"Warum erinnere ich mich gerade jetzt an früher?"

    22. Oktober 2010, 20:03
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    Ich war vor 20 Jahren das erste Mal in Italien, mit dem ersten Freund, der ersten vermeintlichen Liebe, im ersten Westauto - Von Sibylle Berg

    Und das erste teure Hotel meines Lebens. Eine Erinnerung an das Jungsein.

    Seit einiger Zeit erinnere ich mich an früher. Das ist wohl das Zeichen des nahenden Endes, das Kurzzeitgedächtnis tot, die Kindheit sehr nah. Warum erinnere ich mich gerade jetzt an meine erste Italienreise? Es ist so ein perfekter Moment, abends, ein Kiosk in Sestri Levante, das Meer rechts, die Pinien (Könige der Bäume) oben, und grüne Neonschrift im Himmel. Der Kaffee in dieser kleinen Bude besser als in allen bekannten Gaststätten, die Luft mild und kein Staunen mehr da.

    Die Schönheit macht nichts mehr mit mir, die Luft nicht und das Meer nur Wasser. Die Erinnerung das einzig Lebendige, Trauer um die Zeit, in der alles Aufregung war.

    Ich war wohl vor 20 Jahren das erste Mal in Italien, mit dem ersten richtigen Freund, der ersten vermeintlichen Liebe, im ersten Westauto. Und das erste teure Hotel meines Lebens, dessen Namen ich nie vergessen werde: Villa Villoresi bei Florenz. In einem Vorort ein Kasten, sicher fünftausend Jahre alt, der Garten zugewachsen mit Pinien, und wie die duften in der Nacht, und wie die Grillen Geräusche machen, und ich am Fenster und gar nicht wissen, was man mit so einer Nacht anfangen soll. Sie essen, vielleicht?

    In einem Hotel mit gedämpftem gelbem Licht, so einem, vor dem ich sonst nur kurz gestanden war, die Buchsbäume anschauend, links und rechts des Einganges, und denkend: Das werde ich wohl nie erleben, so ein Hotel, von innen, und da stand ich dann am Fenster und hatte ein wenig Angst, dass einer klopfen könnte und sagen: Sorry, Fräulein, wir haben uns verlaufen, der Campingplatz ist gegenüber.

    Wie ein junger Hund war ich wohl, wenn ich heute daran denke. Morgens aus dem Bett stürmen und raus, und alles ansehen müssen, unbedingt, sofort, bis man Kopfweh bekommt. Die Italiener, damals dachte ich, die schönsten Menschen der Welt, in den seidig fallendsten Trikotagen redeten, und ich glaubte, sie sprächen in danteschen Versen, so klug sahen sie aus, so selbstbewusst, und ich ...

    Wie das war, als das Leben noch vor mir lag und ich dachte: Jetzt, jetzt geht das alles los. Mit der Liebe, mit Italien, und dass es sich immer so anfühlen würde, wie ein Rausch, dachte ich, und nun, nun stehe ich an diesem Kiosk, trinke wunderbaren Kaffee und denke nur: Heute Abend gibt es schon wieder nichts Vernünftiges zu essen. Italienisch halt.

    Wie sich das Leben abnutzt, das merkt man ja nur an Freunden und Ländern, die man immer wieder sieht, und die Falten werfen, und die Gags, die hat man schon 1000-mal gehört und die Kaffeebuden 1000-mal gesehen und am Meer gestanden und gedacht: Also so schön werd ich wohl nie wieder am Meer stehen. Und immer wieder kommt man, weil man doch so hofft, dass wenigstens die Gefühle gleich bleiben, wenn schon alles andere altert.

    Trauer um die Zeit ...

    Nichts da. Alles wird schwächer. Wie die Erregung abnimmt und das Verstehen wächst, aber es hilft ja nichts. Es macht nicht einfacher, zu verstehen, nichts angenehmer.

    Cinque Terre, 15 Jahre später, sind nur noch Touristenmassen, die sich mit Reiseleitern durch die kleinen Orte schieben, sind überfüllte Restaurants mit viersprachigen Speisekarten, ist das Gefühl, ein Portemonnaie auf zwei Beinen zu sein, und das Verstehen, dass sie recht haben, die Italiener. Wenn man schon ihre netten Gassen verstopft, mit weißem Fleisch, dann muss man dafür zahlen.

    Irgendwo hier am Meer war ich tanzen, in dieser Art, dass man verschwitzt ist und fast tot, wie nach einem Marathon, in schwarzen Sachen, natürlich trug ich nur Schwarz, und früh am morgen lag ich neben einem umgestülpten Boot – das war wohl mit dem Freund, nach dem ersten Freund. Ohne Auto und ohne Geld, und an Venedig erinnere ich mich noch, im Herbst, und leer. Eine Pension für 30 Mark, und kein Geld mehr für gepflegte Speisen. Ziemlich hungrig liefen wir durch die Stadt, und warum vergisst man das nicht, vergisst dafür die späteren gepflegten Reisen nach Venedig in Ferienwohnungen erwachsener Freunde, Essen in teuren Restaurants, die nie mehr das Gefühl machen werden, wie der Hunger auf das Leben damals.

    Und wie mir das nicht mehr einfiele, heute, die ganze Nacht durch die Stadt zu laufen, weil der Zug um sechs fuhr und das Geld für eine Übernachtung nicht mehr vorhanden war, heute, da ich am liebsten um zehn zu Bett gehe, und auch daran einige Ansprüche habe. Und des Morgens immer öfter erwache, und der Rücken schmerzt, und es dauert, bis die Gliedmaßen wissen, was zu tun ist.

    Das Alter ist mir näher als die Jugend. Die ersten Freunde sind schon tot. Der Krebs. Alle haben Krebs, und ich kann mir vorstellen, wie es sein wird, wenn keiner mehr übrig bleibt. Wie ich sitze und denke: Unter dem Kaiser war alles besser.

    Mit welchem Mann war das nur? In Bergamo, dem Schönsten, was man als Ort in den Bergen so werden kann, nachts vor einer bereits geschlossenen Bar, und der Wirt stellte zwei Stühle für uns wieder vom Tisch, und ich saß da, und redete atemlos Schwachsinn, mit Angst, dass ich nicht genügen würde, wenn ich schwiege. Ich genügte letztlich auch nicht. Ein paar Monate später war der Mann weg und Bergamo für immer besetzt mit seinem Schatten.

    Nachdem er sich aus meinem Leben verabschiedet hatte, der Bergamo-Mann, war ich nach Capri gefahren, allein, es war im April nach dem Herbst mit ihm, ich war der erste Tourist auf der Insel und dachte, wenn ich vor Traurigkeit überhaupt zum Denken kam, dass ich vielleicht einmal so reich würde, mir einen dieser Paläste auf der Insel kaufen zu können, auf der alles so perfekt ist, dass es wehtut. Ich war den Inselrundwanderweg gerannt, jeden Tag, um mich zu bewegen, weil ich sonst nur zusammengekrümmt gesessen wäre, weil ich doch keine Ahnung hatte, dass das Leben weitergeht, dass Erinnerungen dünner werden, dass Liebe, die geht, keine Liebe ist, sondern nur Sehnsucht.

    Ich stand auf Capri und schaute Boote an, und dachte bei jedem, da könnte er jetzt sein, und kommen, und mir erklären, dass es ein Irrtum war. Heute weiß ich, dass solche Sachen nur in Filmen stattfinden, in denen Meg Ryan mitspielt, aber unterdes auch nicht mehr, denn sie ist jetzt ebenfalls zu alt, als dass man ihre Naivität glauben würde.

    ... in der alles Aufregung war

    Natürlich wohnt man in Bologna im Grand Hotel Baglioni. Schaut später nach Taschen und Schuhen, am Abend isst man in der Trattoria Gigina und sitzt dann nachts auf seinem antiken Hotelbett, packt kleine Dinge aus großen Tüten aus, knistert mit Seidenpapier und hat Hunger und weiß nicht worauf.

    Wie viele Jahre ist das her? In Bologna in einer hässlichen kleinen Wohnung, zu Besuch bei einem Italiener, schwer verliebt und kein Wort reden können, mit ihm dann ans Meer, Rimini, die Eltern besuchen, und sich verabschieden drei Tage später, wieder heimreisen, weinen und wissen, diesen Mann wird man nie wieder sehen – vielleicht war das schon der Beginn des Endes, dieses Wissen um Unmöglichkeiten. Das ist es doch, das die Verzauberung nimmt. Allem. Das Wissen, dass ein schönes Gebäude, der Duft von Pinien und Abendwärme nichts an deinem Zustand ändern kann. Es wird schon bald eine Erinnerung sein, dich nicht verändert haben, dein Leben nicht.

    Ich bin wieder zu Hause. In einem schönen Leben. Vielleicht werde ich irgendwann im Winter wieder einmal Sehnsucht bekommen, nach Italien, so wie viele. Und wir alle sind heute reich und alt und sagen: Ich genieße mein Leben erst jetzt, ich möchte nie mehr jung sein, und das stimmt. Und wir werden hundertsechs und werden wieder fahren, an einen See, ans Meer, in die Toskana, und wir werden hoffen, dass die Zukunft so sein wird wie unsere Erinnerungen, mit Gerüchen und Gefühlen, wir werden uns selber in Reisen nachspielen, doch glaubt mir, wir werden es nie mehr finden, das Gefühl unserer ersten Italienreise. (Sibylle Berg, ALBUM/DER STANDARD – Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)

    • Sibylle Berg ist Schriftstellerin, sie verfasst Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. Sie wurde in den 60er-Jahren in Weimar geboren (laut ihren eigenen Angaben lügt sie bei ihrem Alter!). Sie wollte schon mit fünf Schriftstellerin werden und verließ die DDR in den 80er-Jahren allein als Republiksflüchtling. Ihr erstes (veröffentlichtes) Buch, es erschien 1997 unter dem Titel Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot wurde von 70 Verlagen abgelehnt. Zuletzt erschienen von ihr die Romane Die Fahrt (2007, Kiepenheuer und Witsch) und Der Mann schläft (2009, Carl-Hanser-Verlag), der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete. Frau Berg ist verheiratet und lebt in der Schweiz, wo sie immer schon leben wollte.
 
 
      foto: katharina lütscher für allegra

      Sibylle Berg ist Schriftstellerin, sie verfasst Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. Sie wurde in den 60er-Jahren in Weimar geboren (laut ihren eigenen Angaben lügt sie bei ihrem Alter!). Sie wollte schon mit fünf Schriftstellerin werden und verließ die DDR in den 80er-Jahren allein als Republiksflüchtling. Ihr erstes (veröffentlichtes) Buch, es erschien 1997 unter dem Titel Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot wurde von 70 Verlagen abgelehnt. Zuletzt erschienen von ihr die Romane Die Fahrt (2007, Kiepenheuer und Witsch) und Der Mann schläft (2009, Carl-Hanser-Verlag), der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete. Frau Berg ist verheiratet und lebt in der Schweiz, wo sie immer schon leben wollte.

       

       

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