"Ich schreibe oft Dialoge in meinen Träumen"

20. Oktober 2010, 17:48
posten

US-Filmemacher Monte Hellman hat mit "Road to Nowhere" seinen ersten unabhängigen Film gedreht

Lösen will er das Filmrätsel um Spekulation und Betrug, Liebe und Eifersucht aber nicht. Mit Hellman sprach Cristina Nord.

Standard: "Road to Nowhere" unterscheidet sich stark von Ihren bisherigen Filmen.

Hellman: Ich habe noch nie einen Filme gedreht, der nicht linear erzählt ist. Dies ist die erste Erzählung, die zwar einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende hat, aber nicht in dieser Reihenfolge. Und es ist das erste meiner Projekte, das ich unabhängig verwirklichen konnte. Alle anderen wurden von jemand anderem begonnen; ich wurde später angeheuert.

Standard: Trotzdem könnte der Titel "Road to Nowhere" auch zu "Two-Lane Blacktop" passen. In beiden Filmen geht es um den Verlust von Orientierung.

Hellman: Thematisch vielleicht. Dass viele Kritiker Two-Lane Blacktop Road to Nowhere nannten, fiel mir erst hinterher auf. Road to Nowhere ist eine Straße in North Carolina, und das war die Inspiration für den Titel. Wir haben den Film dort gedreht.

Standard: Es ist eine Weile her, seit Sie Ihren letzten abendfüllenden Spielfilm gedreht haben. Wenn Sie lange an etwas arbeiten, das dann nicht verwirklicht werden kann - stecken Sie das einfach so weg?

Hellman: Im Gegenteil, es ist das Schlimmste, wenn jemand einen Film für einen produzieren möchte und es nicht klappt.

Standard: Diesmal war es anders, weil Ihre Tochter Produzentin war.

Hellman: Letztlich geht es doch darum, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Ich habe so viel Zeit meines Lebens darauf verwendet zu warten, dass mir die Erlaubnis, einen Film zu drehen, erteilt wird. Diesmal habe ich mir gesagt: Wir machen das. Wir warten auf niemanden. Und wir haben es gemacht.

Standard: Sind Sie nicht stolz auf Ihre früheren Filme?

Hellman: Doch, bin ich. Aber ich habe den Eindruck, dass ich jetzt zum ersten Mal voll und ganz begriffen habe, wie ich am besten arbeite. Ich habe etwas Entscheidendes erkannt: wie wirkungsvoll es ist, wenn ich nicht Regie führe. Die Schauspieler haben mich ständig darum gebeten, ihnen die Geschichte und die Figuren zu erklären. Darauf habe ich mit einer Methode der Psychoanalyse reagiert. Wann immer sie mich etwas fragten, hatte ich eine Gegenfrage parat. Sie müssen ihre Fragen selbst beantworten.

Standard: Die Hauptfigur von "Road to Nowhere" heißt Mitch Haven, hat also dieselben Initialen wie Sie. Ich habe gelesen, Ihr Geburtsname sei Himmelmann ...

Hellman: Nah dran, aber nicht ganz.

Standard: Wie lautet er denn?

Hellman: Einmal hat mir eine Presseagentin ein Radiointerview vermittelt. Der Moderator hieß Hevelfinger. Sie sagte, ich dürfe ihm auf keinen Fall sagen, dass ich Himmelbaum heiße, er würde sich sonst verarscht fühlen. So habe ich mir schnell einen anderen Namen überlegt: Haven, der Name einer Figur, die ich in dem Stück The Philadelphia Story gespielt hatte, C. K. Dexter Haven. Ich war damit aber unzufrieden und änderte den Namen in Hellman um.

Standard: Hat dieser Mitch Haven noch mehr mit Ihnen zu tun? Er ist immerhin auch Filmregisseur ...

Hellman: Stephen Gaydos, der Drehbuchautor, entwickelte Haven als eine Figur, in die die vielen Jahre unserer gemeinsamen Arbeitserfahrung einfließen sollten. Am Anfang beruhte die Figur schon auf meiner Persönlichkeit. Aber sie nahm schnell die Persönlichkeit von Tygh Runyan an. Ich möchte nicht, dass der Schauspieler versucht, wie ich zu sein. Er soll die Figur füllen.

Standard: Als Sie den Film im September in Venedig vorstellten, gab es einige Kritiker, die sagten, sie hätten den Film nicht ganz verstanden. Sie selbst sagten, es sei ein Rätsel, das nicht zu lösen sei.

Hellman: Das ist ein bisschen irreführend. Wenn Sie den Film zwei- oder dreimal sehen, liegt der Plot glasklar vor Ihnen. Das Rätsel des Films ist: Wo hören die Spiegelungen auf? Sie sehen eine Geschichte in einer Geschichte, darin entdecken Sie dann eine weitere Ebene, schließlich eine vierte. Das ist das Rätsel

Standard: Sie werden es für mich nicht lösen, oder?

Hellman: Ich kenne die Antwort ja selber nicht. Viele Leute beantworten die Frage für sich selbst. Robert Skotak, der sich um die Spezialeffekte gekümmert hat, hat eine Theorie, andere Leute haben eine andere, und jede davon ist gültig. Es ist ein bisschen wie die Frage nach dem Ursprung des Universums. Hat Gott das Universum geschaffen? Aber wer hat Gott geschaffen? Das ist das Rätsel.

Standard: Sie sagen, Ihre Träume seien Inspiration für Ihre Arbeit. Erinnern Sie sich an Ihre Träume?

Hellman: Ja, und ich schreibe oft Dialoge in meinen Träumen. Einige Dialoge aus diesem Film habe ich geträumt. Vor allem in den Szenen, die in Italien spielen.

Standard: Ich habe manchmal den Eindruck, meine Träume seien davon beeinflusst, dass ich viele Filme sehe. Geht Ihnen das auch so?

Hellman: Das passiert mir auch. Aber ich träume auch, während ich Filme gucke. Manchmal komme ich aus dem Kino und weiß nicht, was zum Film und was zu meinem Traum gehört.

Standard: Weil Sie einschlafen?

Hellman: Nein! Weil ich erfinde, während ich schaue, und beides sich miteinander vermischt. Deswegen kann ich mich selten an die Handlung eines Filmes erinnern. Während ich einen Film schaue, fühle ich mich angeregt, meine eigene Welt zu erschaffen. Das möchte ich auch gerne mit meinen eigenen Filmen beim Publikum anregen. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber es ist mein Ehrgeiz. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2010)

22. 10, Gartenbau, 18.00; 23. 10, Urania, 16.00

  • "Das Rätsel des Films ist: Wo hören die Spiegelungen auf?": 
Hauptdarstellerin Shannyn Sossamon auf dem fiktionalen Filmset in Monte 
Hellmans Thriller-im-Film "Road to Nowhere".
 
    foto: viennale

    "Das Rätsel des Films ist: Wo hören die Spiegelungen auf?": Hauptdarstellerin Shannyn Sossamon auf dem fiktionalen Filmset in Monte Hellmans Thriller-im-Film "Road to Nowhere".

     

  • Bild nicht mehr verfügbar

    New-Hollywood-Ikone  Monte Hellman (78) lernte sein Handwerk unter B-Movie-Produzent Roger Corman. Seine Spätwestern "The Shooting" und "Ride in the Whirlwind" sind ebenso legendär wie die New-Hollywood-Arbeiten "Two-Lane Blacktop" und "Cockfighter".

Share if you care.