Wieviel Gelände verträgt ein SUV?

24. Oktober 2010, 16:54
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Ob ein SUV wirklich nur dazu gebaut ist, um vor dem Kaffeehaus eine gute Figur zu machen, oder ob man damit auch einmal abseits der Straße fahren kann, fragten wir Christian Karlberger

SUVs sagt man nach, dass sie nur Prestige-Objekte seien, die in den Großstädten den Parkraum genauso großzügig nutzen wie den Sprit. Und in der Tat scheinen viele dieser homöopathischen Geländewagen noch nie einen Batzen Dreck abbekommen zu haben. Christian Karlberger, der mehrfache Geländewagen-Staatsmeister, ist heute Offroad-Instruktor beim ÖAMTC in Stotzing und zeigt Berufsfahrern, Bundesheerlern und Privaten, was im Gelände alles geht. Er kennt sie also, die SUVs, und weiß, was sie wegstecken können.

"Im Prinzip gibt es zwei Arten von Geländewagen: die Heavy Offroader, wie den Mercedes G, Toyota Land Cruiser, Mitsubishi Pajero oder den Jeep Wrangler – und die SUVs. Letztere haben kein Untersetzungs-Getriebe, verfügen nicht über die ausreichende Bodenfreiheit und nicht über die Technik, um mit ihnen ins schwere Gelände fahren zu können. Zudem fehlt ihnen ein robuster Unterbau, weswegen im Offroad schnell etwas kaputt werden kann", nimmt Christian Karlberger allen Fahrern von SUVs gleich einmal die Argumente aus der Hand.

Unterteilung der SUVs

Und er geht noch weiter: "Die SUVs muss man aber noch einmal unterteilen. In jene, die wirklich nur für die Straße gebaut sind, wie etwa der BMW X5, der X6, der Mazda CX7 und ähnliche Fahrzeuge. Und in jene, die auch für leichtes Gelände gemacht sind, wie der Porsche Cayenne oder der Touareg. Diese haben andere mechanische Möglichkeiten. Man kann sie etwa höher pumpen und damit die Bodenfreiheit vergrößern, oder diverse Sperren aktivieren und so in Geländen fahren, wo andere nicht mehr hinkommen."

Inzwischen kommen die ersten SUVs, die nur mehr über die Vorderachse angetrieben werden, wie der Hyundai ix35, der Mitsubishi ASX oder der Dacia Duster, den es sowohl als Fronttriebler wie auch als Allrad gibt. "Die Autos mit Zweiradantrieb bieten im Vergleich zu Allradlern weniger Sicherheit", schränkt Karlberger den Nutzen dieser Geländewagen stark ein.

Elektronische Helfer

"Heavy Offroader haben mechanische Antriebsstränge und mechanische Sperren, damit man im schwierigen Gelände oder auch noch im Tiefschnee fahren kann, ohne das Fahrzeug zu überlasten. Hüttenwirte, Wildbachverbauer und Jäger sollten sich deshalb fragen, ob sie mit einem SUV wirklich das Auslangen finden, oder nicht doch einen echten Geländewagen brauchen." SUVs können im Offroad leicht einmal überfordert sein, gibt Karlberger zu bedenken, denn: "Diese Fahrzeuge haben statt der mechanischen, elektrisch gesteuerte Systeme wie ESP, Traktionskontrolle, Mitteldifferential oder Achsdifferentiale. Die sind zwar um einiges billiger, können aber, wenn sie zu stark beansprucht werden, überhitzen."

"SUVs, die einen Allradantrieb wie etwa jenen von Magna aus Graz oder Bosch Regelsysteme eingebaut haben, verfügen über gar kein, oder ein offenes Mitteldifferential. Das sind Modefahrzeuge, die ihre Stärken auf der Straße ausspielen, aber sie halten dem gesteigerten Geländebetrieb nicht stand", erklärt der Offroad-Profi und gibt zu bedenken, "dass für solche Fahrzeuge schon ein Forstweg zu viel sein kann, etwa wenn sie beladen sind. Wenn man sich einen SUV oder Heavy Offroader anschafft, muss man sich vorher genau überlegen, was man mit dem Auto machen möchte."

Gekapselte Motoren

Ein weiteres Handicap der hochwertigen SUVs ist, dass der Motorraum und die Antriebsstränge abgekapselt sind. Das ist zwar gut für die Geräuschdämmung, hat aber entscheidende Nachteile im Gelände. "Schlamm und Schmutz kommen in den Motorraum, von dort aber nicht mehr hinaus. Das geht soweit, dass sogar das Plastik brechen kann, das für die Geräuschdämmung sorgt."

Weil der Kühler der SUVs tiefer liegt als jener knochenharter Offroader, kann auch der leicht verschlammen und muss dann fachmännisch gereinigt werden. "Da muss man lernen, wie das geht. Andernfalls überhitzt der Motor, und die folgende Reparatur geht dann ganz schön ins Geld."

Wo SUVs besser sind

Es gibt aber auch Übungen im Gelände, wo die SUVs die Nase vorne haben, wie bei den Schräglagenfahrten. Karlberger erklärt diesen Umstand ganz logisch: "Durch die geringere Bodenfreiheit haben SUVs einen niedrigeren Schwerpunkt, was die Fahreigenschaften für Schräglagen verbessert."

Was bei schrägen Hängen gilt, stimmt natürlich auch bei Steigungen. Trotzdem schneiden die SUVs hier schlechter ab, weil ihnen ein Untersetzungsgetriebe fehlt. "Dadurch brauche ich Schwung, um einen Hügel zu überwinden, sonst leidet schnell die Kupplung. Gerade wenn man exponiert wohnt und auch noch Lasten befördern muss, ist man mit einem echten Offroader besser bedient. Sobald man stehenbleibt, kommt man an die Grenzen des Schlupf."

Da hilft ein kleiner erster Gang, wie ihn etwa der Dacia Duster in bestimmten Ausführungen hat. „Der ist aber auch beim Bergabfahren wichtig, weil man damit eine effektive Motorbremse hat. BMW oder Range Rover lösen das Problem durch eine Bergabfahrhilfe, was einen enormen Sicherheitsvorteil bringt."

Automatikgetriebe im Gelände

Damit sind wir aber auch schon bei den Automatikgetrieben. Ist ein Doppelkupplungsgetriebe im Gelände überhaupt brauchbar, fragen wir Christian Karlberger. "Die Automatik bietet im Normalbereich mehr Vorteile, zum Beispiel weil der Motor nicht absterben kann - oder sagen wir fast nicht. Worauf man achten muss, ist, dass man die Gänge auch blockieren können muss, damit die Automatik beim Bergabfahren nicht automatisch hochschaltet."

Auch in den elektronischen Hilfen wie Berganfahrassistenz-Systemen sieht Karlberger einen Vorteil, "wenn halt alles funktioniert. Je mehr Elektronik man an Bord hat, desto mehr davon kann kaputt werden." Und das passiert im Gelände leichter als auf der Straße.

Ein weiterer elektronischer Helfer ist das ABS. Bei echten Geländewagen kann man das abschalten, bei den SUVs nicht unbedingt. "BMW und Jeep beim Cherokee haben ein Gelände-ABS, das die Reifen bei langsamer Fahrt blockieren lässt." Der Vorteil des ABS auf der Straße, dass ein Fahrzeug lenkbar bleibt, weil die Räder nicht blockieren, ist ein so großer im Gelände nicht. "Hier ist es wichtig, möglichst gut zu bremsen. Blockiert ein Rad im Gelände, bildet sich vor dem blockierten Rad ein Keil, der das Fahrzeug bremst. Wer sich an meine Grundregel ,So langsam wie möglich und so schnell wie notwendig‘ hält, wird dann nicht so leicht Probleme bekommen."

Andere Gesetze als auf der Straße

Weitere Tipps gibt der Profi auch noch für Ungeübte: "Daumen aus dem Lenkrad! Und wenn der Wagen rückwärts zu rutschen beginnt, ans Gas gehen, vorwärts fahren, nicht auf der Bremse stehenbleiben und versuchen, das Fahrzeug senkrecht zum Hang zu halten." Am besten, meint der Trainer natürlich, lernt man das in einer guten Schulung. "Im Gelände gelten andere Gesetze als auf der Straße, und ich kenne dutzende Hüttenwirte, die nur noch leben, weil sie überrissen haben, dass sie irgendwann die Tür aufreißen und aus dem Auto springen müssen. Wer in dem Moment angegurtet ist, hat keine Chance, aus dem Fahrzeug zu kommen."

  • SUVs kommen im schweren Gelände leicht an ihre Grenzen, was unter anderem daran liegt, dass die Autos auf Komfort getrimmt sind.
    foto: bmw

    SUVs kommen im schweren Gelände leicht an ihre Grenzen, was unter anderem daran liegt, dass die Autos auf Komfort getrimmt sind.

  • Elektronische Helfer ersetzen in SUVs mechanische Systeme. Das ist günstiger und reicht trotzdem für den leichten Offroad-Einsatz.
    foto: porsche

    Elektronische Helfer ersetzen in SUVs mechanische Systeme. Das ist günstiger und reicht trotzdem für den leichten Offroad-Einsatz.

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