"Die Pensionistenlobby wird gewinnen"

22. Oktober 2010, 17:31
279 Postings

Jungunternehmer gegen Altgewerkschafter: Markus Roth und Werner Thum über maßlose Gerontokraten, kuschende Nachwuchspolitiker und das Pensionsparadies Österreich

Standard: Herr Roth, Sie sitzen vor einem Vertreter der berüchtigten "Gerontokratie" , die - so schrieb das Profil - "kleptomanische Züge" aufweist. Fühlen Sie sich als junger Mensch Ihrer Zukunft beraubt?

Roth: Ja, definitiv. Die Pensionen verschlingen mittlerweile Summen, die einfach nicht mehr leistbar sind. Ich würde ja nichts sagen, wenn wir momentan in Reichtum versinken würden. Aber bei über 200 Milliarden Euro Schulden können wir es uns nicht erlauben, Geld zu verschenken. Ich kenne niemanden in meinem Alter, der noch glaubt, einmal eine Pension zu bekommen. Wir alle schwitzen, und das ist auch der Grund, warum ich mich einsetze: weil ich einfach Angst habe.

Thum: Sie sitzen einer fürchterlichen Propaganda auf. Schon in den 60er-Jahren haben die ersten hochdotierten Uni-Professoren behauptet, dass das Pensionssystem in zehn Jahren tot sei. Da wird in Kampagnen mutwillig versucht, den Generationenvertrag aufzukündigen, laut dem die Erwerbstätigen jene erhalten, die zu alt und krank fürs Arbeiten sind. Niemand stellt in Frage, dass etwa die Schulen von der Allgemeinheit finanziert werden. Nur bei den Alten heißt es ständig: Wir können uns das nicht leisten.

Roth: Generationenvertrag gibt's doch schon lange keinen mehr. Was die Alten konsumieren, können wir Jungen nie und nimmer nachzahlen. Ich habe nichts dagegen, die Altersbezüge jährlich an die Inflation anzupassen. Aber die Milliarden für die Frühpensionen sind ebenso wenig akzeptabel wie dieser Pensionistenpreisindex - gibt es so etwas vielleicht für junge Familien oder Selbstständige? Es heißt immer, das System sei eh finanzierbar, wenn wir ein gescheites Wachstum haben. Doch wie erreichen wir das, wenn alles Geld in die Pensionen gestopft wird?

Standard: Die Erwerbstätigen müssen immer mehr Pensionisten erhalten, die immer älter werden. Ist die Angst da nicht begründet?

Thum: Nein. Die Prognosen der Pensionskommission zeigen eindeutig: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt wird der Aufwand bis 2060 nur in einem geringen, verkraftbaren Ausmaß steigen - weil die wachsenden Kosten bei den ASVG-Pensionen durch den Wegfall der teuren Beamtenpensionen kompensiert werden.

Standard: Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Rechnung gehe dann auf, sagt die Kommission, wenn die Menschen länger arbeiten - was aber nicht passiert.

Roth: Weil für viele Menschen in Österreich die Pension Hauptziel ihres Lebens ist. Noch zwei Jahre arbeiten, dann ab in den Dauerurlaub, lautet das Motto. Das kann's doch nicht sein. Wer zu alt und krank ist, hat natürlich Anrecht auf den Ruhestand. Aber bei 18.000 Sportunfällen von Senioren pro Jahr soll mir bitte keiner einreden, dass all diese Pensionisten nicht mehr arbeiten könnten.

Thum: Es sind doch die Arbeitgeber, die ältere Arbeitnehmer geradezu in die Pension drängen - und über 55 hat man am Arbeitsmarkt keine Chance mehr.

Roth: Warum sollten Unternehmer das tun? Damit berauben sie sich ja ihrer wertvollsten Arbeitskraft.

Standard: Weil sie junge, flexible, billige Arbeitskräfte wollen?!

Roth: Ein junger Mitarbeiter bringt mir am Anfang erst einmal gar nichts. Ein älterer Mensch hingegen kennt die Praxis, hat Erfahrung, ist produktiv. Es mag schwarze Schafe geben - aber in meinem Unternehmen ist Diskriminierung kein Thema. Unser Buchhalter ist zum Beispiel 70. Was natürlich vorkommt: Wenn ein Angestellter seit Jahren jammert, dass es ihn eh nicht mehr freut, wird ein Unternehmer der Pensionierung gerne zustimmen.

Thum: Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ein großer Teil geht aus der Arbeitslosigkeit in die Pension. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die durchschnittliche Alterspension von 1100 Euro ein so großer Anreiz ist, die Arbeit niederzulegen.

Standard: Viele Frühpensionisten, die von der Hacklerregelung profitieren, sind aber keine armen Schlucker - und werden von der Gewerkschaft hartnäckig verteidigt.

Thum: Die Hacklerregelung soll in dieser Form tatsächlich nicht bleiben, weil sie zum Teil einem Personenkreis zugute kommt, für den sie nicht gedacht ist. Aber von heute auf morgen kann man sie nicht abschaffen.

Roth: Wieso nicht? Vielleicht dürfen manche dann nicht in Frühpension, weil sie das Pech haben, einen Tag zu spät geboren zu sein - überhaupt keine Pension mehr zu bekommen, weil man eine Generation zu spät kommt, ist als Alternative aber auch nicht fair! Warum gibt es ein gesetzliches Pensionsalter von 65, wenn es jeder ignoriert und Jahre früher in Pension geht? Das einzige, was man mit der Hacklerregelung vernünftigerweise tun kann, ist abschaffen - am besten heute noch.

Thum: Ich bin ebenfalls dafür, das tatsächliche Pensionsalter anzuheben. Für Menschen, die ihren Beruf nicht das ganze Leben lang ausüben können, brauchen wir aber auch Maßnahmen zur Rehabilitation und eine echte Schwerarbeiterregelung, die den früheren Pensionsantritt ermöglicht.

Roth: Schon wieder eine Sonderregelung - das leuchtet mir nicht ein. Wer nicht mehr arbeiten kann, wird für seinen Job doch automatisch nicht mehr eingesetzt. Ich stell ja niemanden an den Hochofen, der dazu nicht mehr in der Lage ist.

Thum: Und welche Alternativen, bitte schön, wird ein 55-Jähriger haben?

Roth: Da ist eben lebenslanges Lernen gefragt. Während meines Studiums habe ich selbst am Bau gearbeitet, das ist ein beinharter Job. Aber ich habe auch gesehen, dass jene Kollegen, die sich ein bisschen angestrengt haben, aufgestiegen sind. Als sie älter waren, sind sie in leitenden Funktionen im Büro untergekommen.

Thum: Das sind doch Einzelfälle, die gegenüber der Zahl jener, die es nicht schaffen, untergehen.

Standard: Glauben Sie, dass das staatliche Pensionssystem in 30 Jahren noch funktioniert?

Thum: Selbstverständlich. Der angezettelte Kampf von Alt gegen Jung ist in Wahrheit doch eine Scheindiskussion, um zu vernebeln, dass die Ungleichheit seit geraumer Zeit innerhalb jeder Generation zunimmt. Die große soziale Trennlinie verläuft immer noch zwischen arm und reich.

Roth: Wenn wir rechtzeitig, und zwar genau jetzt, die nötigen Einschnitte machen, dann glaube auch ich an das staatliche System. Aber ich fürchte, die Pensionistenlobby wird gewinnen. In den Parteien trauen sich die Jungen nicht, etwas gegen die Alten zu sagen. Säße ich im Nationalrat, könnte ich den Mund nicht so weit aufmachen. Da würde schnell ein Blecha oder ein Khol kommen und mich zurechtstutzen: "Burschi, tu das noch einmal, dann bist nimma in der Partei!"

Thum: Auch zu meiner Jugendzeit wollten wir die Alten aus den Funktionen rausschmeißen - und waren erfolgreich. Dass überall nur Politiker nahe am Pensionsalter sitzen, stimmt nicht. Aber ich weiß schon - mit 20 hab ich 40-Jährige auch für alt gehalten.

Roth: Das Durchschnittsalter im Parlament ist doch deutlich höher, ebenso in der Regierung. Deshalb fordere ich, dass Jugendvertreter mit Stimmrecht in die Verhandlungen über die Pensionserhöhung einbezogen werden. Wenn sich die Pensionistenvertreter dieser Tage wieder einmal um eine Erhöhung anstellen, verhandeln die Alten mit den Alten.

Thum: Naja, Kanzler Werner Faymann etwa ist erst 50.

Roth: Ab diesem Alter sieht man sich heutzutage doch schon in der Pension! (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.10.2010)

WERNER THUM, 70, ist Chef der Pensionistenvertretung des Gewerkschaftsbundes (ÖGB). Bis 2000 war er Direktor in der Pensionsversicherung der Angestellten.

MARKUS ROTH, 35, ist Vorsitzender der Interessenvertretung Junge Wirtschaft und Geschäftsführer der IT-Beratungsfirma Creative BITS in Traun, Oberösterreich.

  • Steht die junge Generation mit leeren Händen da? Markus Roth 
fühlt sich von Seniorenvertretern wie Werner Thum seiner Zukunft 
beraubt.
    foto: der standard/corn

    Steht die junge Generation mit leeren Händen da? Markus Roth fühlt sich von Seniorenvertretern wie Werner Thum seiner Zukunft beraubt.

Share if you care.