Walzertanzende Kofferträger, fluchende Köche

21. Oktober 2010, 16:55
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Nach drei Jahren Umbau und 250 Millionen Euro Baukosten ist die Londoner Hotel-Legende Savoy, der Inbegriff von Luxus, wieder geöffnet

Welche Kulturtechnik gehört unbedingt zum Koffertragen und Kloputzen? Richtig, der Walzertanz. Ach nein, das finden Sie nicht? Dann können Sie sich die Bewerbung beim berühmtesten Hotel Londons sparen: Um die große Geschichte des Hauses zu verstehen, erhielten gerade sämtliche 650 Bediensteten Tanzunterricht, vom Geschäftsführer bis zur Reinigungsdame. So geht es zu im Savoy, einem Haus, so exzentrisch, glamourös und geschichtsträchtig wie seine Betreiber und Bewohner.

Knapp drei Jahre lang werkelten in dem Anwesen mit der hübschen Adresse Strand (eine Straße, keine Badegelegenheit) die Handwerker. Während die Krise der Kasinobanken ihre Schatten warf und einen globalen Crash auslöste, blieb das Hotel geschlossen. Nun hat es wiedereröffnet - genau richtig für seine Klientel der Superreichen, denen nach dem Verlust der einen oder anderen Million jetzt wieder der Sinn nach Luxus steht.

Ein wenig länger hat der Umbau gedauert, genauer gesagt doppelt so lange wie geplant. Ein bisschen teurer ist er auch geworden, umgerechnet 250 Millionen Euro statt der veranschlagten 137 Millionen. So viel zur Kostenkontrolle privater Bauvorhaben, die ja angeblich immer günstiger ausfallen als öffentliche Projekte. Zum Glück müssen die Eigentümer, der saudische Prinz Alwaleed bin Talal sowie die britische Lloyds-Bank, nicht kleinlich sein: Dem einen stehen Öl-Milliarden zur Verfügung, die andere erhält großzügige Unterstützung vom britischen Steuerzahler.

Herausgekommen ist ein Kleinod, das nahtlos anschließt an die legendäre Geschichte des 1889 eröffneten Hauses. Die Lobby mit dem schwarz-weißen Marmorboden, die American Bar im Stil des Art déco, das River Restaurant mit Themse-Blick und Teppich im Leopardenfell-Muster - im Savoy feiert sich der Luxus selbst.

Im berühmten Restaurant Savoy Grill speiste einst Kriegspremier Winston Churchill mit seinem Kabinett. Champagner wird hier immer noch so reichlich getrunken wie an Churchills Tisch, doch die Zeiten für schwere Zigarren sind vorbei. Dafür können die Fans einer modernen Celebrity ihrem Heros bei der Arbeit zusehen: In der Küche schwingt der wild fluchende Fernsehkoch Gordon Ramsey das Messer.

Berühmtheiten

Überhaupt, die Berühmtheiten: Seit sich Graf Peter von Savoyen im 13. Jahrhundert an der verkehrsgünstigen Stelle zwischen der City of London und dem Königspalast von Westminster ein Herrenhaus bauen ließ, verkehrten hier Berühmtheiten, ließ sich Geschichte hautnah erleben. Der "großzügigste Adelspalast von London", wie ein Zeitgenosse schrieb, gehörte später John von Gent, dem Onkel des damaligen Königs Richard II. Der mächtige Fürst war im Volk so verhasst, dass Demonstranten gegen zu hohe Steuern seinen Palast 1381 niederbrannten, die Juwelen mit Hämmern zu Staub zerschlugen. Tudor-König Heinrich VII. (1485-1509) stiftete an gleicher Stelle ein Armenhospital, das fast 200 Jahre bestand. Im 19. Jahrhundert wurde das Gebäude abgebrochen, nur die Kapelle überlebte und wird heute noch benutzt.

Die Neuzeit des Savoy begann 1880, als der Theater-Impresario Richard D'Oyly Carte das geschichtsträchtige Grundstück erwarb. Mit den Gewinnen aus dem zunächst gebauten Savoy-Theater finanzierte er sein erstes Hotel, dessen Eröffnung 1889 nach fünfjähriger Bauzeit zur Sensation wurde. Das Gebäude des Architekten Thomas Edward Collcutt besaß als erstes Hotel weltweit elektrische Beleuchtung und elektrische Fahrstühle.

Mächtiger Konkurrent

Binnen weniger Jahre galt das Savoy als Inbegriff des Luxushotels. Besitzer Carte verdiente so glänzend, dass er bald auch andere Nobelhäuser wie Claridge's und Berkeley besaß. Als er seinen erfolgreichen Geschäftsführer César Ritz wegen Diebstahlsvorwürfen feuerte, erwuchs dem Savoy freilich auch ein mächtiger Konkurrent: Der umtriebige Manager eröffnete zur Jahrhundertwende das nach ihm benannte Haus am Green Park.

Freilich blieb das Savoy der Inbegriff des Glamours. Schon die berühmte französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, Geliebte des späteren Königs Edward VII., ging hier aus und ein und wäre einmal beinahe im Savoy gestorben - man munkelte von einer Überdosis Morphium.

Ihr Landsmann Claude Monet bewohnte 1900/01 mehrere Wochen lang die Zimmer 512 und 513 - damals entstand sein berühmter Zyklus von Themse-Ansichten. Der Blick bleibt bis heute zauberhaft: Das London Eye und das Parlament sind zum Greifen nah, wer mag, kann stromaufwärts vier, stromabwärts acht Brücken zählen.

Auch die Musikwelt ließ sich inspirieren: Der deutsche Komponist Richard Strauss hatte sein ganzes Orchester dabei, den Übungsstunden der Sopranistin Maria Callas lauschte das Personal andächtig. US-Barde Bob Dylan produzierte 1965 in einer Gasse hinter dem Hotel eines der ersten Musikvideos zu seinem Song Subterranean Homesick Blues.

Überhaupt brachten im Verlauf des 20. Jahrhunderts vor allem US-Amerikaner, nicht zuletzt lebende Hollywood-Legenden, die große weite Welt ins Savoy. Hier wohnte Charlie Chaplin, hier tanzte Fred Astaire; Marilyn Monroe hielt im Savoy Hof, und John Wayne gab den Sheriff. Die Cocktailbar sorgte für ihre eigenen Berühmtheiten. Die Kreationen von Barmann Harry Craddock waren so begehrt, dass 1930 das Savoy Cocktail Book auf den Markt kam - es ist bis heute erhältlich.

An die glorreiche Vergangenheit erinnern die Namen der "personalisierten Suiten mit Themse-Blick": Monet, Chaplin, Callas. Ihre Preise weisen mehr in die Zukunft: Pro Nacht werden für eine Suite 2800 Euro fällig, selbst das bescheidenste Zimmerchen kostet 400 Euro. Die Preiserhöhung von rund 50 Prozent seit dem Umbau verteidigt Geschäftsführer Kiaran MacDonald mit dem Hinweis, man habe ja auch "einen viel schöneren und luxuriöseren Service" anzubieten.

Inmitten der alten und neuen Konkurrenz - in London eröffnet demnächst ein neues Waldorf-Astoria, das Four Seasons an der Park Lane erhält ein Facelifting - gibt sich MacDonald ganz exklusiv: "Im oberen Luxussegment gibt es nur eine Handvoll Hotels. Wir gehören zu den besten acht."

Darüber lässt sich am besten in der neu entworfenen Beaufort Bar oder in der traditionellen American Bar sinnieren. Chefmixer Chris Moore erstellt, passend zur glorreichen Geschichte, aus Hennessy-Cognac und einem echten Zigarrenblatt den Cocktail "Winston". Wem beim Betrachten der Preisliste die Hand zittert, der kann sich trösten: Der coole Preis von 91 Euro trägt zur Finanzierung des nächsten Personal-Tanzkurses bei. (Sebastian Borger/DER STANDARD/Rondo/22.10.2010)

 

  • Anreise: Flug von Wien nach London zum Beispiel mit der Austrian  www.austrian.com oder den British Airways
    foto: fairmont

    Anreise: Flug von Wien nach London zum Beispiel mit der Austrian www.austrian.com oder den British Airways

  • Hotel Savoy wiedereröffnet ab Oktober 2010: The Savoy, Strand, London  WC2R 0ET, Tel.: 0044 20 7420 2405, Übernachtungen ab 400 Euro im einfachsten Zimmer,  für die Suite rund 2800 Euro.
    foto: fairmont

    Hotel Savoy wiedereröffnet ab Oktober 2010: The Savoy, Strand, London WC2R 0ET, Tel.: 0044 20 7420 2405, Übernachtungen ab 400 Euro im einfachsten Zimmer, für die Suite rund 2800 Euro.

  • Hier malte Claude Monet, hier tanzte Fred Astaire, hier wohnten Charlie 
Chaplin, Marilyn Monroe und John Wayne. Das Savoy war und ist glamourös,
 auf seinem Dach übte Golflegende Walter Hagen einst einen Abschlag mit 
Blick auf die Themse.
    foto: fairmont

    Hier malte Claude Monet, hier tanzte Fred Astaire, hier wohnten Charlie Chaplin, Marilyn Monroe und John Wayne. Das Savoy war und ist glamourös, auf seinem Dach übte Golflegende Walter Hagen einst einen Abschlag mit Blick auf die Themse.

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