"Notenbanken können Preisblasen nicht verhindern"

21. Oktober 2010, 17:45
31 Postings

Adam Posen erklärt, warum er es für wichtig hält, große Banken zu zerschlagen und wie die Fiskalpolitik Immobilienbooms verhindern kann

Standard: Viele Menschen befürchten steigende Inflation, andere wiederum Deflation, ein Fallen des Preisniveaus. Haben die Notenbanken in der Krise die Kontrolle über die Inflation verloren?

Posen: Es ist verständlich, dass wegen dieses schrecklichen Schocks viele Leute misstrauischer sind als zuvor. Viele von uns Volkswirte haben verdientermaßen so gewirkt, als hätten sie keine Ahnung. Aber die Inflationserwartungen von Leuten, die am Markt investieren, in inflationsgeschützte Staatsanleihen oder Kontrakte auf den Pfund, sind weiterhin stabil verankert, im Gegensatz zum Geschwätz auf den Märkten. Die Märkte und die Menschen in Großbritannien verstehen offensichtlich, dass wir die Inflationsrate wieder zu ihrem Ziel von zwei Prozent bringen werden. Es gibt natürlich Leute, die in die Irre geführt werden und Gold kaufen. Doch in der Realität sind die Inflationserwartungen stabil.

Standard: Dennoch ist die Krise seit 2008 so tiefgreifend. Sollten Notenbanken nun versuchen, in Zukunft Vermögensblasen wie am US-Häusermarkt zu verhindern?

Posen: Ich bin stark dagegen. Ich bin dafür, etwas gegen Immobilienblasen zu machen, aber die Geldpolitik ist nicht das Instrument dafür. Notenbanken können Preisblasen nicht angemessen verhindern, weil sehr große Zinserhöhungen von vier bis fünf Prozentpunkten nötig wären, um eine Blase aufzustechen. Weil man die ganze Volkswirtschaft wegen eines Sektors mit einer Zinserhöhung ins Schleudern bringt, sind so viele Leute skeptisch. Es ist einfach ungewiss, ob wir netto, also mit Interventionen, besser aussteigen würden.

Standard: Wie sind solche Blasen und Crashes dann zu verhindern?

Posen: Gerade Immobilienblasen sind zerstörerisch, aber diese Dinge müssen die Fiskalpolitik und die Regulierung in den Griff bekommen. Ich bin für eine antizyklische Steuer am Immobilienmarkt. Eine Stempelgebühr oder eine Kapitalertragssteuer nach dem Verkauf eines Hauses sollte dabei mit den Preisanstiegen für Immobilien ansteigen.

Standard: International wird um die Eigenkapitalregulierung für Banken, Basel III, gestritten. Wird das Paket noch ein Erfolg?

Posen: Ich bin nicht naiv. Ich rechne es den G-20 hoch an, was geschafft wurde. Aber man muss eher das Verhalten der Marktteilnehmer regeln als abstrakte Nummern zur Bankkapitalisierung.

Standard: Wie kann das aussehen?

Posen: In diese Richtung geht die "Volcker Rule" in den USA, die den Eigenhandel der US-Geldinstitute abspalten soll. Auch sollte eine Reihe von Derivaten gar nicht mehr gehandelt werden dürfen. Zudem ist es wichtig, Banken zu zerschlagen, die "too big to fail" sind, also zu groß, als dass man sie Pleite gehen lassen kann. Denn große Banken schaffen keine Größenvorteile. Im Gegenteil, sie werden gefährlicher. Dass die großen Institute überhaupt nicht nach Größe und Aktivität beschränkt sind, macht keinen Sinn. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.10.2010)

 

ADAM POSEN (43) ist seit 2009 externes Mitglied des geldpolitischen Rats der Bank of England, der die Zinspolitik der britischen Notenbank entscheidet. Der studierte Ökonom ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics und forscht zu den Themen Makroökonomie, Finanzpolitik sowie Geldpolitik.

  • Posen: "Man muss eher das Verhalten der Marktteilnehmer regeln als abstrakte Nummern zur Bankkapitalisierung."
    foto: standard/cremer

    Posen: "Man muss eher das Verhalten der Marktteilnehmer regeln als abstrakte Nummern zur Bankkapitalisierung."

Share if you care.