Heißer Kalter Krieg in Österreich

21. Oktober 2010, 17:59
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Nationalbibliothek: Podiumsgespräch zur österreichischen Kunst- und Kulturszene im Kalten Krieg

Wien - Der Kalte Krieg warf seinen Schatten auf die österreichische Kunst- und Kulturszene weit stärker, als man bislang wahrnehmen mochte. Dieses Thema wurde in der Nationalbibliothek vertieft, wo Autor und Regisseur Kurt Palm, Zeithistoriker Oliver Rathkolb, Literaturwissenschafter Michael Rohrwasser und Kulturwissenschafterin Monica Rüthers unter der Moderation von Alexandra Föderl-Schmid, Standard-Chefredakteurin, über Österreichs kulturelle Identität im Kontext des Kalten Krieges sprachen. "Bereits 1945 wurde Österreich Bestandteil des Kalten Krieges", so Rathkolb. Mit dem Film Der dritte Mann wurde das Thema romantisiert.

Kaugummis von den Amis

Auch der eben im Zsolnay-Verlag erschienene Band Kalter Krieg in Österreich. Literatur - Kunst - Kultur, für den die meisten der Diskutanten Texte beisteuerten und dessen Präsentation Anlass zu der Gesprächsrunde bot, thematisiert unter anderem dieses Phänomen. Die Besatzungsmächte der Alliierten und der Sowjets teilten Österreich in zwei ideologische Lager. "Die Amis brachten Kaugummis, Kino und Coca-Cola, die Russen propagierten einen anderen Lebensstil", so Monica Rüthers. Nicht nur viele Zeitungen und Radiostationen waren eindeutig politisch zuzuordnen, auch viele kulturelle Institutionen wurden von den Besatzungsmächten gegründet. "Bis in die 1960er-Jahre waren auch die Theaterbühnen ein Spielort des Kalten Krieges", sagt Michael Rohrwasser.

Die politische Auseinandersetzung zwischen Ost und West dominierte nicht nur die "Propagandatheater" der Besatzungsmächte, sie war auch bestimmende Größe im österreichischen Theaterleben. Rohrwasser: "Die Berufung von Theaterdirektoren, die Erstellung der Spielpläne, die Besetzung der Schauspieler standen unter der Prämisse des Ost-West-Konfliktes."

Brecht und der Boykott

"Verdrängung der Vergangenheit und Abwehr des Kommunismus waren das Gebot der Stunde", so Rohrwasser. Friedrich Torberg und Hans Weigel initiierten etwa den jahrelangen Boykott der Aufführung von Werken Bert Brechts. "Es ging darum, sämtliche kulturelle Bewegungen zu denunzieren, die in etwa dieselbe Ausrichtung hatten wie Brechts Theatertheorie. Alles, was gegen den konservativen und elitären Kunstbegriff gerichtet war, sollte von den Bühnen ferngehalten werden", sagte Palm. "In Österreich war der Kalte Krieg heiß", brachte es Rathkolb auf den Punkt. (Elisa Weingartner/ DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2010)

 

  • Diskurs im Oratorium: Monica Rüthers, Oliver Rathkolb, Alexandra Föderl-Schmid, Kurt Palm, Michael Rohrwasser (v. li.).
    foto: standard / urban

    Diskurs im Oratorium: Monica Rüthers, Oliver Rathkolb, Alexandra Föderl-Schmid, Kurt Palm, Michael Rohrwasser (v. li.).

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