Gewalt kann Dauerschmerzen auslösen

20. Oktober 2010, 17:34
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Moderne Schmerzmedizin sieht auch körperliche Langzeitfolgen

Wien  - Das Erleben von Gewalt kann Menschen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich krank machen. Chronische Schmerzen gehen bei Frauen häufig mit früheren Misshandlungen einher, berichtet Wilfried Ilias, Präsident der österreichischen Schmerzgesellschaft ÖSG, anlässlich der Schmerzwochen. "Wir müssen Anhaltspunkte suchen, mit denen die Gesellschaft gesund bleibt und dadurch auch Belastungen besser erträgt. Die stärkere Rücksicht auf Folgen von Misshandlung, deren Therapie und Prävention gehören hier dazu", so der Mediziner.

Schmerzen auch Jahre danach

"Erschreckend hoch" ist laut Ilias der Anteil der Patientinnen mit chronischen Schmerzen, die schon einmal Opfer von Gewalt wurden. Konkret sei dies etwa sexueller Missbrauch, Misshandlung, emotionale Vernachlässigung, Entwertung und bei Asylwerbern oft auch Krieg. Statistisch sind etwa 35 Prozent der Frauen mit chronischen Rückenschmerzen, über 45 Prozent jener mit ständigen Gesichts- oder Kieferschmerzen sowie über 50 Prozent der Patientinnen mit chronischen Unterleibsschmerzen oder Fibromyalgie betroffen. Zum Vergleich: Insgesamt erlebt knapp jede vierte Frau im Lauf des Lebens Nötigung oder Misshandlung. Auch Männer sind von häuslicher Gewalt betroffen, allerdings viel seltener.

Wie Gewalterfahrung und chronische Schmerzen genau zusammenhängen, ist nicht ausreichend erforscht. Laut Ilias ist denkbar, dass Erwachsene bei psychosozialem Stress oder Körpergewalt frühkindliche Schmerzerinnerungen wieder ins Gedächtnis zurückholen, was zu chronischen Schmerzerkrankungen führen kann. Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien, an dem Ilias die Abteilung Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie leitet, erforscht derzeit die Verbindung zwischen Fibromyalgie und Gewalterfahrungen.

Helfen ist schwierig

Ilias fordert, dass Gewalterfahrungen von PatientInnen besser erkannt und stärker in der Therapie berücksichtigt werden. Dazu seien Früherkennungssysteme, Leitfäden für Gesprächsführung, Beratung und Intervention nötig, sowie mehr Zusammenarbeit von Psychologen, Psychiatern und Neurologen. "Das Helfen ist schwierig, da sich Betroffene meist aus Angst vor Folgen für sich und ihre Familie nicht mitteilen. Die verschiedenen Fachrichtungen im Spital und außerhalb müssen an einem Strang ziehen, um ein gutes Umfeld zu schaffen. Denn oft steht die Reintegration in Beruf und Sozialleben auf dem Spiel", so der Experte.

Therapien sollten laut Ilias auch Täter mit einbeziehen, besonders wenn noch aufrechte Beziehungen von Gewalt geprägt sind. "Täter leiden oft an einer Impulsstörung, erkennen jedoch oft kaum, dass sie sich falsch verhalten haben. Solange sie ihre Krankheit nicht einsehen, kann man nicht behandeln." Als Ziel derartiger Bemühungen sieht der Experte, dass durch Gewalt zerrüttete Familien die Chance einer Wiedergesundung erhalten. "Die Erziehung der Kinder fällt viel schwerer, wenn etwa ein Elternteil chronische Schmerzen hat, psychisch krank ist oder selbst nicht mit dem Leben fertig wird."

Langfristige Strategien nötig

Langfristig sinnvoll seien derartige Maßnahmen auch ökonomisch. Chronische Schmerzen allgemein sind für die Gesellschaft teuer, wenngleich dies noch kaum wahrgenommen wird. Auch häusliche Gewalt verursacht immense Folgekosten, etwa im Sozial-, Rechts-, Gesundheits- und Bildungssystem. "Da die Dimension der Kosten noch kaum abzuschätzen ist, investiert die Politik nicht in langfristige Lösungen", bedauert Ilias. Den Mut habe er jedoch nicht verloren. "Ärzte können ihre Erfahrungen im Umgang mit Patienten weitergeben und damit zu dauerhaften Lösungen in Medizin und Sozialpolitik beitragen", so der Schmerzmediziner. (pte)

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