Jeder Mensch ist seine eigene Insel

22. Oktober 2010, 17:25
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Die Viennale widmet dem Werk des franko-kanadischen Filmemachers Denis Coté ein sehenswertes Spezial

Von Eigenbrötlern in der Provinz und den Herausforderungen eines abgeschotteten Lebens.

Vater und Tochter bilden eine geschlossene Einheit. Abends zum Beispiel hören Jean-François und Julyvonne (verkörpert von Emmanuel Bilodeau und seiner Tochter Philomène) oft gemeinsam Musik vom Pop-Sternchen Tiffany. Während sie tanzt, hockt er auf dem Sofa und starrt Löcher in die Luft. Die Gründe für die Zurückgezogenheit der beiden werden in Denis Cotés jüngstem Film Curling nur ansatzweise ersichtlich. Aber es scheint so, dass Jean-François der Welt im Allgemeinen ein wenig misstraut. Dass er Julyvonne nicht zur Schule gehen lässt, ist jedenfalls Folge seines übertriebenen Beschützerinstinkts.

In den Filmen von Denis Coté, 1973 in der kanadischen Provinz New Brunswick geboren, gibt es auffällig viele sonderliche Protagonisten: verschlossene Eigenbrötler wie Jean-Paul Colmor aus dem semidokumentarischen Spielfilm Carcasses, ein Mann, der seinen Hinterhof am Land zum Schrottplatz für Autowracks umfunktioniert hat; das bulgarische Pärchen in Nos vies privées, das schnell herausfinden wird, dass sie mehr trennt, als sie zunächst vermuten; oder Coralie, die vereinsamte junge Frau aus Elle veut le chaos, die sich in einer rüden Männerwelt behaupten muss.

Cotés Filme, die die Viennale zu einem Spezial zusammengestellt hat, könnte man, analog zu den Figuren, auch als Inseln bezeichnen (was nicht heißt, dass sie nicht auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt im Austausch stehen). Ursprünglich Filmkritiker und in der Underground-Musikszene von Montréal aktiv, gründet Coté 1993 seine Produktionsfirma Nihil Productions und realisiert 2005 nach mehreren Kurzfilmen mit Les états nordiques sein Spielfilmdebüt – über einen Mann, der in den hohen Norden Québecs aufbricht.

Die Peripherie, ein Zwischenraum, der ländliche Züge trägt, aber immer schon von den Ausläufern der Gesellschaft kontaminiert erscheint, ist der bevorzugte Raum seiner Filme. In Curling liegt das Haus von Jean-François in einem winterlichen Niemandsland, dörfliche Strukturen sind kaum erkennbar, und im nahen Wald, der Julyvonne als Rückzugsort dient, entdeckt diese eines Tages eine Gruppe zugefrorener Leichen. Es ist ganz charakteristisch für Coté, solche Interventionen für sich selbst stehen zu lassen. Die Leichen bleiben das Geheimnis des Mädchens, so wie der Vater seine eigenen Mysterien mit sich trägt, wenn er eines Tages beschließt, eine Reise zu machen, um nicht auseinanderzufallen.

Doppelte Fremde

Ein anderes wiederkehrendes Merkmal der Filme ist, dass sie im Lokalen das Globale entdecken: Milena (Anastassia Liuteva) und Philip (Penko S. Gospodiniv) aus Nos vies privées haben sich im Internet beim Chat kennengelernt, in Québec – selbst eine Sprachinsel – sind sie doppelt fremd. Der Film beginnt, in lässigem Gestus mit Handkamera gedreht, als verspieltes Miteinander zweier Menschen, die zwar einiges voneinander wissen, aber eben nicht genug, um sich wirklich vertraut zu sein.

Ungefähr in der Mitte des Films kommt es zu zwei Vorkommnissen – Milena wird vom Vermieter des Landhauses drangsaliert, Philip von einem unheimlichen Wesen erschreckt -, die die beiden auseinanderdriften lassen. Womöglich wird damit aber nur eine Entfremdung nach außen getragen, die den beiden eigentlich selbst zu eigen ist. Auf eindringliche Weise dramatisiert Coté damit in Nos vies privées eine durch neuere Technologien entstandene Beziehungskonstellation, ohne einen einzigen Computer zeigen zu müssen.

Bei aller motivischen Geschlossenheit seines noch schmalen Werks zeigt sich Coté formal durchaus experimentierfreudig: Elle veut le chaos – seine erste Zusammenarbeit mit der Kamerafrau Josée Deshais – zeichnen im Unterschied zu den weniger stilisierten Arbeiten davor rigide komponierte Schwarz-Weiß-Einstellungen aus. Der Film, für den er in Locarno als bester Regisseur prämiert wurde, ist wohl sein pessimistischster – die Vermessung einer erkalteten Welt: Für Coralie (Eve Duranceau), die gemeinsam mit ihrem Vater in einer von Zuhältern und Rowdies verunsicherten Gemeinde lebt, findet sich keine Fluchtlinie.

Der mittellange Les lignes ennemies und Curling, seine beiden jüngsten Filme, sind da schon offener: Wo in dem einen Soldaten durch ein nicht näher bestimmtes Feindesland ziehen und die Anspannung in bizarren Begegnungen (etwa mit einer barbusigen Söldnerin, die sich durch hohes Gras kämpft) aufgelöst wird, findet der schüchterne Jean-François in Curling gerade durch den skurrilen titelgebenden Wintersport zu einem sozialen Miteinander. Dass es dabei unter anderem darum geht, das "eigene Haus" zu beschützen, passt da natürlich hervorragend ins Bild. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)

  • Einsame Frau in einer erkalteten Welt: Coralie (Eve Duranceau) in Denis 
Cotés Spielfilm "Elle veut le chaos".
    foto: viennale

    Einsame Frau in einer erkalteten Welt: Coralie (Eve Duranceau) in Denis Cotés Spielfilm "Elle veut le chaos".

  • Ein Freund peripherer Schauplätze: der kanadische Regisseur Denis Coté 
am Set von "Carcasses".
    foto: viennale

    Ein Freund peripherer Schauplätze: der kanadische Regisseur Denis Coté am Set von "Carcasses".

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