Der fremde Krieger, der in die Kälte kam

22. Oktober 2010, 17:34
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Der polnische Kinoveteran Jerzy Skolimowski lässt in seinem existenzialistischen Thriller einen von der CIA verschleppten Afghanen im polnischen Winterwald stranden

Es beginnt buchstäblich mit einem Knalleffekt: In unwegsamer, staubiger Felslandschaft liefern einander ein archaisch anmutender Einzelkämpfer und ein technisch aufgerüsteter Kampftrupp ein heftiges Gefecht, in dem Ersterer unterliegt. In weiterer Folge legen schnell aufblitzende Momentaufnahmen nahe, dass es sich bei ihm um einen mutmaßlichen islamistischen Kämpfer handelt, der von US-Geheimdienstleuten heimlich und widerrechtlich außer Landes verbracht wird.

Dann weiß der Mann die Gunst eines Unfalls zu nutzen. Er kann entkommen, aber die Kälte und eine unbekannte Wildnis stellen ihn bald vor eine neue existenzielle Herausforderung. Der Film, der wie ein Politthriller nach Hollywood-Zuschnitt begonnen hat, wandelt sich allmählich. Der physische Überlebenskampf rückt ins Zentrum, dem Gehetzten machen bald weniger die menschlichen Verfolger zu schaffen als Nässe, Kälte, Hunger und wilde Tiere.

Essential Killing heißt der jüngste Film von Jerzy Skolimowski. 1938 in Lodz geboren, hat dieser im Zuge seiner langen Karriere gleich an mehreren filmischen Auf- und Umbruchsbewegungen teilgehabt: Seine ersten Regiearbeiten entstanden im Zusammenhang des jungen polnischen Kinos, mit Andrzej Wajda und Roman Polanski. Später arbeitete Skolimowski in Großbritannien und Frankreich, dann auch noch in Hollywood. Er ließ sich in Malibu nieder und legte als Filmemacher eine siebzehn Jahre währende Pause ein, um sich, so erzählt er im Gespräch mit dem STANDARD, der Malerei zu widmen.

Nachdem sich der gewünschte Erfolg auch auf diesem Gebiet eingestellt hatte, und als er erkennen musste, dass das Filmemachen in den USA nicht mehr mit seinen Vorstellungen zu vereinen war, kehrte Skolimowski nach Polen zurück. Dort entstand 2008 Vier Nächte mit Anna, gewissermaßen eine halb zur Parodie, halb zur Perversion verkehrte Romantic Comedy. Und dort wurde auch Essential Killing angeregt:

"Ich habe mein Haus in Malibu verkauft und bin mitten in den Wald gezogen, im nördlichen Teil Polens, in Masuren, das vor dem Zweiten Weltkrieg zu Preußen gehörte. Die Gegend ist abgeschieden, fern der Zivilisation, bis auf einen ehemaligen Militärflugplatz (Szczytno-Szymany), rund zwanzig Kilometer von meinem Haus entfernt. Und dort sind die CIA-Flugzeuge mit diesen armen Kerlen gelandet. Ich hatte schon Vier Nächte mit Anna buchstäblich um mein Haus herum gemacht, das war herrlich, eine großartige Formel. Und ich dachte, das muss ich wieder machen - aber welcher Stoff würde mir das erlauben?"

Ambivalente Bezugnahme

Die CIA-Flüge erschienen Skolimowski zunächst als ein "zu gewichtiger, politischer Stoff". Er entwickelte die Story ausgehend von jenem Unfall, bei dem sein namenloser Protagonist entkommen kann - und sich auf einem Terrain bewegt, das dem Regisseur bestens vertraut ist. Die Ambivalenz zwischen brisanten realen Bezügen und Passionsgeschichte bleibt dem Film, den Skolimowski "ein Gedicht oder ein Märchen, eine moralische Erzählung" nennt, aber eingeschrieben:

"Ich bin die letzte Person, die sich einen politischen Kommentar anmaßen würde, ich halte mich da raus. Ich beschränke mich im Film auf ein Minimum an Information: dass es da einen Krieg gibt, die Möglichkeit, dass man es mit einem Terroristen zu tun hat - oder mit einem Unschuldigen. Ich wollte es so ununterscheidbar halten, beides sollte denkbar und plausibel sein. Und die Geschichte seines Irrgangs ist in beiden Fällen die gleiche."

Für die kompromisslose Verkörperung dieser Figur bedurfte es nicht zuletzt eines entsprechenden Darstellers. Wie er als Regisseur mit dem bekannt unberechenbaren Vincent Gallo zurechtgekommen ist? Skolimowski muss lachen: "Ich habe ihn aus einem einfachen Grund ausgewählt. Er hat eine bestimmte animalische Qualität, und er ist kein Charmeur - der Typ kann das gar nicht, no charme at all. Ich wollte auch nicht, dass mein Held Sympathie weckt - eher im Gegenteil, man möchte ihm selbst auch nicht zu nahe kommen. Und das kann Vincent spielen. Ich kannte seine Reputation, aber vergessen Sie nicht, ich habe mit Brandauer gearbeitet - und ich habe es überlebt." (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)

  • 24. 10., Gartenbau, 21.00;
  • 25. 10., Künstlerhaus, 24.00
  • US-Schauspieltier Vincent Gallo verausgabt sich als flüchtiges 
Kriegsopfer im polnischen Winterwald und für Jerzy Skolimowskis 
"Essential Killing".
    foto: viennale

    US-Schauspieltier Vincent Gallo verausgabt sich als flüchtiges Kriegsopfer im polnischen Winterwald und für Jerzy Skolimowskis "Essential Killing".

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