Europas "Insel-Tiere" brauchen Korridore

20. Oktober 2010, 15:52
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WWF macht mit "The Wall"-Projekt auf die Zerschneidung der Lebensräume zahlreicher Spezies hin

Wien - Viele Tierarten - insbesondere im dichtbesiedelten Europa - sind mitten auf dem Land zu Inselbewohnern geworden. Naturschutzparks, renaturierte Gebiete und Restbestände der einstigen Naturlandschaft ziehen sich wie ein Archipel über den Kontinent. Innerhalb dieser Inseln ist bedrohten Spezies eine einigermaßen ungestörte Existenz möglich - doch ist dies nur die halbe Miete: Denn Siedlungs-, Landwirtschafts- und Verkehrsflächen haben die Verbindungen zwischen diesen Gebieten gekappt. Jahrtausende alte Migrationsrouten sind für viele Tierarten nicht mehr passierbar, der wichtige genetische Austausch zwischen einzelnen Populationen wird gebremst oder gar ganz verhindert.

So ist zum Beispiel in Österreich das Straßennetz 270.000 Kilometer lang, die Länge aller Fließgewässer beträgt hingegen nur rund 100.000 Kilometer. "Es wird eng für die Natur", warnte Gerhard Egger vom WWF-Alpen-Karpaten-Korridorprojekt. Einst verband die beiden Gebirge ein grüner Pfad via Wechsel, Rosalien- und Leithagebirge, Donau- und Marchauen, der den enormen Aktionsradien der Wildtiere zugutekam. Dieser Pfad ist heute verschwunden.

Im Rahmen des zeitgleich in sechs Ländern gestarteten Projekts "The Wall" soll auf die Zerschneidung der Lebensräume aufmerksam gemacht werden: Am Mittwoch wurden dazu in Wien, Ljubljana, Zürich, München, Mailand und Lyon 13 Meter lange Mauern errichtet, um zu zeigen, wie ernst es um die Lebensräume von Wildtieren steht.

Langzeitprojekt

Doch nicht nur die Naturgebiete bedürfen der "Vernetzung", sondern auch die für deren Schutz zuständigen Institutionen: "Die Abstimmung ist kompliziert, obwohl das Thema 'Green Infrastructure' in der EU gerade derzeit ein großes Thema ist. Wir laufen immer wieder gegen Barrieren, wenn es um Vernetzung geht", berichtete Professor Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Uni Wien. "Die Landschaftsplaner sitzen in einem Haus und die Naturschützer in einem anderen - und niemand redet miteinander", klagte Walzer.

Ergebnis dieser mangelhaften Kommunikation sind dann Grünbrücken über Autobahnen, die entweder direkt in agrarischem Ödland oder in einem Jagdgebiet enden. Aurelia Ullrich von der Alpenschutzkommission CIPRA hat schon einige solcher Fehlplanungen entdeckt und meint: "Die Alpenländer tragen diesbezüglich eine große Verantwortung, die ökologische Vielfalt zu erhalten." Derzeit laufe ein EU-Projekt, wo in sieben Pilotregionen Lebensräume vernetzt werden. Ullrich: "Ziel ist ein alpenweit zusammenhängendes ökologisches Netz. Auch wenn es wohl eine Generation dauert, bis es geschafft ist."

Derzeit ist man gerade dabei, Alpen-Karpaten-Korridor wieder herzustellen, so weit das möglich ist. Begonnen hat alles mit einer Grünbrücke über die Mattersburger Schnellstraße (S4), wo bei Pöttsching ein Übergang für Wildtiere geschaffen wurde. Drei weitere Querungen - nämlich über die Ostautobahn (A4), die A3 und die D2 in der Slowakei. Ullrich betonte, die Vernetzung der Naturgebiete sei auch für den Menschen wichtig und führte Tourismus und Naherholung ins Feld. Walzer brachte es schließlich auf den Punkt: "Es handelt sich hier um einen Wert, der in Euro nicht zu messen ist. Gerade deshalb sollten wir ihn nicht leichtfertig aufs Spiel setzen." (APA/red)

  • Im Rahmen eines bis 2012 laufenden Projekts soll der Alpen-Karpaten-Korridor, der sich über 150 Kilometer hinweg von Österreich in die Slowakei erstreckt,  für Wildtiere wieder durchgängig gemacht werden.
    foto: ecological continumm initiative

    Im Rahmen eines bis 2012 laufenden Projekts soll der Alpen-Karpaten-Korridor, der sich über 150 Kilometer hinweg von Österreich in die Slowakei erstreckt,  für Wildtiere wieder durchgängig gemacht werden.

  • Symbolischer Mauerbau in sechs europäischen Städten - Wildtiere stoßen auf unserem Kontinent überall an Grenzen.
    foto: ecological continumm initiative

    Symbolischer Mauerbau in sechs europäischen Städten - Wildtiere stoßen auf unserem Kontinent überall an Grenzen.

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