Wie aus Gastarbeitern Pensionisten wurden

22. Oktober 2010, 17:34
1 Posting

Über ältere Migranten gibt es nur wenig Wissen - und es gibt wenige Angebote für sie

In der islamischen Gemeinschaft habe das Thema noch keine Priorität, erläutert Omar Al-Rawi. "Migranten sind im Vergleich jung", sagt der Integrationsbeauftragte der Religionsgruppe, die in Österreich durch Einwanderung zur drittstärksten avanciert ist: "Die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der älteren Generation fängt unter Muslimen erst an."

Auch beim offiziösen Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), der zum Beispiel die Integrationsvereinbarung abwickelt, stoßen Fragen zur Lage von Migranten 60+ - unter den Zugewanderten immerhin rund elf Prozent - auf Ratlosigkeit: ÖIF-Publikationen zu diesem Thema gebe es keine, sagt Sprecherin Ursula Schallaböck.

Christoph Reinprecht wundert das nicht: Expertise über die in Österreich inzwischen alt gewordenen Arbeitsmigranten der 1960er- und 1970er-Jahre sei rar, weiß der Wiener Soziologe, der die bisher einzige umfassende Studie zum Thema verfasst hat (Christoph Reinprecht: "Nach der Gastarbeit - prekäres Altern in der Einwanderungsgesellschaft", Braumüller-Verlag).

Pensionierte Einwanderer oft ohne familiäres Netzwerk

"Im Unterschied etwa zu Deutschland hat man sich in Österreich besonders lang am Gastarbeitermodell festgehalten, wonach die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei wieder in ihre Ursprungsländer zurückkehren würden. Dass viele von ihnen jetzt ihren Lebensabend hier verbringen, war nicht eingeplant", schildert der Experte. Doch sie taten es - und zwar vielfach unter Bedingungen, die Vorstellungen über Migrantenmilieus nicht entsprechen.

So sind überraschend viele Einwanderer im Pensionsalter - Männer wie Frauen - in kein familiäres Netz eingebunden. Sie leben allein, wie Reinprecht von qualitativen Interviews in Wien her weiß; konkreten statistischen Aufschluss gibt es dazu keinen.

"In den kommenden Jahren werden hier verstärkt Angebote gemacht werden müssen, auch von der öffentlichen Hand", meint der Experte. Angebote, wie sie im Gesundheits- und Pflegebereich derzeit starten würden, mit einem Schwerpunkt auf dem Erkennen spezifischer Bedürfnisse. Etwa bei der Verköstigung: "Essen auf Rädern hat seine Angebotspalette diesbezüglich verbreitert. Hier tut sich etwas, das ist gut so."

Insgesamt, so Rein- precht, müsse man sich klarmachen, "dass die Lebenssituation vieler Betroffenen prekär ist." Oft reichten etwa die Versicherungszeiten nicht für eine Mindestpension - und auch ein unsicherer Aufenthaltsstatus könne in Österreich bis ins hohe Alter hinein mitgeschleppt werden. "Zuletzt hat mir ein Sozialarbeiter von einem Nicht-Österreicher erzählt, der kurz vor seiner Pension den Job - und daraufhin sein Visum - verlor. Er lebt seit 33 Jahren hier." (Irene Brickner, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24. 10. 2010)

  • Essen auf Rädern hat sein Angebot schon auf Pensionisten mit Migrationshintergrund abgestimmt.
    foto: standard

    Essen auf Rädern hat sein Angebot schon auf Pensionisten mit Migrationshintergrund abgestimmt.

Share if you care.