"Das Bürgertum gefällt sich jetzt als Pöbel"

22. Oktober 2010, 17:18
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Es gibt eine "völlig unangemessene, manipulative Reduzierung" sozialer Probleme auf das Thema Integration, sagt der Autor Ilija Trojanow

Mit Isabella Pohl sprach er über Ressentiments und Versäumnisse der aufgeklärten Bürger.

Standard: Wie nehmen Sie die aktuelle Migrationsdebatte wahr?

Ilija Trojanow: Man muss abwägen, in welchem Verhältnis die Unmenschlichkeit, die wir gewinnen, indem wir unsere Grenzen so abschotten, zu den tatsächlichen Lasten steht, wenn wir es Leuten, die zu uns kommen, leichter machen würden, zu bleiben. Stattdessen werden relativ nebensächliche Fragen diskutiert: wo man die Menschen, bevor man sie abschiebt, festhält, wo und wie man sie verhaftet ...

Standard: Woran hakt es?

Trojanow: Vieles an der Migrationsdebatte ist reine Rhetorik. Die Rhetorik spricht von Massen, die zu uns kommen, aber die Zahlen sind gering und rückgängig. Das Asylrecht ist ja schon sehr eingeschränkt. Letztes Jahr sind 10.000 Türken aus Deutschland weggezogen! Wir reden hier nicht über enorme Belastungen der Gesellschaft. Zweitens leben wir in einer Welt des freien Marktes: Das bedeutet einen freien Austausch von allem, also auch Menschen.

Standard: Politiker wollen aber nur qualifizierte Ausländer.

Trojanow: Man kann Migration nicht auf Effizienz hin abklopfen. Man kann nicht von vornherein wissen, wie Menschen sich entwickeln und was für einen Beitrag sie leisten werden. Den nützlichen vom unnützlichen Migranten zu trennen halte ich abgesehen von der moralischen Fragwürdigkeit für schwer zu leisten.

Standard: Integration soll jedoch effizient funktionieren?

Trojanow: Schon das Wort Integration lenkt eigentlich ab von den wirklich wichtigen Fragen, denn es geht ja nicht um Integration. Es sind ja auch solche Ausländer eine Provokation für ressentimentbeladene Menschen, die ökonomisch völlig integriert sind. Ich glaube, dass es keinen Weg zur Anerkennung gibt, wenn das Ressentiment einmal da ist. Das ist ja auch besonders in Regionen vorhanden, in denen es kaum Ausländer gibt. Das ist keine Generationenfrage. Das Fatale der politischen Reaktion ist, dass so getan wird, als gäbe es einen legitimen Einwand, der zu diskutieren sei. Dabei geht es nicht um Rationalität, sondern um Emotion.

Standard: Die Probleme haben nichts mit Migration zu tun?

Trojanow: Es ist völlig klar, dass die Schäden, die wir mit unserer ökologisch verwüstenden Wirtschaft anrichten, zunehmend sichtbar werden und Geld kosten. All das sind reelle Probleme, die sich als Schmerz und Sorge dem Bürger mitteilen. Sie haben aber wenig mit Migration zu tun. Alles in allem findet bei uns auch wenig Migration statt. Es gibt eine völlig unangemessene, falsche, manipulative Reduzierung der sozialen Probleme auf das Thema Migration.

Standard: Was sagen Sie aber jenen Wienern, die Strache gewählt haben, weil sie sich "fremd" in ihrem Bezirk fühlen? Das sind wohl Probleme der Migration.

Trojanow: Brutal ehrlich würde ich sagen: Dies ist eine Großstadt in einem vereinten Europa - get used to it! Das ist die Folge von Globalisierung, und die hat demjenigen, der sich da in Ottakring unwohl fühlt, auch unglaubliche Vorteile gebracht. Didaktisch wertvoller wäre, darauf hinzuweisen, dass vieles von dem, was heute selbstverständlich einheimisch ist, auch einmal eingewandert ist. Die Fremde ist ja nur eine momentane Differenz.

Standard: Das wird von Populisten naturgemäß anders thematisiert.

Trojanow: Das ist eine zentrale Frage unserer Zeit: Wieso die Rechten, Reaktionären mit einer Alleinherrschaft behaupten können, sie verteidigen die Werte des Abendlandes - und keiner widerspricht. Das liegt zum Teil daran, dass die Linke die emotionale Rhetorik vernachlässigt hat. Dabei könnte man schöne Geschichten erzählen über die enorme Bedeutung der Migranten für Wirtschaft und Gesellschaft: nicht zuletzt in der Pflege und den billigen Dienstleistungen. Dass das nicht stattfindet, ist ein großes Versagen von uns allen!

Standard: Aus Arroganz?

Trojanow: Mit Sicherheit ist es eine gewisse Arroganz der Intellektuellen. Viel fataler ist es aber, anzunehmen, einmal Erreichtes sei gesichert. Man hätte eine menschenwürdige Grundierung der Gesellschaft dauerhaft etabliert.

Standard: Islam ist kein Thema?

Trojanow: Allein, dass man über den Islam generell diskutiert, gehört verboten. In Deutschland sind die erfolgreichsten Einwanderer die Iraner und die am wenigsten erfolgreichen die Türken - beide sind Moslems. Das hat offensichtlich nichts mit der Religion zu tun, sondern mit dem Bildungsniveau der Eltern. Ich bin mir sicher, dass die Kinder von Orhan Pamuk in schnellster Zeit hervorragend in einer deutschen Klasse zurechtkommen würden.

Standard: Das führt zu Thilo Sarrazins Thesen - zu denen sich ausgerechnet das Juste Milieu sehr positiv geäußert hat ...

Trojanow: Das Bürgertum gefällt sich jetzt als Pöbel, weil vermeintlich endlich jemand daherkommt, der sagt, was es im Herzen empfinde. Gerade jene, denen es gut geht, haben am meisten Angst, dass sie etwas verlieren könnten.

Standard: Wer könnte die Integrationsdebatte seriös führen?

Trojanow: Es bleiben genug übrig. Ich glaube, dass jene, die wie ich denken, sogar die Mehrheit bilden - eine sehr passive Mehrheit. Das ist das Problem, diese Menschen sind auf Sparflamme Menschenfreund, und das geht nicht. (Isabella Pohl, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24. 10. 2010)

Ilija Trojanow (45), aus Bulgarien stammender Autor und Weltreisender, lebt in Wien und schreibt derzeit an seinem neuen Roman.

  • "Allein, dass man über den Islam generell diskutiert, gehört verboten." Integration sei keine Frage der Religion oder Kultur, betont der Schriftsteller Ilija Trojanow.
    foto: standard/hendrich

    "Allein, dass man über den Islam generell diskutiert, gehört verboten." Integration sei keine Frage der Religion oder Kultur, betont der Schriftsteller Ilija Trojanow.

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