"Inszenierungen sind erlaubt, wenn sie der Zuschauer spürt

22. Oktober 2010, 17:55
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Waldviertler Heerwahreiten zeigt Nikolaus Geyrhalter in "Allentsteig" (Sonntag, 23.05, ORF 2) - Über Doku-Sendeplätze sprach er mit dem STANDARD

STANDARD: Was sagen die Vertriebenen von Allentsteig zum Berufsheer: Dafür oder dagegen?

Geyrhalter: Ich habe sie nicht gefragt, weil ich wenig von Filmen halte, die Thesen beweisen wollen. Ich wollte mir die Arbeitsbedingungen von Allentsteig jenseits jeder tagespolitischen Aktualität anschauen.

STANDARD: Zuletzt staunten Sie beim Afrika-Trip zu "7915 km" über die Offenheit der Menschen. Waren die Waldviertler auch so auskunftsfreudig?

Geyrhalter: Ja, das war lustig. Wahrscheinlich ist es generell am Land einfacher. Wenn man dort eintaucht und länger bleibt, wird man entweder sofort abgelehnt oder ist irgendwann dabei. Mit dem Heer hatten wir ein gutes Auskommen. Sie freuten sich über das Interesse.

STANDARD: Hatten Sie überall ungehindert Zugang?

Geyrhalter: Sagen wir so: Es war ein Prozess von Jahren, bis wir die Drehgenehmigungen hatten. Da waren viele innere Widerstände. Aber nachdem der Film von oberster Stelle abgesegnet war, gab es keine einzige Restriktion.

STANDARD:  "Allentsteig" wurde fürs Fernsehen produziert. Warum?

Geyrhalter: Das ist eine Frage der Finanzierbarkeit. Der ORF hat überdies geholfen: Wenn wir als Einzelfirma für einen frei produzierten Kinofilm angesucht hätten, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir Drehgenehmigungen bekommen hätten.

STANDARD:  Ist der Programmplatz, Sonntag, 23.05, ok?

Geyrhalter: Lange war vorgesehen, dass der Film am Nationalfeiertag selber und im Hauptabend läuft. Das wäre natürlich viel, viel schöner gewesen. Es ist generell schade, dass Dokumentarfilme im ORF am Sonntagabend verschwinden. Sie können kaum wahrgenommen werden, weil die meisten Menschen am Montag doch arbeiten müssen. Hier wird Potenzial verschenkt. Es ist aber sinnlos, sich zu ärgern.

STANDARD: Wie weit arbeiten Sie mit Regieanweisungen?

Geyrhalter: Ich lege mich nicht auf die Lauer mit Teleobjektiv. Wir sagen, wenn uns etwas gefällt: "Das war schön, könnten Sie das noch einmal machen." Das ist nicht die 1:1 abgebildete Wirklichkeit, aber es ist eine Wahrheit.

STANDARD:  "Schauplatz" -Kritiker sehen das nicht so großzügig.

Geyrhalter: Prinzipiell gibt es gar kein Nichtdürfen. Ich finde generell im Journalismus fast alles legitim, solange es gekennzeichnet und erkennbar ist. Inszenierungen sind dann erlaubt, wenn man sie der Zuschauer spürt und nicht ganz bewusst als zufällig mitgeschnittene Wirklichkeit dargestellt werden. Man darf das Publikum nicht täuschen. Beim Schauplatz würde ich im Zweifel für den Angeklagten entscheiden. Eine Reportage wie der Schauplatz hat sehr kurze Drehzeiten und ein sehr geringes Budget. Da muss man anders arbeiten und kann nicht, wie wir, wochenlang mit einem großen Team arbeiten. Natürlich erwartet man dann ein anderes Ergebnis, und das sieht man auch.

STANDARD: Dann spielt es keine Rolle, wenn Sie dem Soldaten sagen, er soll im Graben noch einmal die Waffe anlegen und schießen?

Geyrhalter: In diesem Fall ist es vollkommen wurscht, weil das macht er jeden Tag die ganze Zeit. Das ist keine Inszenierung.

STANDARD:  Nach "Allentsteig" schickt Michael Reisecker (22.55) Grußkarten aus Österreich: Wären Kurzformate etwas für Sie?

Geyrhalter: Für die Fernsehkultur finde ich Reiseckers Reisen wunderbar. Ich könnte mit Kurzformaten nicht umgehen, weil ich eine gewisse Länge brauche. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 23./24.10.2010)

NIKOLAUS GEYRHALTER (38) nimmt sich für seinen nächsten Film "Abendland" Europa bei Nacht vor. Größte Erfolge feierte er mit "Elsewhere" und "Unser täglich Brot" . "Reiseckers Reisen" wurde von Geyrhalters NGF produziert.

  • In "Allentsteig"  von Nikolaus Geyrhalter wird gejagt und geschossen: Im Visier ist der potenzielle Feind oder ...
    foto: foto: orf/geyrhalter filmproduktion/nikolaus geyrhalter.

    In "Allentsteig" von Nikolaus Geyrhalter wird gejagt und geschossen: Im Visier ist der potenzielle Feind oder ...

  • ... das flinke Waldviertler Wild, das sich rund um das Sperrgebiet vortrefflich beobachten lässt.
    foto: foto: orf/geyrhalter filmproduktion/nikolaus geyrhalter.

    ... das flinke Waldviertler Wild, das sich rund um das Sperrgebiet vortrefflich beobachten lässt.

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