"Künstler sind die Hirnmasseure der Forscher"

19. Oktober 2010, 20:04
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Der Systembiologe Giulio Superti-Furga versteht sich als "Proteinsoziologe" und als Brückenbauer zwischen Forschung und Medizin - Robert Czepel fragte nach

STANDARD: Sie sind seit 2005 wissenschaftlicher Direktor des Research Center for Molecular Medicine (CeMM). Wie haben Sie damals von dieser Stelle erfahren?

Superti-Furga: Die Stelle war im Fachblatt Nature inseriert. Der darin beschriebene Brückenbau zwischen Naturwissenschaft und Medizin hat mich sofort gereizt.

STANDARD: Sie haben tatsächlich die Zeitschrift "Nature" aufgeschlagen und per Inserat davon erfahren?

Superti-Furga: Ja. Ich hatte zu Beginn natürlich keine großen Hoffnungen, weil man davon ausgeht, dass solch führende Stellen in Österreich politisch vergeben werden. Es hat mich auch überrascht, dass ein externer Nichtmediziner für den Job genommen wurde.

STANDARD: Sie sind ja Systembiologe. Was genau machen Sie da?

Superti-Furga: Ein Beispiel: Systembiologen sind an Genen interessiert. Aber nicht an einzelnen Effekten, sondern am Zusammenspiel von Genen. Krankheiten sind für uns Änderungen in einem solchen Netzwerk.

STANDARD: Die Sequenzierung des Erbguts und ihre Verlängerung in den Proteinbereich, die sogenannte Proteomik, spielen an Ihrem Institut eine wichtige Rolle. Dabei fallen unglaublich viele Daten an. Sieht man da bisweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht?

Superti-Furga: Das geschieht täglich. Daher verfolgen wir auch den systembiologischen Ansatz: Mit Modellen am Computer erzeugen wir ein Gesamtbild, das man wiederum an der Realität überprüfen kann.

STANDARD: Bringt erst die Bioinformatik Sinn in die Datenmenge?

Superti-Furga: In Zukunft wird jeder Systembiologe oder -mediziner auch Informatiker sein müssen, um das Ganze zu verstehen. Wenn man Zellen in Serum gibt, beginnen sie zu wachsen. Früher hat man geglaubt, dabei würden Gene eingeschaltet, die mit Krebs in Zusammenhang stehen. Durch systembiologische Untersuchungen hat man herausgefunden: Dabei sind genau die gleichen Programme wie bei der Wundheilung aktiv.

STANDARD: Ein weiteres Forschungsgebiet des Zentrums sind "Smart Drugs". Wann ist ein Medikament "smart"?

Superti-Furga: Wenn es die Schwachstellen im Netzwerk spezifisch angreift und mit möglichst geringem Aufwand wieder ein Gleichgewicht herstellt.

STANDARD: So ähnlich wie beim Aikido - kleiner Impuls, große Wirkung?

Superti-Furga: Der Vergleich stimmt absolut. Wir suchen etwa die Achillesferse von Krebszellen - jener Bereich, wo wir nicht mehr mit dem Hammer agieren müssen.

STANDARD: Dennoch hat man den Krebs noch immer nicht besiegt. Welche Zukunftserwartungen haben Sie?

Superti-Furga: Wir werden ihn zumindest in Schach halten können. Wir hoffen, dass in 15 Jahren die meisten Krebsarten chronische Krankheiten - oder sogar heilbar sein werden.

STANDARD: Könnte es sein, dass der Begriff "Krebs" suggeriert, es gebe ein einheitliches Phänomen - obwohl dahinter eine Vielfalt an verschiedenen Gewebeentartungen steht, die nur wenig miteinander zu tun haben?

Superti-Furga: Das ist ein provokanter Gedanke, aber er stimmt nicht ganz. Krebs kennt eine unglaubliche Vielfalt von Erscheinungsformen - wo früher fünf Krebsarten waren, kennt man heute hunderte Unterformen. Doch trotz aller Vielfalt halte ich den Begriff "Krebs" als wissenschaftliches Konzept nach wie vor für sinnvoll.

STANDARD: Was war bislang Ihre wichtigste Entdeckung?

Superti-Furga: Die Kartierung von Eiweißverbänden in Zellen. Das war die erste Darstellung der Genprodukte, des sogenannten Proteoms. Wir nennen das ein bisschen salopp "Proteinsoziologie". Man könnte daher sagen, ich bin "Proteinsoziologe".

STANDARD: In Ihrem Büroregal stehen nicht nur Fachzeitschriften, sondern auch Kunstkataloge. Sind Sie kunstaffin?

Superti-Furga: Nicht nur ich. Die Zeiten sind gekommen, da das Interesse der Künstler an Wissenschaft so groß ist, dass sich diese Kontakte von selbst ergeben. Umgekehrt wissen wir Wissenschafter, dass das Erkennen der Welt auch eine emotionale Angelegenheit ist. Vielleicht sind ja die Künstler die Hirnmasseure der Forscher - und wir die Herzmasseure der Künstler.

STANDARD: Sie haben die deutsche Schule in Mailand besucht und sprechen perfekt Deutsch. Woher dieses Nahverhältnis?

Superti-Furga: Vollkommener Zufall. Ich glaube, meine Eltern wussten selbst nicht, warum sie mich und meinen Bruder in die deutsche Schule gesteckt haben. Das hatte für mich später berufliche Vorteile, Nachteile gibt es aber auch: Vielleicht gehen ein bisschen nationale Wurzeln verloren.

STANDARD: Wenn Österreich gegen Italien Fußball spielt ...

Superti-Furga: ... dann halte ich hundertprozentig zu Italien. Aber mein Sohn hat mich gefragt: Wenn ich für die Nationalmannschaft spielen würde, für wen sollte ich spielen? Gott sei Dank liegen seine Talente anderswo. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2010)

 

Giulio Superti-Furga studierte in Zürich und San Francisco Molekularbiologie, arbeitete danach als Teamleiter am European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg. Seit 2005 ist er wissenschaftlicher Direktor des Center for Molecular Medicine der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Superti-Furgas erste umfassende Kartierung von Eiweißverbänden in Zellen war im Jänner 2002 das Cover-Thema des Fachblatts Nature. Die Arbeit wurde bislang mehr als 2000-mal zitiert.

  • Giulio Superti-Furga in den Räumen des neuen Institutsgebäudes auf dem Gelände des Wiener AKH.
    foto: standard/heribert corn

    Giulio Superti-Furga in den Räumen des neuen Institutsgebäudes auf dem Gelände des Wiener AKH.

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