Im gemalten Wunderland die Natur begreifen

22. Oktober 2010, 09:48
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In der Nationalparkschule Hohe Tauern wird den Schülern vor allem der Bezug zur Natur nähergebracht

Matrei - An diesem Dienstagmorgen herrscht gespanntes Tuscheln in der 4. Hauptschulklasse der Nationalparkschule Matrei in Osttirol. Heute unterrichtet hier nicht die Klassenlehrerin, sondern ein junger Mann, dem man ansieht, dass er viel Zeit draußen verbringt. Das kann man schon an seinen Wanderhosen erkennen, an seinem karierten Hemd und an der schwarzen Fleecejacke, die er darüber trägt. "Nationalpark Hohe Tauern" steht da an seiner Brust eingenäht. Heute unterrichtet hier einer, auf den die Klasse sich jedes Jahr freut. Es ist Andreas Angermann, seines Zeichens Nationalparkranger. Ranger - das klingt nach Indiana Jones oder Crocodile Dundee, und ganz falsch ist die Assoziation nicht. Alles, was es über die dramatische Landschaft hier zu wissen gibt, wissen die Ranger, und alles, das man können muss, um tagelang unterwegs zu sein, können sie wie im Schlaf.

Andreas ist ein großer, stämmiger Mann, dem man all diese Aufgaben mühelos zutraut. Doch nicht nur mit großen, gefährlichen Bergen kennt er sich aus, sondern auch mit kleinen, zerbrechlichen Dingen. Sein Spezialgebiet sind die 141 Tagfalterarten, die im Nationalpark zu finden sind, und heute zeigt er den Schülern die winzigen Insekten, die die eiskalten Bergbäche Osttirols bewohnen. Denn heute steht die "Wasserschule" auf dem Programm, nur eines der vielen Projekte, die den Unterricht in der Matreier Hauptschule das ganze Jahr über auflockern.

Die Berge stehen hier zum Greifen nah, ein 3000er neben dem anderen. Was läge da näher, als schon von klein an so viel wie möglich darüber zu lernen? "Alleine in Osttirol gibt es 270 Bergbäche und 160 Bergseen mit Trinkwasserqualität", erklärt Andreas. Wie wertvoll diese Resource ist, realisieren die Schüler erst nach und nach. Was für sie selbstverständlich ist, ist für Menschen aus anderen Teilen der Welt so besonders, dass Delegationen aus Indien, Uganda und anderen Ländern, die Probleme mit dem Rohstoff Wasser haben, in den Nationalpark kommen, um das kristallklare Quell- und das milchige Gletscherbachwasser zu bewundern, das man nur mit der Hand zum Mund zu schöpfen braucht.

Wie in diesem Herbst eben das Wasser, fließen jedes Jahr und in jedes Fach andere Nationalparkthemen ein, das ist das Besondere an der Schule. Außerdem wird nichts bei trockenem Faktenwissen belassen - bei dieser atemberaubenden Natur vor der Tür fällt es nicht schwer, den Schulklassen die frische Luft schmackhaft zu machen. Es wird gewandert, die Schüler halten ihre Hände in Gletscherbäche, bis sie die Finger vor Kälte nicht mehr bewegen können, sie übernachten auf Hütten, und machen am Ende der 4. Hauptschulklasse eine Tour auf den Gletscher, bei der sie in eine Gletscherspalte abgeseilt werden. Die Bindung zur Natur und den Bergen ist eng.

Sieht man sich auch nur ein wenig um, ist das nicht schwer zu verstehen - wenn Andreas vorangeht, um den Besuchern den "schönsten Talschluss Österreichs", wie er sagt, zu zeigen, wird auch die übermütigste Gruppe kurz ruhig. Während der Ranger über die Geschichte des Tals plaudert, thront hinter ihm der mächtige Gebirgsstock des Großvenedigers, 3674 Meter hoch. Das größte zusammenhängene Gletschergebiet Österreichs leuchtet gleißend hell in der Sonne. Unter der Brücke, auf der Andreas steht, rauscht der türkisgrüne Gletscherbach, der im Laufe des Nachmittags immer mehr anschwillt, weil die letzte Sommerwärme das ewige Eis schmelzen lässt. Was für die Besucher aus dem Flachland wie ein gemaltes Wunderland anmutet, ist für die Schüler der Nationalparkschule Alltag.

An der Felsenkapelle, wo der Gletscher eine Höhle in den Stein gefressen hat, packt Andreas schließlich die Wunder aus, die sich in seinem Rangerrucksack verbergen. Wie eine Damenhandtasche sei dieser, lacht der Ranger. Mehr und mehr groteske Nationalparksouvenirs kommen zum Vorschein, die normalen Besuchern meist verborgen bleiben: ein Murmeltierfell, ein Hirschgeweih, der Knochen aus dem Herzen eines Steinbocks und ein Bartgeier aus Stoff, der in seiner schieren Größe für beeindruckte Ausrufe sorgt. Drei Meter Flügelspannweite! Zehn bis 15 Kinder, sagt Andreas, finden unter den Schwingen seines Stoffgeiers Platz. Wer Glück hat, kann sogar einen echten Bartgeier über das Tal gleiten sehen.

Wer so weit ins Herz des Nationalparks geblickt hat, wird seinen Besuch sicher nicht so schnell wieder vergessen und die Nationalparkschüler um ihre Stunden mit dem Ranger beneiden. (Johanna Tirnthal/DER STANDARD Printausgabe, 21.10.2010)

  • Artikelbild
    foto: npht/mattersberger
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