Gleise bis ins Meer

20. Oktober 2010, 16:54
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An den Resten der Schwarzmeerflotte vorbei schipperte Martin Prinz durch den Hafen von Sewastopol auf der ukrainischen Krim

Potjomkin und kein Ende. Es war im Hafen Sewastopols. An dem Tag saßen wir bereits zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde in einem Ausflugsboot, überließen uns dem Tuckern des Motors und den unaufhörlichen, uns auf Russisch jedoch unverständlichen Durchsagen des Kapitäns. Noch war offen, ob wir dieses Mal in die gewollte Richtung kämen. Denn beim ersten Versuch hatte das Boot, anstatt uns zur Bucht der Schwarzmeerflotte zu bringen, schon nach wenigen Metern nach Westen abgedreht.

Dorthin, wo ein paar Buchten weiter die von der Agglomeration Sewastopol längst umringten Ausgrabungen von Khersonesos lagen. Reste jener im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gegründeten antiken griechischen Stadt, von der wir zu Fuß sicherlich weit mehr Eindruck gewonnen hätten. Nun saßen wir hoffentlich im richtigen Ausflugsschiffchen, unterwegs zu U-Booten, Kreuzern, Zerstörern, Fregatten oder Küstenverteidigungsschiffen.

Leicht und regelmäßig schlug der Wellengang an den Bug, über uns blauer Himmel, Möwen und in den Lautsprechern die Durchsagen des Kapitäns. Diesmal blieben die stolzen Gebäude der Gräfischen Schiffsanlegestelle in der richtigen Himmelsrichtung hinter uns, und bald fuhren wir zwischen den ersten Kriegsschiffen in die Bucht der Schwarzmeerflotte. Spiegelglattes Gewässer und leere Schiffe, so reichte der Meeresarm mitten in die Stadt hinein.

Bis zu jenem, in militärisch leicht nachvollziehbarer Logik, am Ende der Bucht gelegenen Bahnhof, an dem wir diesen Morgen nach einem Zwischenaufenthalt in der alten Tatarenhauptstadt Bakhchysari unsere Zugfahrt quer durch halb Europa mit Blick auf Eisenbahnschienen beendet hatten, die nicht nur fast, sondern mit einem Gleis tatsächlich bis ins Meer hinein führten. Acht Tage waren wir bereits unterwegs. Drei Nächte und zwei Tage davon hatten wir im Zug verbracht: Bludenz 00:32, Wien 07:58, Budapest-Keleti 10:49, so lautete die erste Etappe. Danach für ein paar Stunden ins Széchényi fürdo, das 1913 in prunkendem Neobarock fertiggestellte, bis heute größte Heilbad Europas, bis um 18:43 wieder Abfahrt war.

Grenzübergang

Den Grenzübergang zwischen Ungarn und der Ukraine bei Zahony erreichten wir kurz vor Mitternacht, wo die Umstellung auf die breiteren Schienenstränge im Osten, wie auch das Zugächzen und Schienenschlagen über die Karpaten, nur mehr als Traumgeräusch in unser Bewusstsein drang. Frühmorgens wachten wir in den letzten Ausläufern des Gebirgszugs auf, fuhren mit einer ersten Tasse Tee aus dem Wagon-Samowar in den Händen an einem Flüsschen entlang und an kleinen Bauernsiedlungen mit gepflegten Holzhäusern vorbei und waren selbst ohne den zweitägigen Zwischenhalt in Kiew noch eine ganze Nacht und einen halben Tag vom Ende unserer Zugfahrt entfernt.

Die Stimme des Kapitäns zwischen den dümpelnden Kriegsschiffen klang wie das unheimliche Echo aus einem Kusturica-Film. Die heute lediglich einen Bruchteil ihres 1991 mit zirka 60 bis 80 Milliarden US-Dollar geschätzten Wertes ausmachende Flotte erzählte hingegen auch in ihrem jetzigen Zustand von der über Jahrhunderte von der Krim ausgehenden Verwundbarkeit Russlands. Vom 13. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert war man gegen die von hier aus operierenden Reiterheere der Goldenen Horde und später der Krimtataren im Grunde chancenlos gewesen.

Modekurort der Russen

Zum einen waren sie in ihrer Schnelligkeit kaum fassbar, zum anderen aber spielten speziell die Tataren, unterstützt vom Osmanischen Reich, ein geschicktes Spiel mit dem Machtgleichgewicht zwischen Russland, Polen und Kosaken. Im Gegenzug lieferten die Tataren enorme Mengen an Sklaven aus Mittelosteuropa als Beute ihrer Vernichtungs- und Beutezüge an die Türkei. Deshalb zählte Kaffa als Sklavenmarkt im 15. Jahrhundert auch zu den bevölkerungsreichsten europäischen Städten.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hingegen fungiert die Küstenstadt, nunmehr unter dem Namen Feodosiya, als Modekurort der Russen. Die bekannteste russische Krimreisende, Katharina II., war bereits ein Jahrhundert davor gekommen. Wenige Jahre nachdem ihre Armee auf der Krim einmarschiert war, das Krimkhanat annektiert und mit der Gründung Sewastopols den Aufbau der russischen Schwarzmeerflotte begonnen hatte.

Potemkinsche Dörfer

Bekannt blieb diese Inspektionsreise der Zarin 1787 jedoch nicht zuletzt aufgrund des dafür betriebenen Aufwandes. So hatte der Generalgouverneur der Krim, Fürst Potemkin, nach der pompösen Schiffsfahrt den Dnjepr flussabwärts nicht nur entlang der geplanten Landroute von der Schwarzmeer-Mündung nach Sewastopol hölzerne Paläste zum Ausruhen und Übernachten sowie Brücken bauen lassen, sondern angeblich auch jene zur Redensart gewordenen potemkinsche Dörfer: eilig errichtete Attrappen, deren gut gekleidete Einwohner beim Anblick der vorbeifahrenden Kutschen jeweils aufs Neue aus ihren Häusern traten und freudig zu Ehren der Herrscherin ausriefen, während es in Wirklichkeit nur verkleidete Soldaten waren, deren immer gleiche Gesichter dem Hofstaat, hatte auch nur jemand hingesehen, auffallen hätten müssen.

Immer höher wurden die Kriegsschiffe links und rechts unseres Besichtigungsbootes. Was genau ein Zerstörer, ein Kreuzer, eine Fregatte war, konnte ich nicht unterscheiden. Doch dass von den 28 U-Booten (Stand 1991) nur mehr drei übrig geblieben waren, oder der Flugzeugträger fehlte, erkannte auch ein Militärlaie. Ebenso wuchernden Tang, Rost, und mancherorts auf nah am Ufer stehenden Kriegsbooten sogar Gebüsch. Nur wenige Wochen vor unserer Reise war der Pachtvertrag Russlands für die weitere Stationierung seiner Schwarzmeerflotte im Hafen Sewastopols verlängert worden. Dabei kam es im ukrainischen Parlament zu Schlägereien, sogar Rauchbomben wurden von der Opposition geworfen, da im Gegensatz zu den Zielen einer, nach der orangen Revolution, von Russland unabhängigeren Politik unter Präsident Juschtschenko, sein Nachfolger (und gleichzeitiger Vorgänger) Janukowitsch, anstatt den Vertrag 2017 auslaufen zu lassen, ein Abkommen auf Verlängerung der Pachtverträge um weitere 25 Jahre beschließen ließ.

Doch ist vermutlich in Ländern mit einer seit Jahrhunderten wiederkehrenden Erfahrung des schrecklich Immergleichen eine Revolution offenbar zu wenig. Angesichts eines Beharrungsvermögens, das andererseits auch den prächtigen Straßenzügen Sewastopols mit ihren weißen Häuserfronten nicht im Geringsten ansehen lässt, dass die Stadt während der drei großen Belagerungen der letzten hundertfünfzig Jahre (einmal im Krimkrieg und zweimal während des Zweiten Weltkriegs) auch dreimal völlig vernichtet und zerstört worden war.

Maschinisierung und Militär

Wir gleiten an Schiffen vorbei, an denen immer wieder groß das Symbol für Radioaktivität prangt. Welche atomare Gefahr aus den Schiffen und Booten dieser Flotte droht, weiß ich nicht, höre nun jedoch zu fotografieren auf und bin mir sicher, die Geschichte dieser Reise, beginnend mit der langweiligen Bootsfahrt vor die Ausgrabungen von Khersonesos bereits zu kennen. Denn so verloren die übriggebliebenen antiken Mauerreste und Säulen aus der Entfernung auch wirkten, zwischen den rostenden Ungetümen der vor zwanzig Jahren noch so stolzen Schwarzmeerflotte, komprimieren sich nicht nur zweieinhalb Jahrtausende europäischer Geschichte, sondern auch die Geschichte der Moderne bis tief hinein in unsere noch namenlose Gegenwart. Eine Geschichte von Industrialisierung, Maschinisierung und Militär als zutiefst europäische Erzählung einer Welt, die womöglich, so die deutliche Ahnung zwischen der verrostenden Schwarzmeerflotte, gar keine Kriege mehr braucht, oder höchstens potjomkinsche, um sich selbst zu zerstören.

Das Boot tuckerte zur Bucht hinaus, vor uns das offene Meer. Wochen später, beim Schreiben der Reisegeschichte, liegen die Fotografien der kaputten Schiffe direkt neben den Aufnahmen der Menschenreihen an den Sardinenstränden von Sudak oder Feodosiya. Der größte Sklavenmarkt der Welt fällt mir ein - Urlaub, das blaue Meer, und ich denke wieder an Potjomkin. (Martin Prinz/DER STANDARD/Rondo/15.0.2010)

Martin Prinz, geb. 1973, ist Schriftsteller, zuletzt erschien von ihm "Über die Alpen". Bertelsmann 2010.

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