stroszek gelungen ist. So fanden wir Leute, die uns zeigten, wie man Wild häutet. Die visuelle Anthropologie ist meine Stärke, ich machte Notizen über bestimmte Rituale, wie Leute auftreten, wie sie ihre Wohnungen einrichten.

Standard: Wie viel davon konnten Sie schon aus der Lektüre des Romans entnehmen?

Granik: Die taktilen Details, die Art, wie die Leute sprechen und bestimmte Ausdrücke aus der Vergangenheit benutzen, ist aus dem Buch. Die Adaption hält sich eng an die Vorlage.

Standard: Es ist kein so umfangreiches Werk wie Woodrells von Ang Lee verfilmter Roman "Ride with the Devil".

Granik: Nein, ganz und gar nicht, der Zeitrahmen des Films entspricht dem des Romans. Wir konnten allerdings nicht alle inneren Monologe unterbringen, ebenso wenig die Vorgeschichte der Figuren. Die Handlung ist zum einen ein Wettlauf gegen die Zeit, im Film spürt man den Druck, aber die Erzählweise lässt sich davon nicht zu einem beschleunigten Rhythmus verleiten. Der Zuschauer soll einfach sehen, wie die Hauptfigur bestimmte Handgriffe verrichtet, wie sie sich gegenüber ihren jüngeren Geschwistern oder gegenüber ihrer Freundin verhält. Das alles braucht Zeit.

Standard: Welche Rollen spielen die Frauen in dieser Kultur? Ree ist ziemlich hart und zeigt das auch, während eine andere Frau von sich selber sagt, sie sei jetzt verheiratet und müsse sich anders verhalten. Dann gibt es Frauen, die das machen, was sonst eher Rolle der Männer ist, nämlich Ree zusammenschlagen.

Granik: Ja. Es gibt eine Tradition, in der die Frauen sich selber als Hill Women beschreiben, das ist ein Teil ihrer eigenen Identität. Dazu gehört auch die Verwendung dieser Sprache, das konnten wir an den Töchtern der Familie sehen, auf deren Land wir drehten. Das heißt, sie mögen es nicht, dass andere ihnen sagen, was sie zu tun haben. Was allerdings nicht bedeutet, dass sie ihren Vater nicht ehren. Auf den hören sie schon, er macht die Regeln, ist dabei aber kein Tyrann.

Standard: Sie erwähnten Werner Herzog. Gibt es auch amerikanische Filmemacher, die für Sie wichtig waren?

Granik: Durchaus. Da gefallen mir vor allem die Filme der Siebziger, gerade die obskuren, auch wenn es damals kaum regieführende Frauen gab. Ich mag Cassavetes, nicht alle seine Filme, aber mir imponiert die unbeirrbare Art, wie er sie machte. Regisseurinnen, die heute mehr als zwei Filme machen können, muss man schon allein dafür bewundern. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2010)

25.10. 18:00 Gartenbaukino
30.10. 11:00 Urania

  • Vom Aufwachsen in einer Gegend, in der einem schnell die Kindheit genommen wird: Ashlee Thompson, Jennifer Lawrence und Isaiah Stone (v. li.) in Debra Graniks "Winter's Bone".
    foto: viennale

    Vom Aufwachsen in einer Gegend, in der einem schnell die Kindheit genommen wird: Ashlee Thompson, Jennifer Lawrence und Isaiah Stone (v. li.) in Debra Graniks "Winter's Bone".

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    Debra Granik (47), geboren in Cambridge, Massachusetts, studierte an der New York University. Ihre unabhängigen Filme sind einem sozialrealistischen Blick auf die Gegenwart verpflichtet.

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