Kaum ein chirurgischer Eingriff ist so gut eingeübt wie eine Mandeloperation - Dennoch starben 2006 in Österreich fünf Kinder an Nachblutungen
Salzburg - Es war eine Nachricht, die für Verunsicherung sorgte: Nicht weniger als sechs Patienten innerhalb eines Jahres starben vor vier Jahren nach banalen Mandeloperationen an Nachblutungen. Fünf von ihnen waren Kinder.
Verunsichert waren damals nicht nur die Eltern von Kindern, denen eine solche Operation bevorstand, sondern auch Österreichs HNO-Ärzte. "Unser Auftreten damals war nicht optimal", erinnert sich Heinz Stammberger, Leiter der klinischen Abteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Medizinischen Universität Graz. Zu viele unterschiedliche Expertenmeinungen seien kursiert, oft von einem Abwehrreflex gekennzeichnet. Es seien auch die Medien gewesen, die das Thema aufs Tapet gebracht haben, sagt Hans-Edmund Eckel, HNO-Primar am Landeskrankenhaus Klagenfurt: "Wir Ärzte und das Gesundheitsministerium hätten diese Häufung von allein gar nicht bemerkt." Eine "un-gewöhnliche und absolut inakzeptable Häufung", sagt Stammberger heute.
Reaktion
Reagiert haben die Mediziner schließlich doch: Am 9. November 2007 haben die österreichischen Fachgesellschaften für HNO sowie für Kinder- und Jugendheilkunde eine gemeinsame Empfehlung zur Entfernung der Gaumenmandeln herausgegeben. Kernpunkt: Ob eine Tonsillektomie, also die vollständige chirurgische Entfernung der Gaumenmandeln, durchgeführt werden soll, muss jetzt viel strenger beurteilt werden als früher.
Im Wesentlichen gibt es drei Gründe für Operationen an den Gaumenmandeln: einerseits eine starke Vergrößerung der Mandeln, die die Atemwege blockiert, andererseits wiederholte schwere Infektionen, die von den Mandeln auf andere Organe ausstrahlen. Und drittens: der Verdacht auf einen bösartigen Tumor. Im ersten Szenario, also dann, wenn nur die Größe der Gaumenmandeln ein Problem ist, sollte auf die Tonsillektomie verzichtet werden, insbesondere bei Kindern unter sechs Jahren.
Unter Wucherungen an den Gaumenmandeln oder der Rachenmandel leiden Kleinkinder besonders häufig. Weil solche Wucherungen (Adenoiden) die Nasenatmung behindern, atmen viele betroffene Kinder dauernd durch den Mund. Eine gestörte Zungenlage, eine Fehlentwicklung der Kiefer- und Zahnstellung und Aussprachefehler sind mögliche Folgen. Die Wucherungen können auch zu nächtlichen Atemaussetzern und Schlafstörungen führen, was sich wiederum in dauernder Müdigkeit und Entwicklungsstörungen auswirkt. Um dieses Problem zu beheben, reicht es aus, nur einen Teil der Gaumenmandeln zu entfernen (Tonsillotomie). Auch eine Entfernung von Wucherungen an der Rachenmandel (Adenotomie) kann hilfreich sein.
Überlegte Entscheidung
Wenn dagegen innerhalb eines Jahres siebenmal oder häufiger die Mandeln entzündet sind und Medikamente nichts helfen, führt an einer Tonsillektomie, also einer vollständigen Entfernung der Rachenmandeln, kein Weg vorbei. Der chronische Entzündungsherd sondert nämlich dauernd Bakterien ab, die auch in anderen Körperteilen Krankheiten auslösen können - von der Mittelohrentzündung über rheumatische Gelenkbeschwerden bis hin zu Nieren- und Herzerkrankungen. Allerdings muss die Notwendigkeit einer solchen Operationen umso strenger beurteilt werden, je jünger der Patient ist, denn im Kleinkindalter spielt die Gaumenmandel eine wichtige Rolle bei der Ausbildung des Immunsystems.
Obwohl die Tonsillektomie eine Routineoperationen ist - noch in den 1960er-Jahren wurden ohne viel Aufhebens beinahe die Gaumenmandeln einer ganzen Generation entfernt -, birgt sie ein Risiko: Die Wunde in der Mundhöhle kann man nicht nähen, sie muss sich von selbst schließen. Nachblutungen sind deshalb gefährlich, weil sie bei Kindern oft unbemerkt bleiben (sie schlucken das Blut) und so verbluten können; auch können sie an eingeatmetem Blut ersticken.
Vorsicht geboten
Für die Eltern operierter Kinder gelten daher seit 2007 strenge Vorsichtsmaßnahmen. So dürfen die Kinder in den ersten 14 Tagen nach dem Eingriff nie un-beaufsichtigt lassen, auch nicht in der Nacht. Die Kinder müssen sich schonen, dürfen nicht schwer heben, heiß baden oder duschen, keinen Sport machen und nicht körperlich arbeiten. Auch Reisen sind tabu.
"Offenbar haben diese Maßnahmen eine Wirkung gezeigt", sagt Heinz Stammberger. Er leitete eine flächendeckende Studie, die bis Juli 2010 gelaufen ist und neun Monate lang alle Mandeloperationen in 32 HNO-Kliniken in ganz Österreich erfasst hat. Präsentiert wurde die Studie, die Daten von 9528 Patienten umfasst, beim österreichischen HNO-Kongress Mitte September in Salzburg. "Es gab im gesamten Studienzeitraum keinen einzigen Todesfall, die Quote von Nachblutungen, die einer operativen Versorgung bedurften, lag bei 2,8 Prozent", resümiert Stammberger. Das sei im internationalen Vergleich erfreulich wenig. Rückblickend sei er "froh darüber, dass wir da einmal über unseren Schatten gesprungen sind", sagt Hans-Edmund Eckel. Das sei keineswegs selbstverständlich - in Deutschland etwa tue man immer noch so, als wäre eine Nachblutung "ein Schicksal, das der liebe Gott vom Himmel regnen lässt". (Markus Peherstorfer, DER STANDARD Printausgabe, 25./25.10.2010)
Wissen
Varianten von "Mandeln raus"
Was die Umgangssprache unter dem Titel "Mandeloperation" zusammenfasst, sind in Wirklichkeit drei verschiedene chirurgische Eingriffe an zwei unterschiedlichen Organen: Bei der Tonsillektomie, die zumeist gemeint ist, handelt es sich um die vollständige Entfernung der paarigen Gaumenmandel (Tonsilla palatina). Als schonendere Alternative reicht es in vielen Fällen auch aus, die Gaumenmandel zu verkleinern (Tonsillotomie).
Häufig ist aber auch die Adenotomie gemeint. Darunter versteht man die Entfernung von Wucherungen, sogenannten Adenoiden, an der Rachenmandel (Tonsilla pharyngealis). Um die Begriffsverwirrung perfekt zu machen, werden diese Wucherungen, die vor allem im Kindesalter auftreten, oft fälschlich als "Polypen" bezeichnet. Mit echten Polypen in der Nasenhöhle, die auch bei Erwachsenen verbreitet sind, haben sie aber nichts zu tun.
Die Mandeln sind die Bestandteile des lymphatischen Rachenrings. Dazu gehören neben Gaumen- und Rachenmandel auch noch Tubenmandel und Zungenmandel. Diese Organe bilden zusammen eine Art Abwehrbarriere der oberen Atemwege gegen Bakterien, Viren und Pilze. Es handelt sich dabei jeweils um Ansammlungen von Lymphknötchen dicht an der Ober-fläche der Schleimhaut, wo weiße Blutkörperchen neue Krankheitserreger "kennenlernen" und die Immunabwehr darauf einstellen können.