Das Forschungszentrum als "eine Moschee im Vatikan"

19. Oktober 2010, 20:07
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Ein Akademie-Institut auf dem AKH-Campus verbindet Grundlagenforschung mit klinischer Wissenschaft

Wenn man den Campus des Wiener AKH über den Eingang Spitalgasse betritt, taucht nach kurzer Zeit im Blickfeld ein Bauwerk auf, das so gar nicht zur konventionellen Architektur der umliegenden Gebäude passen will: das Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ein Bau, dessen Äußeres auch einem modernen Kunstmuseum gut anstehen würde - Reduktion und klare Linien bestimmen die Ästhetik, rohe Betonflächen, Metall und Glas die Ausgestaltung. Sofort ins Auge sticht die Fassade: ein grüngraues, biomorphes Netzwerk auf Glas umrankt die Außenhaut, gestaltet vom österreichischen Künstler Peter Kogler.

Giulio Superti-Furga, der wissenschaftliche Leiter des CeMM, sprach den Künstler bei einem Abendessen an. Kogler "ist sehr an Wissenschaft interessiert und konnte sich schnell dafür begeistern" (Superti-Furga). Im Februar 2009 sagte er: "Ich mache das" - noch bevor Superti-Furga die notwendigen 50 Sponsoren gefunden hatte. Sechs Monate später war die Fassade Realität.

Im Inneren des Hauses arbeiten zurzeit sechs Forschergruppen zu medizinischen Themen - etwa Krebs, Arzneimittel, Entzündungen, Viruserkrankungen und Proteomik. Die Forscher des CeMM verstehen sich als Vermittler zwischen reiner Grundlagenforschung und klinischer Wissenschaft. Dementsprechend intensiv gestaltet sich der Austausch mit den Klinikern der umliegenden AKH-Institute und der Med-Uni Wien.

Ohne Zwistigkeiten 

"Wir sitzen in der geometrischen Mitte eines medizinischen Forschungscampus, der zu den größten in Europa gehört", so Superti-Furga. Ungewöhnlich ist die Kombination dennoch: Dass ein Akademie-Institut auf dem Gebiet des AKH und der Med-Uni ganz ohne territoriale Zwistigkeiten erbaut wurde, ist nachgerade unösterreichisch. "Manche nennen es eine Moschee im Vatikan", sagt Superti-Furga. Die Idee, ein medizinisches Forschungsinstitut mit transdisziplinärer Ausrichtung zu errichten, geht auf den ehemaligen Akademiepräsidenten Werner Welzig zurück. An der Umsetzung der Idee waren auch einige Wiener Mediziner maßgeblich beteiligt, darunter etwa Georg Stingl, einer der führenden Dermatologen des Landes.

Im Sommer 2010 haben rund 90 Forscher und Forscherinnen ihre Labors bezogen, im Lauf der nächsten Monate soll im CeMM eine futuristische "Brain-Lounge" eingerichtet werden. Dort können die Wissenschafter dann ihren Geist durchlüften - und im Idealfall, so die Intention, ganz entspannt neue Ideen sammeln. "Ein Hafen für Forscher, die eine kreativitätsfördende Umgebung benötigen", sagt Superti-Furga. "Er wird ein bisschen wie ein Spaceshuttle aussehen, mit bequemen Sesseln und Ausblick auf Wien. Es wird darin Lampen in Quecksilbertropfenform geben und natürlich Kunst." 2001 - Odyssee im Weltraum für Forscher? "Eher ein modernes Barbarella. Futuristisch, aber gemütlich."

Seit 2005 haben die Wissenschafter des Forschungszentrums 83 Studien veröffentlicht und fünf Patente eingereicht sowie ein Spin-off-Unternehmen gegründet. Zusätzlich zur Grundfinanzierung durch die Akademie der Wissenschaften hat das CeMM bisher mehr als 6,5 Millionen Euro Forschungsgelder aus Drittmitteln eingeworben. (Robert Czepel/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2010)

 

  • Kunstfassade mit Durchblick auf die Stadt.
    foto: cemm

    Kunstfassade mit Durchblick auf die Stadt.

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