,,Man muss ein Vagabund sein"

19. Oktober 2010, 20:15
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Thomas Greb erforscht die Ursachen des Pflanzenwachstums - Was Stress damit zu tun hat und wie viel Zeit man als Forscher mit E-Mail-Schreiben verbraucht, erklärte er Robert Czepel

STANDARD: Ihr Forschungsgebiet ist das sogenannte sekundäre Dickenwachstum von Pflanzen. Was ist das?

Greb: Das ist jener Prozess, der beispielsweise dafür sorgt, dass der Stamm von Bäumen im Laufe der Zeit immer dicker wird. Verantwortlich ist letztlich eine kleine Population von Zellen, die im Stamm oder Stängel sitzt und laufend neue Zellen produziert. Der Prozess interessiert uns, weil er ganz entscheidend für den Aufbau von Biomasse sowie für die Holzproduktion ist.

STANDARD: Sind diese "Stamm-Zellen" eigentlich Stammzellen?

Greb: Ja, das kann man durchaus so ausdrücken. Bei Pflanzen gibt es allerdings keine so klare Trennung zwischen Körper- und Stammzellen, wie es bei Tieren der Fall ist.

STANDARD: Am Dickenwachstum sind Gene beteiligt, die durch Stress und Druck aktiviert werden. Was hat denn Stress mit Wachstum zu tun?

Greb: Sehr viel. Wenn starker Wind weht, ist es für einen Baum sinnvoll, wenn der Stamm stabiler wird. Der mechanische Stress scheint Stammzellen zu aktivieren, die dann ihrerseits mehr Gewebe produzieren.

STANDARD: Gibt es solche Mechanismen auch bei Tieren?

Greb: Pflanzen werden sehr stark von Umwelteinflüssen gesteuert. Die Gehirnentwicklung von Tieren ist zwar ebenfalls sehr stark von der Umwelt abhängig. Aber dass äußere Einflüsse die Gestalt eines Lebewesens so stark bestimmen - das ist eine typischer Eigenschaft von Pflanzen.

STANDARD: Welche Anwendungen ergeben sich aus Ihrer Forschungsarbeit?

Greb: Uns geht es primär um ein Verständnis des Dickenwachstums. Wenn sich daraus Anwendungen ergeben, ist das gut, aber sie sind nicht das eigentliche Ziel. Eine Anwendung wären etwa Hormonbehandlungen von Pflanzen, um das Wachstum zu stärken oder zu bremsen - je nachdem, was vorteilhaft erscheint.

STANDARD: Glauben Sie, dass Wissenschaft einem zu starken Legitimierungsdruck unterliegt? Quantencomputer, Krebsbekämpfung und die Heilung neurodegenerativer Krankheiten etwa werden in den Naturwissenschaften extrem häufig als Anwendungsziel genannt. Das wirkt mitunter sehr bemüht.

Greb: Ich glaube, dass sich Forscher diesen Druck oft selbst schaffen, weil sie das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen. Das liegt unter anderem daran, dass mögliche gesellschaftliche Anwendungen bei Forschungsanträgen gern gesehen werden. Dadurch werden natürlich auch manchmal falsche Erwartungen geweckt.

STANDARD: Sie arbeiten mit der Ackerschmalwand, dem Modellorganismus der Botanik. Kann man von Pflanzen auch etwas über menschliche oder zumindest über tierische Genetik lernen?

Greb: Absolut. Zahlreiche Entdeckungen wurden zunächst an Pflanzen gemacht und dann auf das Tierreich übertragen. Die sogenannten "small RNAs", von denen zurzeit so viel die Rede ist, wurden von Pflanzengenetikern gefunden. Nun weiß man, dass sie bei der Regulation des Erbguts nahezu aller Organismen eine enorm wichtige Rolle spielen.

STANDARD: Was die Zahl der Publikationen betrifft, dominieren allerdings Tier- und Humangenetik das Feld. Fühlen Sie sich manchmal innerhalb der Molekularbiologie daher als Vertreter einer Randerscheinung?

Greb: Nein. Viele Pflanzenforscher haben jedoch die Tendenz, sich als Wissenschafter zweiter Klasse zu fühlen - wofür es keinen objektiven Grund gibt. Allerdings findet sich die Tendenz, sich vom Rest der Molekularbiologie abzugrenzen, auch im System selber wieder: Es gibt viele pflanzenspezifische Zeitschriften und Konferenzen, aber kaum solche, die etwa nur Insekten oder Pilzen gewidmet sind.

STANDARD: Haben Sie eine Lieblingspflanze?

Greb: Das ist schon die Ackerschmalwand. Man muss dem Organismus, mit dem man arbeitet, auch eine gewisse Sympathie entgegenbringen. Sonst wird's schwierig.

STANDARD: Insofern haben Sie es ja am Gregor-Mendel-Institut mit dem Schwerpunkt Ackerschmalwand gut getroffen. Bevor Sie hierhergekommen sind, haben Sie in Köln und in Norwich geforscht. Muss man Nomade sein, um in der Wissenschaft Erfolg zu haben?

Greb: Absolut. Man muss ein Vagabund sein. Es ist sicher nicht ratsam, die gesamte wissenschaftliche Karriere an einem Ort zu verbringen.

STANDARD: Warum ist das eigentlich so wichtig?

Greb: Um den Horizont zu erweitern. Um andere Labors, Arbeitsweisen und Mentalitäten kennenzulernen. Sonst besteht die Gefahr, dass man nur mehr im eigenen Saft kocht.

STANDARD: Inwiefern hat etwa Norwich Ihren geistigen Horizont erweitert?

Greb: Zum einen in Bezug auf das Fachwissen, weil ich dort in einem neuen Themengebiet gearbeitet habe. Wirklich entscheidend war jedoch das Knüpfen neuer Kontakte. Davon habe ich sicher sehr profitiert.

STANDARD: Welchen Anteil hat das Netzwerk bei einer wissenschaftlichen Karriere?

Greb: Einen sehr großen. Leute, die gut im Networking sind, haben es viel einfacher als solche, die ihre Versuche im stillen Kämmerlein durchführen - auch wenn sie noch so gut sein mögen. Letztendlich kommt es darauf an, die eigenen Ergebnisse zu verkaufen und Interesse dafür zu wecken.

STANDARD: Wie viel Zeit investieren Sie ins Networking?

Greb: Ich fahre häufig zu Konferenzen, verbringe den halben Tag damit, E-Mails zu schreiben. Kommunikation nimmt einen sehr breiten Raum ein - zur Arbeit im Labor komme ich hingegen kaum noch.

STANDARD: Sie haben derzeit acht Mitarbeiter. Warum sind Forschungsgruppen in den Lebenswissenschaften eigentlich selten größer?

Greb: Der wissenschaftliche Leiter muss wissen, was jeder Mitarbeiter macht. Er sollte in der Lage sein, alle Dinge zu verknüpfen. Und je größer die Gruppen sind, desto schwieriger wird das. Bei etwa 15 Personen ist die Kapazität oft erreicht.

STANDARD: Das heißt, wissenschaftliche Qualität erwächst auch hier aus dem Netzwerk.

Greb: Wenn man es schafft, aus den vielen Einzelprojekten im Labor ein großes Ganzes zu zimmern, ist das sicher ein Kriterium des Erfolges und der Sichtbarkeit in Fachkreisen. Im Grunde geht es darum, mit bestimmten Themen identifiziert zu werden. Das erhöht den Bekanntheitsgrad und letztlich die Reputation bei den Kollegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2010)

=> Wissen: Der Modellorganismus


Wissen: Der Modellorganismus

So stellt man sich Fort Knox vor: Im Keller des Gregor-Mendel-Instituts in der Wiener Dr.-Bohr-Gasse sind die Gänge von dickwandigen Türen mit verschließbaren Sichtfenstern gesäumt. Wie begehbare Tresore sehen die Eingänge von außen aus, in den dahinterliegenden Räumen werden keine Goldreserven gehortet, sondern Schätze des Wissens: viele hundert Pflanzen der Art Arabidopsis thaliana, der Ackerschmalwand.

Arabidopsis ist für die Pflanzenforscher, was Drosophila für die Tiergenetiker darstellt - sie ist der Modellorganismus schlechthin. Seit den 1940er-Jahren versuchen Biologen mithilfe des unscheinbaren Gewächses die Geheimnisse pflanzlichen Lebens zu ergründen. So ist die Ackerschmalwand heute jene Pflanze, zu der mit großem Abstand die meisten Studien veröffentlicht werden. 438.000 Treffer wirft etwa eine Suchanfrage bei Google Scholar zum Stich- wort Arabidopsis aus.

Zum Vergleich: Beim Weizen sind es 274.000 - trotz dessen landwirtschaftlicher Bedeutung. (cz)

Thomas Greb, geboren 1972, studierte an der Universität Köln Biologie, machte am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung seinen Doktor und forschte danach drei Jahre als Postdoc am John Innes Centre in Norwich. Seit 2006 leitet er eine Arbeitsgruppe am Gregor-Mendel-Institut der Akademie der Wissenschaften in Wien.

  • Ein Auge für das Dickenwachstum: Thomas Greb schaut sich die Ackerschmalwand, den Modellorganismus der Pflanzengenetiker, ganz genau an.
    foto: standard/heribert corn

    Ein Auge für das Dickenwachstum: Thomas Greb schaut sich die Ackerschmalwand, den Modellorganismus der Pflanzengenetiker, ganz genau an.

  • Ackerschmalwand als Schatz der Forschung.

    Ackerschmalwand als Schatz der Forschung.

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