"Mit anderen alt werden können"

22. Oktober 2010, 17:05
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Bauträger stellen sich auf Seniorensingles und ihre neuen Bedürfnisse ein: Etwa 50 Quadratmeter groß sollen die Wohnungen sein und leistbar

Bauträger stellen sich auf Seniorensingles und ihre neuen Bedürfnisse ein. Etwa 50 Quadratmeter groß sollen die Wohnungen sein, leistbar und gut adaptiert an soziale und physische Bedürfnisse.

Als die Rennbahnwegsiedlung im 22. Wiener Gemeindebezirk 1977 fertiggestellt wurde, zogen 10.000 Bewohner ein. Über die Jahrzehnte ist der Mega-Gemeindebau von einem neuen Stadtareal zu einem Sinnbild für urbane Tristesse und soziale Konflikte geworden. Und dabei auch gealtert: Nur mehr 7000 Menschen leben in den 2400 Wohnungen auf 59 Stiegen, die Bewohner kommen ins Seniorenalter, in vielen der Wohnungen leben Singles oder Familien mit wenigen oder gar keinen Kindern.

Die Überalterung in den großen Gemeindebausiedlungen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren errichtet wurden, stellt in Zukunft die größte Herausforderung für den Wohnbau dar, ist Johannes Lutter, Stadtentwicklungsexperte vom Europaforum Wien, überzeugt. "In an sich schon sozial schwierigen Großsiedlungen gibt es wenig Begegnungsmöglichkeiten. Und das Hauptproblem älterer Menschen ist die Reduzierung der sozialen Kontakte", sagt Lutter. "Das fällt aber oft erst auf, wenn ein alter Mensch nach Wochen tot in der Wohnung gefunden wird, ohne dass es aufgefallen wäre."

Neben der Konzeption neuer Wohngebiete gehe es deshalb darum, bestehende Bauten zu sanieren und Modelle für die Betreuung älterer Menschen zu entwickeln, die in den sozialen Wohnbau integriert werden können, sagt Lutter, der als Projektkoordinator der Wiener Wohnbauforschung in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde Wien und Bauträgern die Bedürfnisse analysiert und Leitlinien für das Wohnen der Zukunft erstellt.

Bauen gegen Wohnungsnot

Was die Neubauten betrifft, stellen sich die Bauträger längst auf den demografischen Wandel und veränderte Familienkonstellationen ein: Sie planen verstärkt für rüstige Seniorensingles, dauerhaft Kinderlose und bessere Integration von Zuwanderern – insbesondere in den urbanen Ballungsräumen, die weiter wachsen werden. "Ein immer größerer Prozentsatz jener Häuslbauer, die sich den Traum vom Leben im Grünen wahrgemacht haben, will im Alter zurück in die Stadt", sagt Karl Wurm, Vorstand des Verbands gemeinnütziger Bauunternehmen (GVB).

Die Bauträger gehen österreichweit von einem jährlichen Bedarf von 48.000 neuen Wohneinheiten aus – "wenn es weniger sind, wird es auf jeden Fall zu Wohnungsknappheit kommen, um nicht von Wohnungsnot zu sprechen" , warnt Wurm. Dementgegen sei in den Jahren 2008 bis 2010 die Zahl der Neubauten auf etwa 30.000 zurückgegangen. Vor allem die Errichtung frei finanzierter Wohnungen sei krisenbedingt um rund 30 Prozent eingebrochen. Wurm befürchtet, dass sich die hohen Schulden von Gemeinden und Kürzungen bei den Wohnbauhilfen in Zukunft besonders auf Einkommensschwache auswirken könnte. "Wir brauchen leistbare Mietwohnungen", sagt Wurm. "Das sehe ich als die größte Herausforderung der Zukunft."

Das Problem steigender Mietkosten: "Wir haben wahnsinnig hohe Qualitätsstandards bei neuen Wohnung." Damit die soziale Durchmischung erhalten bleibt, schlägt Wurm vor, günstigere Wohnungen in älteren Gebäuden für einkommensschwache Junge und Alleinerzieher zu reservieren, sobald sie frei werden.

Um die 50 Quadratmeter, zwei bis drei Zimmer, das wird laut Wurm in den kommenden Jahren am gefragtesten sein. "Auch die Generation 60+ kennt inzwischen Lebensabschnittspartner, und für die muss es auch Platz geben in der Wohnung" , meint Wurm. Natürlich müssten diese Wohnungen "halbwegs behindertengerecht" und barrierefrei gestaltet sein, wichtiger sei aber "die Gewissheit, mit anderen alt werden zu können, auch in Form von Wohngemeinschaften, und nötigenfalls rasche Betreuung von Sozialdiensten zu bekommen".

Weiterhin gilt es, die konfliktträchtigen Kombinationen Alt und Jung, Reich und Arm, Urösterreicher und Zuwanderer unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Gerade das generationenübergreifende Wohnen ist heikel: Es müssten getrennte Freiräume für Kinder und Ruheräume für Alte eingeplant werden, aber auch flexibel verwendbar Begegnungsräume für alle. "Es braucht gezielte Moderation, damit sich eine vernünftige Hausgemeinschaft bildet, in der etwa die Senioren auf die Kinder von Jüngeren aufpassen", sagt der Gemeinnützigen-Chef. Die Kreativität der Bauträger ist allenfalls gefordert. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.10.2010)

  • Soziale Vereinsamung in anonymen Großsiedlungen: ein Problem, das auch dem Wohnbau Sorgen macht.
    foto: robert newald

    Soziale Vereinsamung in anonymen Großsiedlungen: ein Problem, das auch dem Wohnbau Sorgen macht.

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