Der Star-Jäger und sein Lieblingsobjekt

22. Oktober 2010, 17:38
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Leon Gast porträtiert einen legendären New Yorker Paparazzo

Am Anfang des Films erklärt ein älterer Mann eine Kulturtechnik, die schon bald dem Vergessen anheimfallen könnte: Man braucht dazu einen abgeschlossenen Raum, mehrere Plastikwannen, flüssige Chemikalien und Wasser. Werkzeuge wie einen Miniblasebalg ("dust off, dust off, dust off"), Spezialpapier, eine technische Apparatur, eine rote Glühbirne und gezielte Belichtung. Bei sachgemäßer Nutzung dieser Infrastruktur werden auf den weißen Bögen Schemen und dann Bilder sichtbar. Man nennt das analoge Fotografie (in Ausarbeitung), und der Mann, um den es in Smash His Camera geht, hat sich diese in besonderer Weise zunutze gemacht.

Ron Galella, in der Bronx aufgewachsen, Sohn einer filmbegeisterten Mutter und beim Militär zum Fotografen ausgebildet: Aus dieser Vorgeschichte formiert sich ein Berufsbild, Galella schießt Fotos von Berühmtheiten. Und zwar aus dem Hinterhalt, ohne deren Einverständnis, aber nicht immer zu deren Missfallen. Schließlich profitieren im günstigsten Falle beide davon, dass sich das Resultat ihres Aufeinandertreffens am nächsten Tag in einem Magazin gedruckt wiederfindet.

Galellas berühmtestes Motiv heißt Jacqueline Kennedy, später Onassis. Er fotografiert sie unermüdlich, akribische handschriftliche Aufzeichnungen künden noch heute von der obsessiven Bindung des Fotografen an "Jackie". Seinerzeit, Ende der 60er-Jahre, führte die nahezu allgegenwärtige Präsenz des Fotografen zu einem vielbeachteten Prozess. An dessen Ende schaffte es die Präsidentenwitwe mit dem Popstar-Status, Galella in seine Schranken und auf gerichtlich vorgeschriebene Distanz zu verweisen.

Jene Momentaufnahme, in der sich Jackie Onassis mit vom Wind zerzaustem Haar, offenem Blick und einem leicht abwesend wirkenden Lächeln ahnungslos der Kamera zuwendet, ist danach entstanden. Im Film tauchen "Jackies Mona-Lisa-Lächeln", wie Galella das Bild nennt, und die dazu gehörende Jagdgeschichte gleich zu Beginn auf. Vom Prozess erfährt man erst viel später.

Das kann man als gängigen dramaturgischen Kniff gelten lassen. Aber Regisseur Leon Gast (When We Were Kings) mischt auch im weiteren Verlauf von Smash His Camera für den Film gemachte Interviews, Archivmaterial sowie hunderte Fotografien in einer fahrigen Weise, die nicht nur die chronologischen Zusammenhänge ein Stück weit undurchschaubar macht.

Zum einen hält sich der Film an Episoden aus Galellas Laufbahn, die selbst publicityträchtig sind, wie dessen buchstäblicher Zusammenstoß mit Marlon Brando. Zum anderen versucht er, die Rolle und das Selbstverständnis des Paparazzo-Urgesteins auch zu problematisieren, ruft dazu allerdings wiederum Zeugen auf, deren Auswahl einigermaßen beliebig wirkt. So trifft man wiederholt auf eine Runde von Fotografinnen und Fotografen, die über den künstlerischen Wert von Galellas Arbeiten reden.

Ohne die darauf abgebildeten Stars und Persönlichkeiten seien die Fotos nicht von Belang, heißt es da einmal, ihre fotografische oder künstlerische Qualität nicht sehr bedeutsam. Diese Aussage trifft am Ende leider noch mehr auf Gasts Dokumentarfilm zu. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 23/24. Oktober 2010)

 

 

  • 24. 10., Künstlerhaus, 23.30
  • 25. 10., Gartenbau, 13.00
  • Immer ein Obstkistchen zum Sitzen dabei: Ron Galella, heute einer von 
unzähligen Fotoreportern, bei der Arbeit des Wartens.
    foto: viennale

    Immer ein Obstkistchen zum Sitzen dabei: Ron Galella, heute einer von unzähligen Fotoreportern, bei der Arbeit des Wartens.

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