Rätselhaftes Algensterben bedroht Flamingos

19. Oktober 2010, 21:29
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Die Zwergflamingos der Soda-Seen in Kenia ernähren sich von Blaualgen, die jedoch immer wieder verschwinden - Forscher suchen nun nach den Ursachen

Aus badetechnischer Sicht ist der Nakuru-See in Kenia alles andere als einladend. Er ist nur rund einen Meter tief, und sein Wasser ist eine grüne Algensuppe, die sich seifig anfühlt. Nichtsdestoweniger stellt er eines der begehrtesten Touristenziele Afrikas dar. Aus der ganzen Welt kommen Naturliebhaber, um im Nakuru-Nationalpark Wildtiere wie Nashörner, Löwen oder Paviane zu sehen, in erster Linie aber das Schauspiel von hunderttausenden Zwergflamingos, die den Nakuru-See bevölkern.

Dabei bietet das Gewässer denkbar unwirtliche Bedingungen: Es ist ein Salzsee, genauer gesagt, ein Soda-See, denn sein Wasser ist nicht wie Meerwasser durch Natriumchlorid salzig, sondern durch Natriumsesquikarbonat, dem Ausgangsmineral von Soda. Das war nicht immer so: Noch vor rund 8000 Jahren bedeckte ein riesiger Süßwassersee das Gebiet zwischen Nakuru und Naivasha.

Vulkanische Aktivitäten, tektonische Verschiebungen und Klimaveränderungen führten jedoch zu isolierten, flachen Geländemulden. In diesen abflusslosen Vertiefungen blieben schließlich Reste des riesigen Süßwassersees erhalten, darunter der Nakuru-See und sein Nachbarsee Elmenteita. Deren Wasser war und ist starker Verdunstung ausgesetzt, was auf die Dauer dazu führte, dass das ehemalige Süßwasser stark mit Salzen angereichert wurde. Das jedoch bedeutet extrem unwirtliche Lebensbedingungen für seine Bewohner: Nur sehr wenige Arten von Pflanzen und Tieren kommen mit derart hohen Salzkonzentrationen zurecht. Tatsächlich zeichnen sich die Soda-Seen durch eine sehr geringe Biodiversität aus - doch die wenigen Organismen, die hier leben können, finden sich quasi im Schlaraffenland: Die Seen sind randvoll mit Nährstoffen, die entsprechend angepasste Arten fast konkurrenzlos nutzen können. Dementsprechend treten sie in riesigen Mengen auf.

Das gilt in allererster Linie für die Blaualge Arthrospira fusiformis, deren Massen für die blaugrüne Färbung des Nakuru-Sees verantwortlich sind und ohne die es keine Zwergflamingos an seinen Ufern gäbe. Die mikroskopisch kleinen Cyanobakterien sind nämlich so gut wie die einzige Nahrung der Vögel. Flamingos ernähren sich, indem sie - ähnlich wie Bartenwale - mithilfe von Schnabellamellen Plankton aus dem Wasser filtern. Während bei den rosa Flamingos auch größere Teile wie Kleinkrebse durch diese Reusen passen, sind die Schnäbel der Zwergflamingos haargenau an die winzige, spiralig gewundene Blaualge Arthrospira angepasst. Und deren enorme Vermehrungsraten sorgen dafür, dass der Tisch für die Vögel reich gedeckt ist.

Wetter und Viren

Das ist jedoch nicht immer der Fall: In unregelmäßigen Abständen verschwindet das Cyanobakterium aus bisher ungeklärter Ursache aus den Seen. "Das letzte Mal stellten wir im vergangenen Sommer einen Kollaps der Arthrospira-Population fest", erzählt Michael Schagerl vom Department für Limnologie der Universität Wien. Er und seine Mitarbeiter untersuchen im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts mögliche Auslöser der Arthrospira-Zusammenbrüche. "Der Algenbestand erholt sich nach einer Weile wieder, aber in der Zwischenzeit müssen die Zwergflamingos an einen anderen See wechseln. Das ist auch für den Tourismus ein Problem", sagt der Gewässerökologe.

Die Wettersituation hat starken Einfluss auf den jeweiligen Wasserstand und damit auf die Salzkonzentration in den Seen. In der Trockenzeit führen die starke Verdunstung und reduzierte Zuflüsse dazu, dass die Soda-Seen immer wieder an den Rand der Austrocknung gelangen. Um zu klären, inwieweit sich diese klimatischen Bedingungen und ihre chemischen Folgen auf die Blaualgen auswirken, erhob Schagerl mit Unterstützung lokaler Wissenschafter in den letzten beiden Jahren wöchentlich Daten zu Klima sowie Nährstoffgehalt und Artengemeinschaften der Seen.

Wie sich dabei herausgestellt hat, verschärft sich die Situation der Soda-Seen bei Niedrigwasser noch weiter: Je mehr die Salzkonzentration steigt, desto geringer wird die Artenvielfalt und desto stärker vermehren sich die verbleibenden Arten. Besonderes Augenmerk legt Schagerl bei seinen Untersuchungen auf Viren. "Das Wasser ist voll mit Viren und Bakterien", erklärt er. "Und unsere Haupthypothese zum Zusammenbruch der Arthrospira-Bestände sind Cyanophagen, also Viren, die sich auf Cyanobakterien spezialisiert haben."

Ob es solche speziellen Arthrospira-Angreifer wirklich gibt, muss sich erst weisen. "Gegen klimatisch bedingte Ursachen spricht, dass es in Industrieanlagen, in denen Arthrospira gezüchtet wird, ebenfalls immer wieder plötzliche Zusammenbrüche gibt." Die Blaualge schmeckt nämlich nicht nur Flamingos, sie ist unter ihrem alten Namen Spirulina platensis auch als Nahrungsergänzungsmittel mit hohen Anteilen an essenziellen Fettsäuren und Protein im Handel.

Der zweite Schwerpunkt von Schagerls Untersuchungen hat ebenfalls mit den Zwergflamingos zu tun: Es kommt immer wieder zu einem Massensterben der Vögel. "Da können auf einen Schlag 30.000 bis 40.000 Tiere verenden." Denkbar ist eine Vergiftung durch Toxine in den Blaualgen, aber bis jetzt haben die Wiener Forscher noch keine Unterstützung für diese Hypothese gefunden. "Möglicherweise sind Flamingos auch einfach nach einem Zusammenbruch der Blaualgenbestände anfälliger für Infektionen wie z. B. Vogeltuberkulose", sagt Schagerl. Den Ergebnissen seiner Arbeiten sieht auch das Kenya Wildlife Service mit großer Spannung entgegen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2010)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Schauspiel der Zwergflamingos in den Soda-Seen in Kenia ist eine Touristenattraktion. Wenn der Bestand an Blaualgen im See zusammenbricht, müssen auch die Flamingos abziehen. Immer wieder kommt es zu einem Massensterben der Vögel.

  • Eine Ansicht der Blaualge Arthrospira.
    foto: schagerl

    Eine Ansicht der Blaualge Arthrospira.

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