Fernsehen kapituliert

20. Oktober 2010, 17:59
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Wissensvermittlung funktioniert mitunter natürlich nur, wenn der Adressat auch tätig mitspielt

Es gehört längst zum mutlosen Ton unserer Unschuldsvermutungs-Republik, dass Politiker zu Diskussionen Substituten schicken. Im Falle der Innenministerin war das (bei "Im Zentrum") zu loben. Wir fürchten uns nämlich vor ihr. Die Justizministerin hingegen, die dem Runden Tisch fernblieb, der ihr angekratztes Bawag-Urteil besprach, vermisste man zunächst ein wenig.

Sie ist zwar Juristin. Mittlerweile hat sie aber zu einer volksnahen Sprache gefunden ("Wer singt, geht frei!" ), die auch die Runde aufgelockert hätte. Andererseits war die teils fachsprachlich zugepanzerte Talkrunde auch irgendwie wichtig, weil erhellend. Ingrid Thurnher konnte sich noch so abmühen, Verständlichkeit zu erfragen; es sträubte sich die komplexe Bawag-Materie hartnäckig gegen Vereinfachung, auch wenn der oft in den Seitenblicken anzutreffende Strafverteidiger Manfred Ainedter und der Herr von der Generalprokuratur "nicht ins Detail gehen" wollten.

Da wimmelt es nur so von "Feststellungsteilen", von "Beweiswürdigungen", von "Befugnismissbrauchsfeststellungen", "subjektiven Tatseiten , "materieller Wahrheitsforschung" und "Rechtsmittelverfahren". Und wähnte man sich mitunter schon im Reich konkreter Poesie, war's doch schön zu erleben, dass Fernsehen, diese geniale Simplifizierungsmaschine, Grenzen hat, also vor gewissen Themen doch kapitulieren muss.

Wissensvermittlung funktioniert mitunter natürlich nur, wenn der Adressat auch tätig mitspielt - im Sinne von "Leben ist Lernen". In diesem Sinne: Zeit nehmen, weniger TV, mehr lesen und grübeln. Denn der nächste runde Bawag-Tisch kommt bestimmt. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD; Printausgabe, 21.10.2010)

Link
Die Sendung zum Nachsehen: tvthek.orf.at

  • Runder Tisch zum Bawag-Urteil am 19. Oktober.
    screenshot: tvthek.orf.at

    Runder Tisch zum Bawag-Urteil am 19. Oktober.

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