Ehrensache und Ehrenamt

20. Oktober 2010, 13:40
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Das Avantgarde-Arsenal Ubu.com wurde gehackt - Von Ekkehard Knörer

Das Avantgarde-Arsenal Ubu.com wurde gehackt

UbuWeb dürfte es eigentlich gar nicht geben. Rein juristisch gesehen jedenfalls: Seit der Gründung im Jahr 1996 schaufeln Kenneth Goldsmith und seine namenlosen Helfer alles, was nach Avantgarde aussieht und klingt, in digitalen Formaten als Text, Ton und Bild auf die Ubu.com-Server. Und zwar, das ist die eigentliche Pointe, ohne irgendjemanden vorher zu fragen. Reine Piraterie, komplett illegal also, man stiehlt, was man kann und bietet es kostenlos jedem, der sich dafür interessiert an: zum Ansehen, Lesen, Hören, zum Download.

Michael Snow: This is it

Das Wunder ist: UbuWeb gibt es nicht nur, die Website wächst und gedeiht. Gelegentlich gibt es, wie nicht anders zu erwarten, Ärger mit Rechteinhabern. In den Anfängen hat Goldsmith sich extrem unbeliebt gemacht, indem er all jene, die die Herunternahme ihrer Werke von den Ubu-Servern forderten, auf einer "Wall of Shame" namhaft machte. Das bereut er heute als törichte Halbstarkengeste. Runtergenommen hat er die Sachen natürlich schon. Im Fall von Klagen wäre das sehr schnell sehr teuer geworden. Und Einnahmen hat Ubu nicht. Piraterie ist für alle Beteiligten Ehrensache und Ehrenamt. Die Server sind gestiftet von Universitäten, Ubu.com kollaboriert längst mit angesehensten Institutionen wie etwa den Anthology Film Archives in New York. Unter den "Kuratoren", die Monat für Monat Bestenlisten aus dem Ubu-Angebot auswählen, waren bereits der Kunst-Hans-Dampf Hans-Ulrich Obrist und die Chefin der nächsten Documenta Carolyn Chistov-Bakargiev

Jüngst allerdings machte Ubu.com Schlagzeilen anderer Art. Die Seite wurde gehackt (nähere Informationen, wer dahintersteckt, gibt es bis jetzt nicht). Das löste heftige Reaktionen aus bei Freunden und Feinden. An mancher Kunsthochschule - dort wird das Ubu-Angebot am meisten genutzt -, stand die Lehre mehr oder weniger still. Etwas anders fiel die Reaktion zunächst im Experimentalfilm-Forum frameworks aus, wo die Ansichten zu Ubu.com schon lange gespalten sind: "Das sind ja hervorragende Neuigkeiten", lautete das erst Posting zum Thema; Widerspruch folgte.

Auch Kenneth Goldsmith, eigentlich Dichter, inzwischen Literaturprofessor, sah sich zu einer Antwort herausgefordert. Er betont darin, was man auch im Interview, das er im vergangenen Jahr CARGO gab, nachlesen kann: "Wenn wir gefragt hätten, gäbe es uns nicht", betont er. Es gehe um das Verfügbarmachen des oft und vor allem abseits der Großstädte nicht Verfügbaren. Zugleich soll der "Ersatzcharakter" vor allem der Videos und Filme immer klar bleiben: die oft schauderhafte technische Qualität bezeugt ihre eigene Supplementarität. Bei einer Ubu-Präsentation im hoch angesehenen New Yorker Lincoln Center bestand der Konzeptpoet Goldsmith darauf, das Digitalmaterial auf der großen Leinwand zu zeigen: Man erkannte fast nichts, genau darum ging es.

Michael Snow: This is it

Auch die Haltung vieler Künstlerinnen zu Ubu.com ist inzwischen mindestens ambivalent. Ihre Werke bekommen dank der Verfügbarkeit mehr Aufmerksamkeit denn je zuvor. Andererseits bleiben möglicherweise Einnahmen aus in den Markt eingespeisten Quellen aus. (Wobei der Grund des Erfolgs von Ubu sicher nicht zuletzt darin liegt, dass das hier versammelte Avantgardefeld im Kulturbetrieb kaum marktwirtschaftliche Relevanz hat.) Die Experimentalfilmer-Legende Michael Snow etwa arbeitet mit UbuWeb zusammen. Zwei seiner Filme hat er - wie Goldsmith erklärt - "lizensiert", den Rest nicht. Videokunst-Shooting-Star Ryan Trecartin hat ebenfalls ausdrücklich sein Einverständnis zur Nutzung gegeben. Seit ein paar Tagen ist Ubu.com nun wieder am Netz. Ein großer Teil der Experimentalfilm- und Kunst-Aficionados der Welt drückt die Daumen, dass das so bleibt.

CARGO - Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at/Kultur bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

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    foto: cargo
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