Junge werden um Lebens-Chancen betrogen

22. Oktober 2010, 19:05
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Die ältere Generation verdient Solidarität, der Jugend wird aber zu viel zugemutet - Die nachkommende Generation hat unnötig schwere Lasten zu tragen, sie wird um die Chance betrogen, eigene Lebensentwürfe umsetzen zu können - Von Wolfgang Mazal

Die kurz- wie langfristigen Prognosen zum Anstieg des Aufwands aus öffentlichen Kassen für Pensionen und für Pflege sind beängstigend und bleiben klar hinter dem Mehraufwand zurück, den die Gesellschaft für junge Menschen etwa im Bildungsbereich ausgeben will. Symptomatisch ist, dass derzeit bezüglich der Pensionen über das Ausmaß der Erhöhung diskutiert wird, während für junge Familien Einsparungen bereits fixiert sind! Obwohl dies mehr als irritierend ist, möchte ich mich aber nicht in Zahlen verlieren, sondern andere Themen im Verhältnis Alt/Jung ansprechen. Eine lose Auswahl von Problemzonen soll Anregung zur Reflexion bieten:

Einkommens-Chancen

Die Arbeitsbedingungen junger Menschen führen heute durch lange Phasen vertragsrechtlich prekärer Beschäftigungen mit relativ geringen Einkommen. Dies führt bei gleichzeitig hohen Wohnkosten und einem von der Gesellschaft erwarteten und über Marketing entfachten Konsumdruck durch viele Lebensjahre hindurch zu enormer finanzieller Enge.

Geringe Einkommen führen zu einer steigenden Verarmung junger Menschen. Dies wird auch durch die an sich lobenswerten intergenerationalen Transfers nicht weniger bedenklich: Wer sich Wohnen, Mobilität und oft auch den Alltag ohne die finanzielle Hilfe von Eltern und Großeltern oder seitens des Staates nicht leisten kann, bleibt abhängig.

Arbeitswelt

Die Arbeitswelt stellt hohe Anforderungen an zeitliche und regionale Flexibilität und fordert von Männern und Frauen enorme Zeitbelastungen, was für eine Partnerschaft belastend und - wie wir aus vergleichenden Untersuchungen wissen - für die Entscheidung zum Kind hinderlich ist. Die Realisierung des Kinderwunsches scheitert gerade in jungen Jahren oft an Problemen in der Arbeitswelt.

Veränderungsunwilligkeit

Dass sich massive demografische Verschiebungen im Verhältnis von Alt und Jung in sozialstaatlichen Neuregelungen niederschlagen müssen, liegt auf der Hand; leider wird die politische Diskussion dazu allerdings durch den Anspruch auf Besitzstandswahrung, die angebliche Unantastbarkeit "wohlerworbener Rechte" und durch Institutionen geprägt, die nach der Mehrheit der "grauen Panter" schielen und sich den Anforderungen der Zukunft verweigern.

Wissens- und Wertedefizite

Wer allenthalben das Verblassen von Werten beklagt (und das trifft nicht nur eine bestimmte, sondern jede wertebewusste Tradition), muss sich fragen, warum Werte, die durch lange Zeit transportiert werden konnten, binnen einer Generation zu erodieren scheinen. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass die Institutionen, in denen Werte sichtbar werden, schwächeln: Interessenvertretungen, die auf das Bewahren ausgerichtet sind und sich dem Erneuern verweigern; Systemteile, die korruptionsanfällig sind; eine ausgedünnte Medienlandschaft; Untreue und Gewalt in Familien und der Verlust von Vertrauen in wichtigen Bereichen (Kirchen, Gewerkschaften, Parteien) zerstören jene Erlebensräume, in denen Werte vermittelt, erfahren, erprobt und auch verworfen werden können.

Staatsschuld

Das enorme Anwachsen der Staatsschuld wird den Handlungsspielraum der nächsten Generationen einengen. Dies ist deswegen ungerecht, weil ein erheblicher Teil dieser Schulden nicht für Investitionen mit langer Amortisierungszeit aufgenommen wurde, sondern um Fehler im Konsumverhalten bzw. ein Ausbleiben von Konsum zu korrigieren.

Insgesamt führt dies für die junge Generation zu einem Steigen der Abhängigkeit vom Staat und einem Verlust an Freiheit. Ergebnis jahrzehntelanger Politik ist, dass immer mehr Menschen auf Leistungen des Staates angewiesen sind, der sie aber offensichtlich nicht nachhaltig finanzieren kann.

Dass nach den Gesetzesmaterialien zur Mindestsicherung 42 Prozent der Bevölkerung durch staatliche Transferleistungen über die Armutsschwelle gehoben werden, muss nicht nur als Ausdruck enormer Solidarität der Gesellschaft gedeutet werden, sondern kann auch als bedrückendes Signal gesehen werden, dass beinahe die Hälfte der Menschen der Armut aus Eigenem nicht entkommen kann. Ist da nicht etwas schiefgelaufen?

Ich halte es jedenfalls nicht für ein ethisches Verdienst, wenn eine Gesellschaft zwar die ältere Generation schützt, gleichzeitig aber junge Menschen in Abhängigkeit hält, ihrer Generation Lasten für die Zukunft aufbürdet und ihnen nicht ermöglicht, ihr Lebenskonzept autonom zu realisieren.

Für mich ist in diesem Zusammenhang auch die Semantik der Diskussion zum Generationenverhältnis von Bedeutung. In ihr spielt regelmäßig der Begriff "wohlerworbene Rechte" eine Rolle, obwohl der Verfassungsgerichtshof dem Begriff "Vertrauensschutz" den Vorzug gibt.

Vertrauen kann nur bestehen, wenn man den Partner nicht überfordert. Dies gilt wie in einer Ehe auch im Verhältnis zwischen den Generationen: Wer die nächste Generation überfordert, muss damit rechnen, dass sie angesichts der ökonomischen und institutionellen Defizite unserer Gesellschaft fragt, ob alle die Rechnungen für diese Rechte auch wirklich bezahlt wurden. (Wolfgang Mazal, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.10.2010)

WOLFGANG MAZAL lehrt Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien, er ist Präsident des Österreichischen Instituts für Familienforschung und wurde in die Pensionsreformkommission berufen.

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