Sechs Augen sehen mehr

22. Oktober 2010, 18:37
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Der heimische Kunstmarkt laboriert an Überalterung - Das hat Gründe und auch Vorteile

Als ob es darob etwas zu gewinnen gäbe, taten einige Wiener Kunsthändler in den letzten Wochen ihre Bestandsjubiläen kund: Auf neun Jahrzehnte bringt es die Hauschronik der in dritter Generation geführten Galerie Szaal. Eine Ausnahme. Der Löwenanteil der schwerpunktmäßig im Osten Österreichs angesiedelten Protagonisten hat höchstens 30 (Giese & Schweiger, Ursula Hieke) oder 35 (Wolfgang Bauer/Bel Etage) Jahre auf dem Firmenbuckel.

Mit einem soeben vollendeten Jahrzehnt zählt Roland Widder jedenfalls zu den jüngsten Firmengründern. Sein Startkapital waren auch die Erfahrungswerte seiner Mutter, die drei Jahrzehnte lang einen Kunsthandel in Linz führte. Die nächste Generation entschied sich dann für den stärker frequentierten Marktplatz Wien. Insofern tigerte Alexander Giese - in der Akademiestraße, in einträglicher Innenstadtlage - ins vorbereitete Nest, eine ansehnliche Kundenkartei und volles Bilderlager inklusive. Vor einem Dutzend Herbstsaisonen wurde aus dem Duo (Harald Schweiger, Herbert Giese) ein partnerschaftliches Trio, bei dem, so der Blick aus der Vogelperspektive, keiner den anderen missen mag. Ob er auch ohne väterliche Vorarbeit diesen Berufsweg beschritten hätte? Vermutlich der mangelnden fachlichen Praxis und auch des fehlenden Kapitals wegen nicht. Dazu die etablierte Konkurrenz, nein. Und das erklärt stellvertretend, warum die Generation „30 plus" derzeit - quasi auf halbem Weg zur endgültigen Übernahme der Familienbetriebe - hierzulande eher aus der zweiten Reihe agiert, statt den Alleingang zu wählen. Das Miteinander zweier Generationen hat sich im heimischen Kunsthandel als durchaus zeitgemäßes Erfolgsmodell durchgesetzt. Sechs Augen sehen eben mehr, fasst es Alexander Giese treffend zusammen.

Notorischer Überalterung

Flott über den Kamm geschert: Abseits der auf Zeitgenössisches fokussierenden Galerienszene laboriert der Kunsthandelsplatz Österreich damit an notorischer Überalterung. Auch die bediente Hauptklientel betreffend, die 50, wenn nicht 60 Lenze zählt. Die Gründe liegen für den 34-Jährigen, selbst Vater zweier Kleinkinder, auf der Hand. Seine Prioritäten wie die von Altersgenossen seien andere: Urlaub mit der Familie, ein Auto kaufen, ein Eigenheim finanzieren, etwa in dieser Reihenfolge.

Primärerfordernisse, fasst Otto-Hans Ressler („im Kinsky") zusammen, die es zu sichern gilt, bevor man sich den Luxus Kunst leisten kann und will. Das Alter der Kunden würde von Auktionshäusern ja nicht erfasst, die nationale Zuordnung von Lebensalter und bevorzugter Sparte weiche aber von den internationalen Gepflogenheiten kaum ab: Der Typ Zeitgenössisches zählt zwischen 30 und 45 Jahre, bei Klassischer Moderne käme man mit 35 bis 70 auf die größte Spannweite. Kunst des 19. Jahrhunderts würde eher von Mittfünfzigern und 80-Somethings gekauft, Gemälde Alter Meister wiederum von 55- bis 75-Jährigen. (kron, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)

  • Zwei Generationen, drei Partner: Alexander Giese, Harald Schweiger und Herbert Giese.
    foto: giese & schweiger

    Zwei Generationen, drei Partner: Alexander Giese, Harald Schweiger und Herbert Giese.

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