Alfred Goubran: Kleine Landeskunde

22. Oktober 2010, 19:04
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Das Land ist schön, die Gegend schrecklich - 55 Jahre Staatsvertrag - Erster Teil eines literarischen Essays über die österreichische Identität

Sprechen wir also über Österreich - wobei: Es gibt Spielregeln. Spielregeln, die man nicht lernen kann. Ein Verstehen und Begreifen, das nicht kognitiv geschieht, sondern instinktiv. Und der Instinkt ist immer vom Kulturkreis geprägt, in dem man aufgewachsen ist. Er basiert auf Erfahrungen von Jahrhunderten und ermöglicht ein unmittelbares Verstehen: Dann genügt eine Geste, der Ton in dem etwas gesagt wird, Variationen, das Licht einer Landschaft, ein Gesicht, ein Blick. All das wird unmittelbar verstanden. Ja, es ist schon verstanden, ehe man sich darüber auch nur einen Gedanken gemacht hat.

Dieses Begreifen kann man nicht lernen, wie man etwas in der Schule lernt. Es ist ein Wiedererkennen, ein Wissen um das Herkommen der einzelnen Dinge und Erscheinungen, die uns umgeben - tausendmal geprüft, tausendmal bedacht. Es ist gesicherter Bestand.

Das ermöglicht eine Bewegungsfreiheit, auch und besonders im Geistigen, die, je weiter wir in Gebiete vorstoßen, die uns nicht auf diese prägende Art und Weise vertraut sind, abnimmt, auf Kosten einer inneren Unruhe, einer gespannten, nach außen gerichteten Aufmerksamkeit, die wir als Reisende durchaus genießen können, bei der wir uns aber eigentlich in ständiger "Alarmbereitschaft" befinden. Deshalb sprechen wir dann oft vom Reiz des Fremden - aber das Fremde ist nur dort bereichernd, wo wir es prüfen. Wo es nur hingenommen, nur konsumiert wird, ist es de facto durchlitten. Eine Geisterbahnfahrt. Und: Es gibt kaum einen Urlauber, der nicht froh ist, wenn er wieder zu Hause ist.

Doch gilt, was hier über das Fremde gesagt ist, auch für die Heimat - das Selbstverständliche, den gesicherten Bestand: Wo wir es nicht überprüfen, sind wir Touristen, wo wir es tun, werden wir zu Reisenden. Die oft zitierte Entfremdung ist nur eine Konsequenz dieser Entscheidung. Sie wird im Gegensatz Tourist/Reisender zum Bild, das erfahren wird, bevor es begriffen ist, zum Sprachbild, um genau zu sein, in dem sich, nicht zufällig, das Fremde als Fremdwort zeigt.

Fremd bleibt alles, das ungeprüft ist, übernommen und nachgesprochen wird: Die Klischees, die Glaubenssätze, die Moden, die Ideologien - davor ist niemand gefeit, jeder trägt solche Einschlüsse in sich, Fremdkörper, heute mehr denn je, es ist eine Schädigung, die nicht zu verhindern ist, eine Art innerer Luftverschmutzung, die man als gegeben hinnimmt, dann ist man Tourist, oder man überprüft das Fremde durch eigenes Erleben, durch eigene Gedanken und Erfahrung. Solche Begegnungen sind immer bereichernd. Der Lohn des Reisenden ist das Eigene. Eigenes Leben, Bewusstsein und Identität.

Die Kenntnis der Spielregeln ist der Grund, weshalb ich es immer vorgezogen habe, hier zu leben. Hier kann ich mein Spiel spielen. Hier sind mir die Spielregeln vertraut, ich kenne die Codes und die Herkünfte. Ich muss auch nicht mitspielen, ich kann die Regeln brechen oder sie ignorieren, aber ich weiß, was gespielt wird. Und für dieses Spiel, das mein Leben ist, ist diese Art der Vertrautheit, des Wiedererkennens und Aufgehobenseins ideal.

Der gesicherte Bestand ist das Spielfeld. Ich würde es grob als "europäisch" umreißen, also die "Alte Welt" und den persönlichen Nullpunkt irgendwo zwischen den südlichen Alpen und dem Mittelmeerraum setzen.

Sprechen wir also über Österreich: Ich werde Ihnen nichts Neues sagen, aber vielleicht einige Zusammenhänge aufzeigen, die Ihnen neu sind, wodurch sich auch das Gesamtbild ändert - Mehr ist nicht zu hoffen.

In jedem Fall wird sich dieses Land als unverwechselbar erweisen (vielleicht gerade dort, wo man es nicht erwartet), mit Eigentümlichkeiten und Zuständen, die in Europa, weltweit sowieso, weitgehend unbekannt sind. Das gilt auch im Umkehrschluss. Meist wissen wir über die Geschichte oder Geografie eines Landes mehr als über die realen Verhältnisse, die den Alltag der Menschen dort bestimmen, ganz zu schweigen von den Ursachen und Herkünften.

Davon haben wir nur Schlagworte im Kopf, Zeitungsüberschriften, Prospekte. So reden wir von Europa, als wäre es ein Dorf, in das wir jederzeit reisen könnten. Auch das ein Zug der Zeit: Die Unbedarftheit mit der wir von anderen Ländern und Menschen, ja von ganzen Epochen sprechen, uns Identitäten und Zuständigkeiten anmaßen, als wären wir beim Schneider.

Solche Verwechslungen und Anmaßungen sind im Grunde provinziell - früher hätte man gesagt kleinbürgerlich oder hinterweltlerisch, was die Sache besser trifft - und entbehren nicht einer gewissen Naivität: Es ist die Kehrseite des Globalen, das sich in unseren Köpfen festgesetzt hat. Ein rücksichtsloses Simplifizieren von Zusammenhängen und Nivellieren von Unterschieden.

Es ist, wie es immer war, wenn Klein Hänschen seine guten Absichten in die große Welt hinausgesprochen hat. Nur dass er heute die Möglichkeit und die Mittel besitzt, sie auch umzusetzen, um tagaus, tagein die Mitbürger mit seiner Kleinhansgerechtigkeit zu terrorisieren, mit seinen Hinterhofvorstellungen vom Guten und Bösen und der Gerechtigkeit in dieser Welt. Das Globale ist nicht die Welt. Und: Die Welt ist kein Dorf. Aber wo wir vom Globalen sprechen, ist sie dazu geworden. (...)

Der Urlauber spricht in Ansichtskarten, während der Einheimische immer nur aus seinem Angepasstsein heraus sprechen kann - das Angepasstsein geht der Anpassung voraus, das kann man sich nicht aussuchen. Der Österreicher aber spricht über Österreich am liebsten so, wie er andere über sein Land reden hört. Darum lautet der erste Hauptsatz des österreichischen Selbstverständnisses:

Das Land ist schön.

Gemeint ist natürlich die Landschaft. Die Berge, die Wälder, die Seen. Mit einem Wort: Das Gegebene, etwas, wofür der Österreicher nichts kann.

Der zweite Hauptsatz des österreichischen Selbstverständnisses lautet:

Die Gegend ist schrecklich.

Die Gegend, das ist das Leben, das sind die Menschen, das ist eine Partei oder die Regierung, der Staat oder die Luftverschmutzung oder das Wetter. Der Satz wird im Tonfall des enttäuschten Urlaubers geäußert. Er ist mehr von der Stimmung als vom Urteil getragen. Der Kammerton für diese Stimmung ist das Meinen - obwohl es hier angebrachter wäre vom Kirchen- oder Chorton zu sprechen, einer Stimmung, die früher für Orgeln gebräuchlich war, denn im Meinen steht man nie allein da. Das Schlimmste, das Sie jemandem antun können, der gerade die Meinungsorgel bedient, ist, dass Sie ihn ersuchen, seine Meinung für sich zu behalten. Denn das ist im Grunde unmöglich. Eine Meinung hat man für andere, teilt sie mit anderen. Ein Urteil, eine Gewissheit behält man gern für sich ... Doch das sind Arabesken.

Das Meinen jedenfalls ist, auf die eine oder andere Weise, immer abwertend. Wie ein Schuss, der danebengeht, weil das Visier unscharf eingestellt ist. Und ein wenig hat man dabei immer den Verdacht, auch oder gerade bei "Gutgemeintem", dass es absichtlich falsch eingestellt ist.

Das schöne Land ist die Bühne, die Gegend das Stück, das gespielt wird. Erst durch sein Meinen betritt der Einheimische als Österreicher die Bühne. Erst durch sein Meinen wird er zum Österreicher. Das, denkt er, ist sein Text und seine Rolle. Aber was er auch vorbringt: Immer ist er schon in die schöne Landschaft gestellt. In diesen Rahmen. In das Vollkommene.

Österreicher ist er, weil er meint. Weil er mitredet. Nicht weil er handelt. Nicht weil er etwas zu sagen hat. Und so betont dieses Meinen auch immer die Ausgeliefertheit des Einzelnen, seine Ohnmächtigkeit, indem er sich als Spielball, so nicht als Opfer, von Mächten und Kräften darstellt, die er nicht beeinflussen kann, sodass er letztlich selbst von der Abwertung betroffen ist, was ja nur konsequent ist und ihn auch nicht weiter zu stören scheint, ja es ist geradezu typisch für ihn, denn der Österreicher ist prinzipiell stolz auf das, was er selbst nicht ist.

Das Land ist schön ist zwar eine Ansichtskarte, aber für ihn, der er kein Urlauber ist, bedeutet diese Ansichtskarte weitaus mehr. Das schöne Land - es kann in der Vergangenheit liegen oder der Garten Eden sein - ist eine absolute Größe. Es ist die Messlatte, an der die Gegend und der Einzelne gemessen wird. Die schöne Landschaft ist nämlich alles, was dem Österreicher geblieben ist. Nach der Monarchie und den Weltkriegen. Sie ist der Rahmen für alles Kleine und Kleingewordene, für alles Kleingeredete und Kleingemachte. Sie ist der Bezugsrahmen für seine Identität. (Alfred Goubran, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)

Fortsetzung kommende Woche

Alfred Goubran (Jg. 1964) lebt als Schriftsteller in Wien. Dieser Tage erscheint sein Roman "Aus.") im Braumüller-Verlag.

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    illustration: nikolaus mahler
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