Ein Ladies' Man in Schwabing

24. Oktober 2010, 17:25
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Hommage an einen verspielten Außenseiter: Der deutsche Regisseur Klaus Lemke

Klaus Lemke ist die Madonna des Kinos. Seit er vor 46 Jahren seinen ersten Kurzfilm drehte, hat er sich immer wieder neu erfunden. Heute, mit 70 Jahren, macht er Filme, die jünger sind als je zuvor. Seit fast zehn Jahren dreht er jetzt digital, auch das gibt ihm die Freiheit, seine Filme unaufwändig und schnell zu realisieren. Noch immer stehen bei ihm die Darsteller im Mittelpunkt, auch wenn man deren Namen heute nicht so kennt wie früher, als sie Cleo Kretschmar, Wolfgang Fierek, Sylvie Winter oder Paul Lyss hießen.

Es sind seine Protagonisten, die den Rhythmus der Filme bestimmen, manchmal so zielstrebig zupackend wie Cleo Kretschmar, oft eher sich treiben lassend. Zum Beispiel Henning in "Schmutziger Süden", den Lemke in diesem Jahr fertiggestellt hat: ein Ladies' Man, dessen Charme eine begrenzte Halbwertszeit zu haben scheint - am Morgen setzen ihn die Damen regelmäßig auf die Straße.

Gerade rechtzeitig kommt da das Angebot, ein Paket von Hamburg nach München zu überführen. Dort, in der Stadt, wo Lemke in den Sechzigern begann, liegt Henning die Damenwelt zu Füßen: nicht nur die Barfrau Indira, sondern auch die höhere Tochter Sina, in deren Wohnung es einen Klodeckel gibt, der sich automatisch senkt, und deren Papa auch mal einen anderen Wagen vorbeibringt, nachdem Henning am ersten etwas auszusetzen hatte. Diplomatie ist allerdings nicht die Stärke des Zugereisten: "Damit kann ich mich doch nicht blicken lassen!"

So einen Satz hätte man schon vor vierzig Jahren in einem Film von Klaus Lemke hören können, schließlich sind seine Protagonisten stilbewusst, auch wenn sie dabei regelmäßig in Gefahr laufen, sich selbst zu überschätzen - jedenfalls die Männer; bei Lemke sind, spätestes am Ende, die Frauen immer die Stärkeren.

Demonstrierten seine Filme anfangs Größe, indem sie einen internationalen Star wie Gérard Blain vor die Kamera holten ("Negresco") und damit Hollywood in Schwabing neu erfanden, so machte Lemke später selbst Stars, zumal Cleo Kretschmar, die er für seine Schwabinger Komödien entdeckte. "Schmutziger Süden" markiert jetzt seine Rückkehr dorthin, wo er einst begann.

Das Schwabing von 2010 mag nicht mehr den Glamour der früheren Jahre haben, aber es ist immer noch das ideale Pflaster für sympathische Nichtstuer mit großen Ideen. Henning produziert Pfiffiges wie die Aktion "Heute bin ich Dein Freund", muss sich aber auch einmal das Urteil gefallen lassen, er sei "ein typischer Hamburger - etwas übersexualisiert". Wer allerdings einem gewieften und altgedienten Zeitungsmann wie Michael Graeter, der Ikone unter den Münchner Klatschkolumnisten, die Schlagzeile "Junger Hamburger (20) rettet München" schmackhaft machen kann, der hat zu Recht die Sympathien des Publikums.

Mit solcher Verspieltheit ist Lemke wieder bei den ersten Filmen der damals als Münchner Gruppe titulierten Filmemacher (zu denen auch Wim Wenders und Rudolf Thome gehörten) angekommen. Ob Hamburg nur noch eine Erinnerung bleibt, wird die Zukunft zeigen. Hoffentlich nicht, denn dafür ist der 1971 gedrehte "Rocker" ein zu gelungenes Bild der Zeit. Wenn Dominik Graf in seiner Liebeserklärung an den Film (geschrieben für das schöne Buch "Inside Lemke") notiert: "Die Straßen der Stadt muß man filmen können. In St. Pauli haben es nun wirklich viele deutsche Regisseure versucht, und geschafft hat es eigentlich nur Klaus Lemke", dann ist das ein Versprechen, das man im Kopf hat, auf dem Weg zu Lemke und seinen Filmen in Wien. (Frank Arnold / DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2010)

25. 10., Künstlerhaus, 21.00
31. 10., Gartenbau, 23.00

  • "Schmutziger Süden"
    foto: viennale

    "Schmutziger Süden"

  • "Rocker"
    foto: viennale

    "Rocker"

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