Es ist noch lange nicht vorbei

24. Oktober 2010, 17:29
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Laura Poitras setzt mit "The Oath" ihre kritische Geschichte der USA nach 9/11 fort

Als in den Monaten vor dem September 2001 verschiedene junge Männer vorwiegend saudi-arabischer Herkunft bei Osama Bin Laden in Afghanistan vorsprachen, empfing sie ein junger Mann aus dem Jemen namens Nasser al-Bahri. Er war damals der "Emir der Gastfreundschaft" unter den Anhängern des bekannten Jihadisten. Nasser al-Bahri hatte davor schon in Bosnien für die muslimische Sache gekämpft, irgendwann nahm er den Namen Abu Jandal an. Als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, saß er gerade im Jemen im Gefängnis - die Polizei war auf ihn aufmerksam geworden, nachdem im Hafen von Aden ein Anschlag auf den US-Zerstörer USS Cole verübt worden war, bei dessen Untersuchung wichtige Hinweise auf Anschlagspläne auf Ziele in den USA nicht weiterverfolgt wurden.

In der komplizierten Geschichte des islamistischen Terrorismus nimmt Abu Jandal eine Sonderstellung ein, denn er ist einer der wenigen, die nach dem 11. September 2001 ihre Position gründlich revidiert haben. In Laura Poitras' Dokumentarfilm "The Oath" ist er deswegen die entscheidende Figur - ein Mann zwischen den Welten, ein Gegenentwurf zum Extremismus, aber auch zum "Krieg gegen den Terror". Denn Abu Jandal steht auch für ein Gespräch zwischen den Konfliktparteien, während so viele "enforced interrogations" (Befragungen unter Gewaltanwendung) der US-Behörden und ihrer Zuarbeiter zweifelhafte Informationen erbrachten und auch das Bild einer unterdrückerischen Weltmacht bestätigten.

Mit "The Oath" setzt Laura Poitras ihre kritische Geschichte der amerikanischen Reaktion auf 9/11 fort. Vor vier Jahren schaffte sie es, mit "My Country, My Country" ein sehr differenziertes Bild der Besatzung im Irak zu zeichnen. Fast immer arbeitet sie mit minimalem Equipment, ihr gelingen dabei wahre Wunder des Zugangs zu eigentlich verschlossenen Bereichen. Sie arbeitet "embedded", also als akkreditierte Journalistin (in der Regel bei der Armee), kann aber die Beschränkungen dieser Rolle souverän überschreiten. In "The Oath" hat sie Abu Jandal zum Beispiel dazu bewegen können, eine Kamera in seinem Taxi einzubauen - die alltäglichen Gespräche, die er bei der Arbeit führt, machen ihn als Figur erst richtig plastisch.

Ursprünglich wollte sie einen Film über Guantánamo machen, schrieb Laura Poitras in der Antwort auf ein paar Fragen zu "The Oath" per Mail. "Als ich im Jemen auf Abu Jandal traf, hat sich das ganze Filmprojekt verändert. Dass er mitgemacht hat, hat sicher auch mit einem Schuldgefühl zu tun, denn er fühlt sich dafür verantwortlich, dass sein Cousin Salim Hamdan so lange in Guantánamo gefangen saß." Salim Hamdan, 2001 Chauffeur von Osama Bin Laden, wurde während der Invasion in Afghanistan verhaftet und zu einem der prominentesten Häftlinge in Guantánamo, weil sein Fall bis vor den Obersten Gerichtshof der USA ging. In "The Oath" ist er die zweite Hauptfigur, obwohl er sich nicht filmen lassen wollte.

Mit dem Titel des Films hat es eine doppelte Bewandtnis. Er bezieht sich auf den Eid, den die Jihadisten schwören, aber auch auf den Eid auf die amerikanische Verfassung, den George W. Bush und Donald Rumsfeld nach Meinung vieler Kritiker gebrochen haben. Hat sich die Lage unter Barack Obama, gebessert? Laura Poitras ist skeptisch. "Ich war gerade im Jemen, als er gewählt wurde. Er hat auch in dieser Region großen Optimismus bewirkt. Aber er setzt in vielerlei Hinsicht die Politik seiner Vorgänger fort. Insgesamt glaube ich, dass die USA als Nation noch lange nicht mit 9/11 und seinen Auswirkungen zurande gekommen sind." (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2010)

26. 10., Künstlerhaus, 16.00;
28. 10., Urania, 11.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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