Verführerische Politik der Gefühle

22. Oktober 2010, 17:28
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Marco Bellocchio erzählt in "Vincere" vom Aufstieg des italienischen Faschismus und wählt dafür die Perspektive von Mussolinis erster Ehefrau

Das Ergebnis ist einer der besten neuen Filme über historische Umstände.

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Der Aufstieg des Benito Mussolini beginnt mit einem negativen Gottesbeweis. Vor großer Runde stellt er sich hin und ruft die transzendente Macht dazu auf, ihn hier und jetzt zu zerschmettern ("fulminarmi"!), oder die Menschen werden an die Stelle dieses Gottes treten. Da Mussolini diesen Moment der Herausforderung überlebt, ist er nun selbst derjenige, der zerschmettern und erhöhen wird, der Schicksal spielt für eine ganze Nation und deren Kolonien und Verbündete. Der Kern der Entstehung des italienischen Faschismus ist in Vincere von Marco Bellocchio ein Moment der Hybris, in dem linke Religionskritik in rechten Vitalismus umschlägt und ein Diktator sich gleich als Berserker zu erkennen gibt.

Den Rest dieser Geschichte erzählt Bellocchio, ein mit Psychoanalyse und Mythologien gut vertrauter Intellektueller des Kinos, aus der Perspektive einer Frau. Ida Dalser (gespielt von der großartigen Giovanna Mezzogiorno) war die erste Ehefrau von Mussolini, sie bekam von ihm ein Kind und wurde später für eine vorzeigbarere First Lady verlassen. Diese Konstellation erst macht aus Vincere einen der besten zeitgenössischen Filme über historische Umstände. Wenn man sieht, mit welcher Unbedarftheit in Deutschland neuerdings die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Kino durchgenommen wird, dann kann man den einsamen Rang von Bellocchios Leistung so richtig ermessen.

Er erzählt den Aufstieg des italienischen Faschismus nicht als Versuch einer Rekonstruktion der äußerlichen Vorgänge, er fügt die historischen Tatsachen vielmehr in einen Rahmen ein, den er den Genre-Konventionen des Kinos entnimmt: Ida Dalsers Blick aufs politische Geschehen ist melodramatisch strukturiert, ihre Enttäuschung, die einer verstoßenen Geliebten, wird zur kritischen Instanz, an der Bellocchio seine Faschismustheorie erproben kann.

Es geht dabei natürlich um Verführbarkeit und Potenz, um eine Vorstudie zu jener Sexualisierung von Politik (und deren leitenden Metaphern), die auch von Adolf Hitler überliefert wird und die in der jüngeren Gegenwart scheindemokratischer Alltag geworden ist (von Sarkozy bis Putin). In Vincere wird nicht nur die pathologisierte Frau zum Medium der Politik, es verschwindet auch der Duce allmählich in seiner körperlichen Gestalt aus dem Film und geht ganz in Erscheinung auf - das Kino hat unser Bild von Mussolini maßgeblich geprägt. Und dem Kino entwendet Bellocchio nun dieses Bild, verwandelt es in einen großen Pathoszusammenhang.

Gerade darin ist Vincere besonders kühn, dass er diese Politik der Gefühle nicht denunziert, sondern auf ihren Passionskern hin erschließt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)

 

  • 23. 10., Metro, 15.30;
  • 24. 10., Gartenbau, 18.00
  • Giovanna Mezzogiorno als Ida Dalser, erste Ehefrau von Benito Mussolini 
und zentrale Figur in Marco Bellocchios bemerkenswerter Faschismusstudie
 "Vincere".
    foto: viennale

    Giovanna Mezzogiorno als Ida Dalser, erste Ehefrau von Benito Mussolini und zentrale Figur in Marco Bellocchios bemerkenswerter Faschismusstudie "Vincere".

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