Das Aufleuchten individueller Momente

20. Oktober 2010, 17:49
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Der argentinische Dichter und Intellektuelle Edgardo Cozarinsky verbindet Lebensgeschichte(n) und Weltenlauf zu seinen fragmentarischen "Notizen einer imaginären Biografie"

Der Name Fanny Silveritch ist in den Registern des 20. Jahrhunderts nicht allzu prominent verzeichnet. Sie hat unter dem Namen Franciska Gaal in einigen Filmen vor dem Zweiten Weltkrieg mitgespielt, 1941 kam sie nach Ungarn, geriet dort als Jüdin in Gefahr und musste sich verstecken. 1945 taucht sie auf einem Foto auf, das anlässlich einer Parade auf dem Roten Platz in Moskau aufgenommen wurde. Wie kam Fanny Silveritch an diesem Tag an diesen Ort, in die Nähe Stalins kurz vor Ausbruch des "Kalten" Kriegs?

In Edgardo Cozarinskys Apuntes para una biografía imaginaria (Notizen zu einer imaginären Biografie) wird diese Frage nur beiläufig gestellt, und sie wird auch nicht beantwortet. Das ist charakteristisch für einen Film, der eher Spuren auslegt, als ihnen bis zu einem eindeutigen Ende zu folgen.

Der große argentinische Intellektuelle und Dichter zieht mit diesen Notizen so etwas wie eine Summe, das biografische Motiv ist also durchaus auf ihn selbst und seinen Weg zurückbezogen; zugleich geht es aber um ein Verständnis von Biografie, das nicht so sehr auf Linearität beruht, sondern auf ständiger Durchkreuzung und Verschränkung von Linien. So könnten diese Notizen sich also durchaus auch auf die Biografie von Fanny Silveritch beziehen, nur muss man dann eben Cozarinsky in sein Gesamtwerk hinein folgen, zu dem diese Notizen eine Art Einführung darstellen. In der Erzählung Das Gespenst vom Roten Platz aus dem Band Tres Fronteras (Drei Grenzen) taucht Zilveritch (sic!) auf, dort erfährt man mehr, ohne dass sich daraus dann ein erschöpfendes Gesamtbild ergeben müsste.

Dieses Aufleuchten individueller Momente vor der großen Karte der erlebten Geschichte zeichnet die Notizen von Cozarinsky aus. Ihre Kapitel folgen jeweils anderen formalen Prämissen - häufig ist das Filmmaterial "gefunden" (so tauchen Wochenschauaufnahmen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs auf, aus Paris, aus Bayreuth und eben auch Moskau), zu diesen Bildern setzt die Musik dann nicht selten einen Akzent, der die ursprüngliche Bedeutung der Bilder verändert.

Cozarinsky durchläuft dabei auch wesentliche Stationen der eigenen (Arbeits-)Biografie: die Stadt Tanger in Marokko, wo er einen Film gedreht hat, taucht auf; Paris war über viele Jahre sein Lebensmittelpunkt, nachdem auch er Argentinien nach dem Tod von Juan Perón verließ. Aus Saigon 1975 werden aus dem Off drei Postkarten verlesen (eine vom verstorbenen Dokumentaristen Robert Kramer), und immer wieder tauchen Menschen in halbnaher Ansicht auf, die einfach von der Kamera beobachtet werden.

Diese Serie trägt den Titel Licht von einem Körper und beruht auf einem Musikstück von Ulises Conti, dessen Werk den ganzen Film durchzieht. Die Rätselstruktur von Apuntes para una biografía imaginaria ist natürlich zuletzt einem großen Vorbild geschuldet, dem Cozarinsky hier auch einen Gruß entbietet: Jorge Luis Borges ist der Meister eines Imaginären, das sich konsequent mit dem Historischen verbindet. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2010)

 

22. 10., Urania, 18.30;
23. 10., Stadtkino, 15.30

  • Ein Verständnis von Biografie, das auf ständiger Verschränkung und Durchkreuzung beruht: "Apuntes para una biografía imaginaria" von Edgardo Cozarinsky.
    foto: viennale

    Ein Verständnis von Biografie, das auf ständiger Verschränkung und Durchkreuzung beruht: "Apuntes para una biografía imaginaria" von Edgardo Cozarinsky.

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