Die unerbittliche Musik der Ablehnung

21. Oktober 2010, 10:06
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Ein spannender Beitrag zur Integrationsdebatte: "Weißbrotmusik" im Nestroyhof

Wien - Ein hochaktueller, gleichzeitig unterhaltsamer und tiefschürfender Beitrag zur Migrationsdebatte hatte am Dienstag im Theater Nestroyhof Hamakom Premiere: In Weißbrotmusik, dem Siegerstück des von den Wiener Wortstaetten initiierten exil-Literaturpreises, zeigt Marianna Salzmann in knappen, pointierten Szenenfolgen Lebenswelt und Perspektiven junger Menschen mit Migrationshintergrund.

Deren Leben kann von vornherein kein Gleichgewicht finden: In Wien (oder einer beliebigen deutschen Großstadt) geboren, fühlen sich die befreundeten Hauptfiguren Aaron und Sedat, ein Jude und ein Muslim, durch ihre Religionen von der Gesellschaft ausgeschlossen. Dabei hat diese Religion für sie kaum eine Bedeutung, sondern besteht nur mehr aus den lästigen Ermahnungen ihrer Mütter (Tanja Golden). Integration und Partizipation bleiben ihnen verwehrt.

Die 1985 in Wolgograd geborene Autorin Marianna Salzmann, die zehnjährig nach Deutschland kam, schrieb Weißbrotmusik aus einer "Wut über die in Deutschland geführten Diskussionen" heraus. Den Anlass für die "von Rassendenken" geprägte Debatte baut sie in ihr Stück ein: Im Dezember 2007 prügelten zwei Jugendliche, einer mit griechischen, einer mit türkischen Wurzeln, in München einen Rentner fast zu Tode.

Bei Salzmann, die ein trostloses jugendliches Milieu schildert, kommt die Ohnmacht der Protagonisten gegenüber den ihnen entgegengebrachten Vorurteilen zum Ausdruck. "Ich bin hier geboren, ich bin nicht befristet", sagen sie. Nurit (Claudia Kottal) ist schwanger und wird ihr Kind ohne Vater aufziehen müssen. Sedat echauffiert sich über die Ausweispflicht, dass er gleich für einen Illegalen gehalten werde, wenn er keinen Pass dabeihabe. Wer ihn verächtlich als Kanaken beschimpft, wird umgekehrt als Weißbrot bezeichnet. Die titelgebende Weißbrotmusik ist daher jene atmosphärische Geräuschkulisse, in der sich die Feindseligkeit der Einheimischen manifestiert.

Warten im Viertel 

Salzmanns stark musikalischer, vom HipHop beeinflusster Text, wird in der Regie von Wortstaetten-Chef Hans Escher wirkungsvoll in einem elektronischen Musikbett von DJ Sweet Susie drapiert. Die fünf Darsteller turnen vor der Bildfläche einer großen Österreich-Fahne auf einer stufenartig angelegten Balkenkonstruktion (Ausstattung und Bühne: Renato Uz). Hier ist das Ghetto, das Viertel, in dem Aaron (Boris Popovic) und Sedat (Marcel Mohab) herumlungern, viel Zeit mit Warten totschlagen - und sich illusionsfrei Gedanken über ihre Zukunft machen. Der Ton macht die Musik, lautet das simple Gleichnis der Weißbrotmusik - doch die öffentlichen Debatten über Integration finden fernab von deren Schauplätzen statt. (Isabella Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Oktober 2010)

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