"Tut mir Leid, dass Sie gelitten haben"

21. Oktober 2010, 19:59
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Beim EU-Medienpreis Prix Europa holt sich der ORF Schelte und Lob ab

Zumindest räumlich liegen dieses Wochenende in Berlin-Charlottenburg Qualität und Quote nahe beieinander: Während im Palais beim Funkturm die Erotikmesse "Venus" seit Donnerstag Besucherströme anzieht, verteidigen gegenüber im Haus des Rundfunks die Juroren des Prix Europa öffentlich-rechtliche Ansprüche. "Hoffentlich wechselt keiner unserer Delegierten die Seiten", witzelt einer der Organisatoren.

220 Filme und Radioproduktionen sichten und hören mehr als 160 Juroren beim größten europäischen Medienwettbewerb. Die Trophäe, ein bronzener Stier, wird Samstagabend in zwölf Kategorien zu je 6000 Euro vergeben. Der Prix Europa ist der größte europäische Medienwettbewerb. Europäische Kulturstiftung, EU-Kommission, Berlin-Brandenburg sowie 25 Rundfunkstationen, darunter der ORF, finanzieren ihn. Zu den 650.000 Euro Jahresetat steuert der ORF 16.000 Euro bei.

Mit fünf Beiträgen ist der ORF dabei, so viel wie Russland und Griechenland. Die meisten Nominierungen zählt Deutschland (29), gefolgt von Großbritannien (18). Stark vertreten sind die Schweizer mit 13 Nominierungen aus TV und Radio. Die geringe Dichte österreichischer Programme fällt auf: Juroren vermuten schon ein Qualitätsproblem, weil es zwar hohe Aktivitäten des ORF in quotenträchtige Programme, aber wenig in Richtung Qualität gebe. Keine einzige Doku schaffte es in die Endrunde. "Es hat einfach nicht gereicht", urteilt Festivalleiterin Susanne Hoffmann.

Wer kommt, muss Kritik vertragen. Der leitende ORF-Spielfilmredakteur Klaus Lintschinger erduldet sie gelassen. "Schon 25.000 Mal gesehen", "kein einziges Mal gelacht", "vorhersehbar" dreschen Juroren - selbst Macher nominierter Programme - auf Live is Life ein: "Tut mir Leid, dass Sie gelitten haben", entgegnet er lächelnd. Lintschinger ist gut im Nehmen - auch, weil nicht nur gemeckert wird: "Süß", "nette Geschichte", "Wohlfühlfilm", loben Befürworter der Seniorenband nach Wolfgang Murnberger. Ein Achtungserfolg, denn Komödien haben es beim Prix traditionell schwer.

Dass Qualität und Quote einander nicht zwingend ausschließen, beweist Verblendung (The Girl With the Dragon Tattoo). Schwedens SVT produzierte Stieg Larssons Krimitrilogie erst als Sechsteiler, ehe Kinofassungen entstanden. Siegeschancen eingeräumt werden The Case (SVT) über die wahre Geschichte eines Frauenschänders, Worried About the Boy (BBC) über Boy Georges Aufstieg und Fall sowie London River (Arte) über die Anschläge 2005. (Doris Priesching aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2010)

  • Rittert um Prix Europa: Stieg Larssons "Verblendung" - zunächst fürs Fernsehen produziert.
    foto: polyfilm

    Rittert um Prix Europa: Stieg Larssons "Verblendung" - zunächst fürs Fernsehen produziert.

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